Erfurter Lehrer Heise Vom Helden zum Opfer

Für wenige Tage war der Erfurter Lehrer Rainer Heise ein Held: Nach eigenen Aussagen hat er Robert Steinhäusers Blutrausch gestoppt. Doch die Interviews, die er gab, kamen nicht bei allen gut an. Inzwischen wird er bedroht und beschimpft. Nun nimmt ihn die Familie des Attentäters in Schutz.


Lehrer Heise: "Du musst mir in die Augen sehen"
REUTERS

Lehrer Heise: "Du musst mir in die Augen sehen"

Erfurt - "Bitte, bitte, nicht noch ein Opfer", sagte Günter Steinhäuser der "Thüringischen Landeszeitung". "Der Mann hatte doch Todesangst. Das dürfen wir nicht vergessen," fleht der Vater, dessen Sohn 16 Menschen und sich selbst getötet hat.

Rainer Heise, Kunst- und Geschichtslehrer am Gutenberg-Gymnasium, wurde nach dem Massenmord in der Schule für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. Manche Medien feierten ihn als "Helden von Erfurt".

Der 60-Jährige hatte in mehreren Interviews berichtet, wie er an jenem Freitag dem 19-jährigen Täter entgegengetreten war. Als der Vermummte mit der gezogenen Waffe auf ihn zu kam, habe sich der ehemalige Schüler die Maske vom Kopf gezogen. Heise erkannte ihn: "Robert, du?" habe er gefragt. "Hast du geschossen, was denkst du Dir eigentlich dabei?" Dann, so Heise, habe er ihn aufgefordert, zu schießen. "Aber du musst mir in die Augen sehen dabei."

Als der Jugendliche daraufhin die Waffe weg legte, habe Heise ihn in einen leeren Raum geschoben: "Deine Waffe nimmst du mit," habe er zu Robert gesagt. Dann habe er schnell die Tür geschlossen und den Schlüssel umgedreht.

Nach wenigen Tagen als gefeierter Held wird Heise inzwischen geschnitten. Schuldirektorin Christiane Alt hatte in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" erklärt: "Manchmal denke ich, er hätte auch ein leiserer Held sein können." Der Erfurter Polizeichef Rainer Grube sagte, es gebe noch "einige offene Fragen". Auch wenn einiges an Heises Schilderung glaubwürdig sei, würden doch "Widersprüche bei der Rekonstruktion des Tatverlaufs deutlich", äußerte sich Grube in der "Welt am Sonntag".

Heise bei der Trauerfeier: Beim Bäcker bespuckt
DPA/Pilick

Heise bei der Trauerfeier: Beim Bäcker bespuckt

Heise sagt, nach dem Massaker sei für ihn der Alltag zur Hölle geworden. "Wie ich weiterleben soll, weiß ich nicht. Mir wird zu übel mitgespielt," sagte er der "WamS". Zeige er sich in der Öffentlichkeit, werde er bespuckt. Beim Gang zum Bäcker beschimpfe man ihn. Telefonisch sei ihm dreimal mit dem Tod gedroht worden. "Ich bin auf der Flucht", sagte Heise.

Ob sich das Ende des Massakers am 26. April so zugetragen hat, wie es Heise beschreibt, ist nicht bewiesen. Polizisten wollten es jedoch nicht ausschließen: "Es könnte so gewesen sein." Erwiesen ist, dass Steinhäuser tot in einem verschlossenen Zimmer gefunden wurde. Den Schlüssel hatte Heise.

Das Bundesverdienstkreuz will Heise nicht annehmen.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.