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30. April 2002, 17:28 Uhr

Erfurt

Die Schule der weinenden Herzen

Von Holger Kulick, Erfurt

"Warum? Warum?" Diese Frage quält die Erfurter, treibt Schüler, Lehrer und Eltern auf die Straßen, in die Kirchen oder zum Blumenmeer vor dem Gutenberg-Gymnasium. Die Antwort wird immer schwieriger, je mehr vermeintliche Lösungen die Politiker präsentieren.

Immer wieder dieselbe Frage - Blumen vor dem Gutenberg-Gymnasium
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Immer wieder dieselbe Frage - Blumen vor dem Gutenberg-Gymnasium

Erfurt - "Macht kaputt, was uns kaputt macht!", steht auf einem handgemalten Schild. Es ziert einen Pappkarton, der als Mülleimer für blutrünstige Computerspiele dienen soll. Die Kiste haben Schüler am Rande des Blumenmeers vor dem Gutenberg-Gymnasium in Erfurt platziert. Aber sie ist fast leer. Nur vier, fünf durchgeknickte Scheiben mit "Command Conquer" oder anderen Gewalt- und Strategiespielen liegen darin und werden grinsend von Schülern beäugt.

Ohne Unterlass strömen Tag für Tag Schulkassen und Passanten zu dem Ort, von dem am vergangenen Freitag das Grauen ausging und wo nun ein Transparent nüchtern fragt: "Robert S. Wieso hast du uns das angetan?"

Auf der anderen Seite des Blumenbergs legen Schüler gerade eine selbst gebastelte Spruchcollage ihrer Klasse nieder. Darauf fragen sie den 19-jährigen Attentäter: "Warum wolltest du auf diese Weise Berühmtheit erlangen?" Und fordern dazu auf: "Wehrt euch mit Worten, nicht mit Waffen und Gewalt."

Es ist ein Strom ohne Ende und setzt sich sogar bis Mitternacht fort. Auch das Rathaus hat lange in den Abend hinein geöffnet, damit sich Bürger in die Kondolenzbücher der Stadt eintragen können. Täglich etwa 5000 werden gezählt. Ob in den Trauerbekundungen im Buch oder auf Zetteln, die aus dem Blumen- und Kerzenmeer vor der Schule ragen, am häufigsten schreien sie still nur ein Wort: Warum?

Informationstafel in Erfurt
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Informationstafel in Erfurt

Dazwischen Stofftiere, gebastelte Papierblumen, Erinnerungsfotos an Lehrer und die beiden durch eine Tür hindurch erschossenen Schüler. 1972 nach dem blutigen Attentat auf israelische Sportler bei der Olympiade in München, habe der damalige IOC-Präsident Avery Brundage verkündet, "The games must go on", erinnert ein Schüler auf einem längeren Brief, das werde jetzt sicher auch so sein müssen, aber wie? "Denn Ronny ist tot." In der Nähe haben dessen Freunde unter einer Brücke ein großes "Ronny" aus Teelichtern gelegt, um ihm hier in der Nacht zu gedenken.

Noch stärker berühren viele Kinderbilder. Das Schulhaus ragt immer wieder gezeichnet heraus, darüber weinende Wolken und eine traurige Sonne. "Auch die Sonne weint jetzt Tränen" hat ein Kind dazu geschrieben. Eine Gruppe Viertklässer hat in vielen Variationen weinende Herzen gemalt, eins davon steht inmitten eines Klassenraums und aus seinem Tränenfluss ist bereits ein See geworden. "Wir sind die Schule der weinenden Herzen", meint ein Schüler am Rand.

Rundherum sprechen viele beschämte und traurige Gesichter Bände, geredet wird wenig. Schweigen überwiegt. Allenfalls Schulkassen von außerhalb irritieren, weil sie plötzlich Fotoapparate zücken um festzuhalten, wie sie ihre mitgebrachten Blumensträuße niederlegen. Doch dieses lockere Herangehen ist für sie notwendig, um gelöster mit der Aufarbeitung dieses Grauens umgehen zu können.

Störfaktor Medien

Störfaktoren sind eigentlich nur noch wir Journalisten. Ein, zwei noch anwesende Fernsehteams werden angehalten, doch möglichst das Fragen zu unterlassen und der Reporter einer Illustrierten beklagt sich, dass ihm gestern sogar Prügel angedroht wurden, weil er immer noch neue blutrünstige Details von Schülern erfahren wollte.

Die Respektlosigkeit und Blutgier mancher Medien hat die Schüler zusätzlich verschreckt. Montagmittag bei einer großen Aussprache vor dem Erfurter Dom wurden viele Beschwerden laut: "Wer am besten heult, bekommt den besten Sendeplatz."

Transparent in Erfurt am 1. Mai
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Transparent in Erfurt am 1. Mai

Statt nachzubohren, wer spritzendes Blut gesehen hat, sollten die Reporter viel wissensdurstiger sein, warum man zum Beispiel so einfach an Waffen kommt, meint auch eine Schülerin vor dem Gutenberg-Gymnasium.

Ähnlich bringt es Carolin Freytag auf den Punkt. Die Viertklässlerin hat ein Bild mit bunter Natur, strahlender Sonne und Maulwurfshügel gemalt und auf einen weiteren Blumenberg vor der Erfurter Rathaustür gelegt. Neben der gemalten Sonne steht in Kinderschrift die Zeile: "Kein Mensch braucht Waffen zu Hause."

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Plakat am Gutenberg-Gymnasium
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Plakat am Gutenberg-Gymnasium

Dass Robert S. zu Hause so viele Waffen und Munition horten konnte, war jedoch legal und darüber schütteln die meisten den Kopf, wenn man kleinen Diskussionsgruppen zuhört. Einer der größten Fehler im deutschen Waffenrecht sei das, meint ein älterer Erfurter Bürger auf dem Domplatz. Wenn es die Waffen nur im Schützenverein eingelagert gebe, wäre das vielleicht alles nicht passiert. Hinter seinem Rücken ziert ein Werbeplakat der Kindernothilfe die Straßenbahnhaltestelle. "Stell Dir vor, Du bist ein Kind und musst töten. Schützen wir Kinder vor kriegerischer Gewalt. Weltweit". Dargestellt wird ein Kind das seinem Schatten als Soldat zu entrinnen versucht. Aber gemünzt ist das Poster nur auf Kinderarmeen in der Dritten Welt, nicht auf den plötzlichen Krieger Robert S.

Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass Robert S. die Pumpgun, die er besaß, gar nicht kaufen durfte, denn genehmigt worden war ihm nur ein andere Typ Flinte von den Behörden. Doch darauf strenger zu achten - am Tatausgang geändert hätte das nichts. Dass er seine Tat langfristig geplant hat, steht inzwischen fest.

Trägt die Schule Schuld? Oder die Eltern?

Schuld lastet auch auf Thüringens Schulsystem. Wenn ein gescheiterter Abiturient keinen Ersatzabschluss erhalte, müsse das doch aggressiv machen, diskutiert eine Gruppe Erfurter Bürger in der Straßenbahn. Dem versucht inzwischen Thüringens Bildungsminister Michael Krapp (CDU) zu widersprechen. Dieser Fall habe "nichts damit zu tun".

Robert S. sei zwar "wegen Verwicklungen in Unterschriftenfälschungen" vom Gutenberg-Gymnasium geschmissen worden, die Schulverwaltung habe ihm aber ein anderes Gymnasium zugewiesen. Das habe er jedoch abgelehnt, daraufhin habe man ein weiteres Gymnasium für ihn gesucht.

Vorwürfe lasten nun besonders auf den Eltern des Attentäters, denen sich Robert S. möglicherweise nicht richtig öffnen konnte, so wird spekuliert. Oder wurde dort Leistungsdruck zu groß geschrieben? Oder nicht richtig auf eine depressive Grundstimmung des Heranwachsenden reagiert? "Wir waren bis zu dieser Wahnsinnstat eine ganz normale Familie und haben Robert ganz anders gekannt", haben die Eltern inzwischen trauernd an Thüringer Zeitungen geschrieben. Sie stehen nach wie vor unter Schock und bitten Journalisten in der Regel noch um Geduld, bis sie sich auch für Nachfragen öffnen. Das Rätsel Robert S. ist auch für sie selber zu groß und die "Hilflosigkeit grenzenlos", schreiben sie. Indessen sind Gerüchten und üblen Verdächtigungen bis hin zu möglichen Stasi-Verbindungen des Vaters Tür und Tor geöffnet. Doch was bitte hätte, wenn dem überhaupt so wäre, die Tat von Robert S. heute damit zu tun, 12 Jahre nach dem Untergang der DDR? So schießt eine neue Fragestellung nach der anderen ins Kraut, ohne dass sich Antworten finden. Nur Versäumnisse werden immer klarer.

Mangelware Schulpsychologen?

Jetzt erst werden auch in Thüringen Forderungen laut, die bereits in anderen Bundesländern angegangen werden. An jede größere Schule gehöre grundsätzlich ein Psychologe oder Sozialarbeiter als Vertrauensperson, fordert der zuständige Landeselternsprecher Johannes Hess: Damit die Kinder, wenn es schon zu Hause nicht richtig klappt, zumindest einen Ansprechpartner in der Schule haben.

Solche Hilfe wird aber in diesen Tagen erst in umfassender Weise organisiert. Jede Schulklasse kann bei Zusammenkünften im Rathaus oder an anderen Orten der Stadt auf ein bis zwei Psychologen zugehen, kleine Gesprächsrunden gehen vor und normaler Unterricht findet in dieser Woche eh nicht statt. Generell soll in Erfurts Schulen diese Woche auf Leistungsprüfungen verzichtet werden - auch weil sich die wenigsten Lehrer dazu im Stande sehen. Viele der ermordeten Lehrer waren stadtweit auch in anderen Schulen bekannt.

Bei größeren Zusammenkünften, wie zu Beginn dieser Woche vor dem Erfurter Dom, bekunden die Schüler auch Grundsatzkritik an ihrem strengen Schulsystem. Vorschläge, wie der Leistungsdruck gemindert werden könnte, blieben in der Regel ungehört und die mehrmalige Teilung des Klassenverbands durch das Kurssystem bekomme auch vielen Schülern nicht gut, die sozial auf beständigere Kontakte angewiesen seien. Andere bringen auch Selbstkritik zu Papier. Ob es nicht auch "Mobbing an Schulen" gebe, fragen drei Mitschülerinnen von Robert S. in einem langen Brief, der auf einem der Blumenhaufen liegt. Insbesondere Einzelgänger müssten darunter besonders leiden, vor allem, wenn sie nicht mehr mithalten können im Leistungswettbewerb.

Später innerer Zusammenhalt?

Rathaus Erfurt: Bürger stehen Schlange, um sich in Kondolenzlisten einzutragen
REUTERS

Rathaus Erfurt: Bürger stehen Schlange, um sich in Kondolenzlisten einzutragen

Die Trauerfeier am Freitag auf dem Domplatz um 11 wird mit Sicherheit eine der größten Anti-Gewaltkundgebungen Deutschlands in den letzten Jahren. Auch am ersten Mai wurden bereits im Rahmen eines Trauermarschs Denkanstöße formuliert und gegen privaten Waffenbesitz, aber auch gegen Thüringens praxisferne Schulverwaltung demonstriert. Vorläufig sind auch alle Unterhaltungsveranstaltungen in der Stadt abgesagt. Um so mehr Zulauf erhalten Erfurts große Kirchen, die wechselweise tagsüber oder abends zu Diskussionskreisen und Gebetsstunden einladen.

Bei Andachten in der Erfurter Severikirche treten wechselweise Betroffene ans Mikrofon um für die Opfer, aber auch den Täter zu beten. "Herr im Himmel, mach das wir aufmerksamer werden und uns nicht gegenseitig verletzen", bat am Montagabend eine Frau.

"Aber wie denn, wo doch sonst auf uns keiner hört?", murrten zwei Jugendliche in meiner Sitzbank. Der "innere Zusammenhalt", den ihre Schule und die ganze Stadt jetzt beweise, sei zwar "toll" aber wie man sieht, "zu spät".

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