Erdstöße in Neuseeland Schrecken vor dem Weihnachtsfest

Für viele Einwohner Christchurchs war es ein Déjà-vu der Angst. Mitten in der betriebsamen Vorweihnachtszeit haben einige Beben die Stadt erschüttert. Mehrere Menschen wurden verletzt. Die Erdstöße weckten schreckliche Erinnerungen an die Katastrophe vom Februar.

Schäden durch das Beben in Christchurch: Rucken, Rollen und Dröhnen
REUTERS

Schäden durch das Beben in Christchurch: Rucken, Rollen und Dröhnen

Von Anke Richter, Christchurch


Die Einwohner von Christchurch waren in vorweihnachtlicher Ferienstimmung, der Bürgermeister bereits in den Urlaub geflogen, Sommer lag über der Stadt auf der Südinsel Neuseelands. Die letzten Tage des wohl schwersten Jahres in der Geschichte des Landes waren angebrochen, als um kurz vor 2 Uhr deutscher Zeit am Freitag ein Erdbeben die Stadt erschütterte.

Der erste Erdstoß der Stärke 5,8 ereignete sich um 13.58 Uhr (1.58 Uhr MEZ). Viele Menschen rannten in Panik auf die Straßen. Der Flughafen wurde geräumt, in einigen Vierteln brachen die Stromversorgung und das Telefonnetz zusammen. Als 70 Minuten später ein Nachbeben derselben Stärke die Stadt erschütterte, steckten viele verängstigte Bewohner auf dem Weg nach Hause in vollgestopften Straßen fest. Nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS lagen die Epizentren der beiden schwersten Erdstöße 26 und 16 Kilometer von Christchurch entfernt.

Erst im Februar hatten schwere Erdstöße viele Gebäude in der Stadt völlig zerstört oder beschädigt, 181 Menschen kamen ums Leben. Die Ruinen von damals waren abgesperrt. Wohl deshalb gab es nun keine Toten, aber unter den Menschen brach Panik aus. 20 Einwohner der Stadt wurden verletzt. Der Feiertagsfriede in der "Gartenstadt" ist vorbei, bevor die Feiertage überhaupt begonnen haben.

Die meisten Menschen erlitten Panikattacken und Atemnot, berichtete ein Sprecher des Notdienstes im Rundfunk. Auch die Notaufnahmen in den Krankenhäusern behandelten zahlreiche Patienten mit ähnlichen Symptomen. Nach ersten Informationen wurde niemand durch herabfallende Steine oder einstürzende Wände verletzt.

"Sehr schnell immer unheimlicher"

Einer aus der Menge der verschreckten Weihnachtseinkäufer war Andrew Wood, auf der Suche nach Geschenken durchstreifte er die dekorierte Westfield Mall im Vorort Riccarton, ein riesiges Einkaufszentrum. Viele Menschen kommen hierher, seit am 22. Februar die Innenstadt durch das verheerende Beben der Stärke 6,3 in Schutt und Asche gelegt worden war. "Ich dachte anfangs, es ist vielleicht nur eines der vielen kleinen Nachbeben, das kennt man ja", sagt der 35-jährige Uni-Dozent. Er stand an einem der Fast-Food-Stände im Erdgeschoss, als das Rucken, Rollen und Dröhnen begann. "Aber es wurde sehr schnell immer unheimlicher."

Wood zog zwei kleine Bistrotische über sich zusammen und suchte darunter Schutz. Um ihn herum schrien Kinder, die eben noch dem Weihnachtsmann die Hand geschüttelt hatten. Menschen fluchten, manche wimmerten. Als die Stöße endlich aufhörten, versuchte Wood so schnell wie möglich ins Freie zu kommen. "Die Verkäufer waren gut vorbereitet und blieben ruhig", sagt er. Danach traute er sich erst mal nicht nach Hause. Im Februar hatte er von seinem Apartment aus das Hochhaus gegenüber einstürzen sehen.

Für die Bewohner ist es ein Rückschlag. Die Beschwerlichkeiten der letzten Monate mit mehr als 7000 Nachbeben hatten gerade begonnen, in den Hintergrund zu treten, als sich die Erde nun wieder aufbäumte. Vielen Menschen kamen die über der Stadt kreisenden Hubschrauber wie ein Déjà-vu vor, das einem Alptraum entstammt: Sirenen heulten, die Feuerwehr rückte aus. Von den bereits abgestürzten Hängen, auf dessen Kanten seit zehn Monaten noch immer die Reste auseinandergebrochener Villen stehen, prasselten Felsbrocken und Erdmassen herab. Die zum Schutz aufgestellten Container entlang der Küstenstraße konnten sie abfangen: Christchurch war vorbereitet.

Roger Sutton, der Chef der Wiederaufbau-Behörde CERA und seit dem dritten schweren Beben im Juli das Gesicht der Hoffnung für Christchurch, hatte gerade seinen Dienst beendet, als er bereits wieder im Katastropheneinsatz war. "Wir haben alles unter Kontrolle", sagte er am Rande der "Red Zone", der seit Februar abgeriegelten Innenstadt, wo damals zahlreiche Menschen starben. Die Leute sollen aufeinander achtgeben und zu Hause bleiben.

Gerade der letzte Ratschlag wird nicht lange zu befolgen sein. Der 24. Dezember ist auch in Neuseeland, wo erst am ersten Weihnachtsfeiertag gefeiert wird, der umsatzstärkste Einkaufstag des Jahres. Die Westfield Mall in Riccarton, wo Andrew Wood Todesängste ausstand, will morgen um 9 Uhr wieder ihre Türen öffnen.

insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
RaMaDa 23.12.2011
1. ...und trotzdem.....
Zitat von sysopFür viele Einwohner Christchurchs war es ein Déjà-Vu der Angst. Mitten in der betriebsamen Vorweihnachtszeit haben mehrere Beben die Stadt erschüttert. Mehrere Menschen wurden verletzt. Die Erdstöße weckten schreckliche Erinnerungen an die Katastrophe vom Februar. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,805484,00.html
--------------------------------------------------------------------- ...ist es das schönste Land der Erde.
Matthias Franz 23.12.2011
2. Und trotzdem ...
... werde ich nach Weihnachten dort hinfliegen. :-) Wohl kaum ein Land der Erde (vielleicht mit Ausnahme von Japan) ist so auf Erdbeben vorbereitet wie NZ. Dennoch hätte ich gewünscht, dass den Kiwis dieses neuerliche Desaster erspart geblieben wäre.
Irek 23.12.2011
3. Im tödlichen Würgegriff der Physik
Nicht die Erdbeben sind die größte Gefahr für die menschen sondern Physiker. Eine echte Plage der Menschheit. http://forum.spiegel.de/f22/christchurch-neue-erdbebenserie-ersch%FCttert-neuseeland-37666-3.html#post9155028
kalumeth 23.12.2011
4. Erdbeben sind Naturkatastrophen - Treibhauseffekt hingegen nicht
Zitat von Matthias Franz... werde ich nach Weihnachten dort hinfliegen. :-) Wohl kaum ein Land der Erde (vielleicht mit Ausnahme von Japan) ist so auf Erdbeben vorbereitet wie NZ. Dennoch hätte ich gewünscht, dass den Kiwis dieses neuerliche Desaster erspart geblieben wäre.
mal eben für 3 -4 Wochen? Zu den westlichen Klima"Vorbildern" für Chinesen und Inder, denen Pro-Kopf-Emissionen "nebensächlich" erscheinen, gehören Sie dann auch..?
felisconcolor 23.12.2011
5. Wenn es sie
Zitat von kalumethmal eben für 3 -4 Wochen? Zu den westlichen Klima"Vorbildern" für Chinesen und Inder, denen Pro-Kopf-Emissionen "nebensächlich" erscheinen, gehören Sie dann auch..?
beruhigt. Er wird dorthin schwimmen. Wie er mir glaubhaft versicherte. Man kann hier echt nur noch mit dem Kopf schütteln.
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