Ermittlungen in Russland Selbstmordkommando war an Bord der Tupolew

Eine islamistische Gruppe hat sich zu den fast gleichzeitigen Flugzeugabstürzen in Russland bekannt. An einer Absturzstelle wurden Spuren von Sprengstoff entdeckt. Auch der Geheimdienst geht nun von einem Terrorakt aus. Zwei Tschetscheninnen sind im Visier der Ermittler.




Absturzstelle der Tupolew-154: Spuren von Sprengstoff gefunden
AFP

Absturzstelle der Tupolew-154: Spuren von Sprengstoff gefunden

Moskau - Unterzeichnet war das Dokument, das auf einer einschlägig bekannten Website mit islamistischem Inhalt auftauchte, von einer Gruppe namens Islambuli-Brigaden. Die Gruppe hat sich Ende Juli zu einem Attentat auf den designierten pakistanischen Ministerpräsidenten Shaukat Aziz bekannt, ist aber weiter bislang nicht in Erscheinung getreten.

Die Maschinen seien als Vergeltung für den Tod von Muslimen in Tschetschenien entführt worden, hieß es. "Unsere heiligen Krieger schafften es, zwei russische Flugzeuge zu entführen, und waren erfolgreich, obwohl sie anfänglich Probleme hatten." Fünf Mudschaheddin seien an Bord jeder Maschine gewesen. Auf Einzelheiten zum Ablauf der Ereignisse ging die Erklärung nicht ein.

In deutschen Geheimdienstkreisen zweifelt man allerdings an der Echtheit des Bekennerschreibens. Es habe in der Vergangenheit zahlreiche falsche Bekennerschreiben gegeben, hieß es. Außerdem passe die Version der fünf Mudschaheddin an Bord nicht zu den derzeitigen Ermittlungen.

Die Tupolew-154 sei auf dem Flug nach Sotschi entführt worden, meldete die Agentur Itar-Tass unter Berufung auf die Flugüberwachung in Südrussland. In den Trümmern der nördlich von Rostow am Don entdeckten Tu-154 wurden zudem nach Angaben des Inlandsgeheimdienstes FSB Spuren des Sprengstoffs Hexogen gefunden. Dieser Sprengstoff wurde nach amtlichen Angaben bei Anschlägen auf russische Wohnblocks benutzt, denen 1999 rund 300 Menschen zum Opfer fielen. Dafür wurden seinerzeit tschetschenische Separatisten verantwortlich gemacht.

Die Polizei geht Hinweisen auf mögliche Selbstmord-Attentate tschetschenischer Terroristinnen nach. Der Verdacht falle auf zwei Frauen mit tschetschenischen Namen an Bord der beiden Tupolews, meldete die Agentur Itar-Tass unter Berufung auf ein Mitglied der Untersuchungskommission. Die Frauen waren die einzigen Toten, nach denen sich bislang keine Angehörigen bei den Behörden erkundigten. Die russische Internetzeitung Gazeta.ru meldet gar, die Körper der beiden Frauen seien - im Gegensatz zu allen anderen Leichen - völlig zerfetzt gewesen. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Toten Sprengstoff bei sich trugen.

Laut Informationen der russischen Tageszeitung "Kommersant" saß eine auf der Tu-154 gebuchte Tschetschenin auf Platz 19F, sieben Reihen vor dem Heck der Maschine, in dem sich die Triebwerke befinden. Nach Ansicht von Anti-Terror-Experten sei dies die für eine Explosion vorteilhafteste Position, schreibt der "Kommersant".

Wie aus Kreisen der Fluggesellschaft "Sibir" bekannt wurde, hatte die Passagierin zunächst einen Flug nach Sotschi für 9.20 Uhr am 25. August gebucht. Am Abend vor dem Abflug habe Frau D. jedoch an einem der fünf Schalter des Flughafens Domodedow ihr Ticket getauscht und einen Platz in der Maschine gebucht, die um 21.25 Uhr abfliegen sollte. Für die Umbuchung habe sie 500 Rubel (umgerechnet rund 14 Euro) gezahlt.

Nachforschungen des "Kommersant" ergaben, dass es in Moskau nur eine Familie mit demselben Nachnamen gibt, wie ihn die tschetschenische Passagierin D. angegeben hatte. Die Familie betont jedoch, mit ihrer Landsmännin nichts zu tun zu haben. Man solle sie allerdings nicht automatisch zur Terroristin erklären, nur weil sie aus Tschetschenien käme.

Die zweite Verdächtige heißt Amanta S. N., wurde in dem Dorf Kirowa im Wedenskij-Bezirk in Tschetschenien geboren und lebte in der Hauptstadt Grosny. "Eine junge, unverheiratete und unauffällige Frau", wie es das russische Innenministerium verlauten ließ. Sie war an Bord der Tupolew-134, der Maschine nach Wolgograd.

Die beiden Flugzeuge waren am Dienstagabend vom selben Moskauer Flughafen aus gestartet und fast zeitgleich von den Radarschirmen verschwunden. Alle 89 Menschen an Bord kamen ums Leben. Öffentlichkeit und Medien waren schon zu Beginn der Ermittlungen davon überzeugt, dass Terroristen die Abstürze verursacht haben. Der Kreml hatte zunächst versucht, jeden Terrorverdacht zu zerstreuen. Kritiker werfen der russischen Regierung deswegen vor, Ermittlungen in diese Richtung bis zu den Wahlen in der Konfliktrepublik Tschetschenien am Sonntag zu blockieren.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.