Ermittlungsakten-Panne Friedman-Verteidiger schickte Fax an Pizzabäcker

Peinliches Geständnis: Der Verteidiger von Michel Friedman hat versehentlich das Fax mit Ermittlungsergebnissen der Staatsanwaltschaft an einen Pizzabäcker geschickt. Die Berliner Ermittlungsbehörde, die wegen ihrer Informationspolitik im Fall Friedman massiv unter Druck geraten war, ist damit aus dem Schneider.




 TV-Moderator Friedman: Von ukrainischen Prostituierten belastet
REUTERS

TV-Moderator Friedman: Von ukrainischen Prostituierten belastet

Hamburg - Das Büro von Friedman-Verteidiger Eckart C. Hild bestätigte am Mittwoch überraschend, dass versehentlich ein fünfseitiges Fax mit Dokumenten zur Affäre an eine falsche Adresse versandt wurde. Der unbefugte Empfänger habe dann das Fax einschließlich beigefügter Anlagen aus den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen an Dritte weitergegeben, teilte Hild in Frankfurt mit.

Der so genannte "Dritte" war in diesem Fall die "Bild"-Zeitung, die am Mittwoch genüsslich auf Seite eins über die Zusammenfassung der Ermittlungsergebnisse berichtete. Ein "Pizza-Bäcker" aus einer deutschen Großstadt habe das Schreiben erhalten und der "Bild" zugespielt, so das Blatt. Nach Wochen der Berichterstattung über den Fall Friedman kam so am Mittwoch eine neue, skurrile Entwicklung hinzu.

In dem von Friedman-Anwalt Hild falsch verschickten Schreiben hatte die ermittelnde Berliner Staatsanwältin Petra Leister unter dem Aktenzeichen 68 Js 55/03 die Ergebnisse der Fahnder aus der Hauptstadt detailliert zusammengefasst, um dem Verteidiger von Friedman ein Bild der Lage seines Mandanten zu geben. Nach Angaben aus Justizkreisen hatte dieser ausdrücklich darum gebeten und das Fax Ende vergangener Woche erhalten. Für den TV-Moderator stellt sich demnach die Lage nicht gut dar. Nach Erkenntnissen der Ermittler soll Friedman mindestens zehn Mal in Anwesenheit von Prostituierten Kokain konsumiert haben.

Besonders belastend ist die Aussage einer Prostituierten, die in dem Schreiben mit dem Decknamen "Marta" zitiert wird. Sie sagte den Ermittlern, dass Friedman ihr mehrmals Kokain angeboten habe, was eine Straftat darstellt. Einige Male habe sie das vom Moderator angebotene Rauschmittel auch angenommen, so das Schreiben der Staatsanwältin. Weiterhin habe eine andere Frau mit den Decknamen "Ewa" ausgesagt, bei den Treffen im Berliner Hotel "Interconti" seien größere Mengen Kokain in einer Schale neben dem Bett aufbewahrt worden. Den Angaben zufolge soll es sich um jeweils rund zwei bis vier Gramm Kokain gehandelt haben.

In dem Fax der Staatsanwaltschaft sei auch eine Bewertung der Zeugenaussagen von Prostituierten vorgenommen worden, berichtet das Blatt weiter. Die Justiz halte die Aussagen der drei ukrainischen Freudenmädchen für glaubwürdig. Zudem gehe die Staatsanwaltschaft davon aus, dass die Frauen den Vize-Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland nicht aus Berechnung belasten. Da sie Kronzeuginnen im Prozess gegen die Menschenhändler-Bande seien, würden sie sowieso in Deutschland geduldet.

Bei der Berliner Justiz sorgte die Nachricht aus Frankfurt am Mittwochmittag für heftiges Aufatmen. Kurz nach den ersten Vorabmeldungen der "Bild" am Dienstagabend war bereits spekuliert worden, dass Mitarbeiter der Berliner Ermittlungsbehörde das brisante und vertrauliche Schreiben an die Presse weitergegeben hatten. Seit Tagen stehen die Ermittler unter Beschuss. Immer wieder behaupten Kritiker und Freunde Friedmans, die Fahnder aus der Hauptstadt hätten das peinliche Verfahren gegen Friedman absichtlich an die Öffentlichkeit gespielt. Selbst von einer Verschwörung war bereits die Rede.

Bereits am frühen Dienstagabend hatte "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann auf seinem Sommerfest in der Hauptstadt ausgewählten Kollegen anderer Blätter von der Geschichte mit dem Pizzabäcker berichtet. Als kurz darauf die Referentin der Berliner Justizsenatorin Katrin Schubert bei dem Fest im Tiergarten ankam, bot ihr Diekmann vielsagend an, sie könne ihn doch nach acht Uhr noch einmal ansprechen, da aufgrund einer "Bild"-Geschichte auf sie morgen viel Arbeit zukommen werde.

Als die Senatorin erfuhr, worum es bei der Story ging, war die Feierlaune verflogen. Ihre Referentin schickte sie unverzüglich los, um die erste Ausgabe der "Bild" zu beschaffen. Sie selbst fuhr zurück in die Justiz-Behörde und bestellte sofort ihren Generalstaatsanwalt Hansjürgen Karge und dessen Stellvertreter zum Krisengespräch. Schubert wusste, dass die Lage gefährlich war. Wäre ihre Behörde erneut einer gezielten Indiskretion beschuldigt worden, hätte auch ihr Stuhl mächtig gewackelt.

Nach längeren Recherchen jedoch beruhigte sich die Lage. Auf der einen Seite wurde Schubert zwar bestätigt, dass ein fünfseitiges Schreiben der Fahnder existiere und an die Anwälte von Friedman per Fax versandt worden sei. Auf der anderen Seite jedoch beschafften die Mitarbeiter der Fahnder die Sendeprotokolle der Faxgeräte. Aus diesen ging eindeutig hervor, dass das Fax ausschließlich an die Anwälte von Friedman gegangen war.

Schon am Mittwochmorgen konnte Schubert deshalb im Berliner Abgeordnetenhaus ein bisschen Gelassenheit zeigen. Auf Nachfragen im Rechtsausschuss stellte sie die Fakten klar. Vorsichtig deutete sie auch schon an, dass Fax könne eigentlich nur durch die Verteidiger an die Öffentlichkeit gelangt sein. Dass diese Vermutung so schnell bestätigt wurde, hat indes auch sie überrascht.

Matthias Gebauer



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