Erdrutsch von Nachterstedt Experte empfiehlt Räumung der Siedlung

Werden die Evakuierten nie wieder in ihre Häuser zurückkehren können? Die vom Erdrutsch betroffene Siedlung in Nachterstedt sollte nach Ansicht eines Bergbauexperten jedenfalls für immer geräumt werden. Die Betroffenen suchen nach Auswegen und hoffen auf eine Ausnahme.


Nachterstedt - "Man muss diesen Standort nach meiner Meinung aufgeben", sagte Günter Meier, Lehrbeauftragter für Altbergbau an der TU Bergakademie Freiberg, am Dienstag im ZDF-Morgenmagazin. Auf die Frage, ob man die abgerutschten Häuser, die in den dreißiger Jahren gebaut wurden, vorsorglich hätte räumen müssen, antwortete der Ingenieur, dass es "keinerlei Anzeichen" für eine Instabilität gegeben habe.

Zu Befürchtungen, dass sich ein ähnliches Unglück an anderer Stelle wiederholen könnte, sagte Meier: "Sicherheit in dem Sinne kann man nicht geben." Wer in einem Altbergbaugebiet lebe, müsse mit einem gewissen Restrisiko rechnen.

Nach dem anfänglichen Schock begreifen die Betroffenen langsam das ganze Ausmaß der Katastrophe. Als das Bergbau-Unternehmen LMBV auf der Einwohnerversammlung am Montagabend schnelle, unbürokratische Hilfe und großzügige Entschädigungen verspricht, wird vielen klar, dass sie alles hinter sich lassen. Zugleich loben sie die Betreuung durch die zahlreichen Helfer. "Von der ersten Minute an", wie eine Frau sagt, die nicht weiß, ob sie jemals wieder in ihre Wohnung zurückkehren kann.

"Die Kommune hilft uns"

"Wir können jederzeit mit unseren Fragen und Problemen kommen, die Kommune hilft uns, und die Seelsorger haben immer ein offenes Ohr. Besser geht es nicht", fügt sie hinzu. Alles habe sie verloren, und als sie am Sonntagabend noch einmal kurz ins Haus durfte, da konnte sie ohnehin nicht viel mitnehmen. Ein paar Erinnerungsstücke, Papiere, Schmuck, die Lieblingsjacke. Das meiste musste zurückbleiben.

"Ich habe erst heute begriffen, dass das wohl alles ist, was mir bleibt. Ich habe jämmerlich geheult. Was kann man schon mitnehmen in 25 Minuten?" "Alle haben geweint", fällt ihr eine Schicksalsgenossin ins Wort. "Wenn man die paar Habseligkeiten sieht, die man zusammenraffen konnte, dann ist einem nur noch zum Heulen."

Andere richten den Blick nach vorn. "Ich will auf gar keinen Fall wieder zurück in mein Haus", sagt eine Mittfünfzigerin. "Aber wohin, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich habe einfach den Kopf noch nicht frei. Jetzt wohnen wir bei meiner Tochter, aber sie kommt am Wochenende aus dem Urlaub zurück, da müssen wir nach etwas anderem suchen."

Die Hoffnung auf Rückkehr

Ihre Nachbarin hat bereits nach einer Wohnung Ausschau gehalten. "Da haben wir schon mal von draußen geguckt, mein Mann und ich. Die ist zwar nicht so schön wie unser Haus da am See, aber auch ganz hübsch. Morgen wollen wir hinein." Dann wolle sie erst einmal nach gebrauchten Möbeln suchen, bevor sie es sich wieder richtig schick machen wolle.

Und irgendwo ist ja da noch die Hoffnung, vielleicht doch noch mal zurück zu dürfen ins Haus. Um die eigenen Möbel zu holen. Aber diese Hoffnung wird sich wohl nicht erfüllen. Die Risse am Abbruchgebiet deuten auf weitere Erdrutsche hin und lassen eine Rückkehr zu riskant erscheinen. Sie wird immer unwahrscheinlicher.

Für die etwa 40 Menschen, die wegen der Einsturzgefahr ihre Häuser aufgeben mussten, sollen schnell Wohnungen in der Region gefunden werden, wie der Landrat des Salzlandkreises, Ulrich Gerstner (SPD), sagte. "Die Lösung der Wohnungsfrage steht an erster Stelle. Wir haben eine große Auswahl an Wohnraum in der Region."

jdl/dpa/AP

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