Ermittlungen in Dresden Koffer enthielt Splitterbombe mit einem Kilo TNT

Die ersten Ermittlungsergebnisse über die in Dresden gefundene Bombe bestätigen die schlimmsten Vermutungen: Der Sprengsatz enthielt ein Kilo TNT. Die Evakuierung eines Dresdner Hotels wegen eines weiteren herrenlosen Koffers entpuppte sich dagegen als Fehlalarm.




In einem solchen Koffer war die Splitterbombe versteckt
AP

In einem solchen Koffer war die Splitterbombe versteckt

Aus einem vertraulichen Dokument des Landeskriminalamtes Sachsen (LKA) sickerten am Dienstagvormittag immer mehr Details über die am Freitag in einem Koffer gefundene Bombe durch. Laut verschiedener Medienberichte enthielt der Koffer demnach ein Kilo hochexplosives TNT und eine Ladung Schottersteine, deren Splitter offenbar möglichst viele Menschen verletzen sollten.

Wie die "Bild"-Zeitung unter Berufung auf das vertrauliche LKA-Papier schrieb, entdeckten die Ermittler in dem Gepäckstück außerdem einen elektrischen Sprengzünder, einen Wecker unbekannten Fabrikats, eine farblose Flüssigkeit, mehrere Batterien sowie einen Schnellkochtopf. Bei der Flüssigkeit handelt es sich vermutlich um Nitro-Lösung, der Kochtopf war offenbar als Behältnis für den Sprengsatz vorgesehen.

Dem Berliner "Tagesspiegel" zufolge werten Sicherheitsexperten die Kofferbombe als überaus professionell hergestellten Sprengsatz. Deshalb sei zu vermuten, dass vor allem islamistische Terroristen oder Neonazis als Täter in Frage kämen. Militante Linksextremisten dagegen achteten in der Regel darauf, "unschuldige Opfer" zu vermeiden, schrieb das Blatt unter Berufung auf die Sicherheitsexperten. Diese schlössen auch nicht aus, dass die Bombe in einen voll besetzten Zug habe gebracht werden sollen. Täter aus dem Bereich der Organisierten Kriminalität oder geistig verwirrte Einzeltäter würden dagegen nicht hinter dem versuchten Anschlag vermutet.

Umso mehr haben die Fahnder am Dienstag ihre Ermittlungen intensiviert. Eine heiße Spur haben sie offenbar jedoch noch nicht gefunden. Mehrere Sprecher betonten, dass sie dringend auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen sind. Zu ihrem Unmut mussten die Ermittler feststellen, dass am Freitag keine Videoaufzeichnungen von dem Gleis gemacht worden waren. Diese würden auf dem Dresdner Bahnhof nur bei besonderen Gefahrenlagen wie Fußballspielen oder ähnlichen Großveranstaltungen gemacht, sagte ein Polizeisprecher.

Verdruss gab es hingegen intern. Beim LKA herrscht laut Polizeikreisen großes Unverständnis über das Vorgehen des Bundesgrenzschutzes (BGS). Dieser hatte den Sprengstoffkoffer noch am Freitag im Bahnhof mit einer Wasserkanone beschossen, wobei er stark zerstört worden war. Laut einigen LKA-Fahndern seien dabei reichlich Spuren vernichtet worden. Außerdem sei es nun unmöglich, herauszufinden, ob die Bombe voll funktionstüchtig war.

Trotz der bedrohlichen Ergebnisse sieht der Bundesgrenzschutz derzeit keine Notwendigkeit, die Sicherheitsvorkehrungen an Bahnhöfen und Flughäfen in Sachsen zu verstärken. Nach Angaben des sächsischen Innenministeriums hat das Bundeskriminalamt inzwischen einen Experten nach Dresden geschickt.

Nach Einschätzung des Innenministeriums gibt es zurzeit keine Erkenntnisse, wonach in dem Bundesland terroristische Strukturen existieren. Es gebe auch keine Erkenntnisse zu geplanten Anschlägen, sagte Sprecher Thomas Uslaub. "An dieser Einschätzung hat der Bombenfund vom Freitag nichts geändert." Der Innenminister werde sich am Mittag auf der Kabinettspressekonferenz dazu äußern.

Der schwarze Koffer der Marke "Shamp" war laut LKA am Freitag bei einer Kontrolle auf einem Bahnsteig entdeckt worden. Dort fahren Züge in Richtung Frankfurt/Main, Leipzig, Magdeburg und Flughafen Dresden ab. Es sei weder eine Drohung noch ein Bekennerschreiben eingegangen.

269 Menschen mussten unterdessen am Dienstagabend ein Hotel nahe dem Dresdner Hauptbahnhof verlassen, weil in der Lobby ein herrenloser Koffer gefunden wurde. Das Gepäckstück enthielt jedoch lediglich Werkzeug. Ein Monteur hatte seine Ausrüstung in der Empfangshalle vergessen, wie die Polizei mitteilte.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.