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INTERNET Erotik für Verrückte

Für rund 15 Dollar im Monat können Voyeure im Internet Frauen dabei zusehen, wie sie - knapp bekleidet - ein fast normales Leben vorspielen. In jedem Raum steht mindestens eine Kamera, alle paar Sekunden wird ein Bild übertragen. Die Show hat etwa 15 000 Anhänger.
aus DER SPIEGEL 7/1999

Das vermutlich meistgehaßte Plüschtier im Internet ist ein kleiner, blauer Stoffdelphin. Das Tierchen kommt immer dann zum Einsatz, wenn Krystal ihren Slip auszieht und das Ereignis von drei Kameras gleichzeitig via Internet live übertragen wird.

Die erste Kamera zeigt Krystals Oberkörper. Sie sitzt an einem Schreibtisch, schräg vor ihr steht ein Computer, ab und zu sieht man sie tippen. Krystal hat lange blonde Haare und trägt ein knappes Oberteil. Im Schnitt alle 15 Sekunden gibt es ein neues Bild von ihr.

Bild Nummer zwei kommt von der sogenannten Legcam unter dem Schreibtisch. Dessen Rückseite ist herausgebrochen, das Bild zeigt Krystals Beine. Wenn sie die spreizt, sieht man ihren Slip - und wenn sie keinen an hat, hockt mitten im Bild der kleine blaue Stoffdelphin.

Beim Begafftwerden wechselt Krystal, die in Wahrheit Christie heißt und 28 Jahre alt ist, sich mit 20 weiteren Mädchen ab. Sie alle arbeiten für »Watchcams.com«, ein Internetangebot aus einem Einfamilienhaus westlich von Orlando in Florida. Die Tätigkeit der Frauen besteht darin, im Schichtdienst ein bißchen so zu tun, als würden sie dort tatsächlich wohnen, also zu duschen, zu essen oder zu schlafen, und vor allem sich auffallend oft um- beziehungsweise auszuziehen. Bei all diesen Verrichtungen werden sie ständig von insgesamt 19 Kameras beobachtet.

Alle Kameras übertragen live und rund um die Uhr ins Internet, die Bilder der Legcam in der sogenannten Rezeption sehen sich in jeder Sekunde des Tages bis zu 15 000 Internetnutzer gleichzeitig an. Die Betrachter können per Tastatur mit der Frau am Schreibtisch reden, auf Neudeutsch: chatten.

Der Blick in echte und unechte Wohnzimmer hat Konjunktur. Im Internet gibt es zahlreiche virtuelle Peep-Shows, angeblich live, in Wahrheit aber oft per Video. Und schon seit längerem kursieren Seiten, auf denen Frauen ihr ganz normales Leben beobachten lassen. Wer lang genug hinschaut, kriegt auch dort mal ein wenig nackte Haut zu sehen - daß aber ein ganzes Haus mit Live-Kameras bestückt wird, ist neu.

Und auch die interaktive Kommunikation (der Chat) bietet neue Möglichkeiten. Im globalen Dorf treffen sich Koreaner, Libanesen, Deutsche, Australier und Amerikaner - vereinzelte Herren sammeln sich an ihren Computern zum virtuellen Stammtisch. Nur das Thema hat sich nicht geändert seit der Zeit, da man noch am Dorfbrunnen tratschte: Wie sieht die Frau wohl drunter aus?

Deshalb ist auch die Haltung der Rezeptionsbesucher gegenüber dem Delphin ziemlich eindeutig: zum Teufel damit. Aber das Stofftier wird brav sitzen bleiben, denn sein Job ist es, die Internetvoyeure auf Kamera Nummer drei heiß zu machen.

Die befindet sich hinter dem Stuhl und zeigt nach unten in einen Spiegel. Da Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel ist und der Stuhl aus Glas, könnte jetzt der Blick frei sein - aber nur die ersten beiden Kameras sind kostenlos. Für alle anderen muß man Mitglied bei Watchcams werden.

Für knapp 15 Dollar im Monat gibt es den Zugriff auf alle Kameras im Haus. Wer will, kann sich stundenlang das leere Badezimmer ansehen und hoffen, daß bald jemand zum Duschen kommt und dann den Vorhang nicht zuzieht, man kann das Sofa im Blick halten, eine Matratzenlandschaft kontrollieren, den Küchentresen aus mehreren Perspektiven beobachten, den Eßtisch, den Swimmingpool, eine weitere Sitzecke und drei Schlafräume.

Standardmäßig ist für den Computerzugang der Blick unter den Glas-Stuhl vorgesehen. Die zahlenden Mitglieder können hier ihre anatomischen Grundkenntnisse über den weiblichen Unterleib um die Erkenntnis erweitern, daß auch ein hübscher runder Hintern vergleichsweise platt wirkt, wenn er auf einem Stuhl plaziert wird.

Dennoch lieben die Mitglieder diese Kamera, unter anderem deshalb, weil sie im Chat gegenüber den Gastvoyeuren mit ihrem Herrschaftswissen protzen können: »Prima Show«, loben sie oder fragen nach, ob der Piercingring neu ist. Das weckt bei den Gastzuschauern die Lust auf mehr: Seit der Gründung von »Da House« - so heißt die Örtlichkeit - im vergangenen Oktober sind bald 15 000 Neugierige Mitglied geworden, ein Viertel aus Europa, davon knapp 1000 Deutsche.

Betrieben wird das Angebot von einem 40jährigen Deutschamerikaner, der sich Igor Shoemaker nennt. Wenn er sich im House aufhält, trägt er stets eine Schirmmütze und eine Taucherbrille. Er möchte nicht erkannt werden: »Es gibt so viele Verrückte da draußen.«

Die 21 Mädchen im House posieren und chatten auf dem Bildschirm in wechselnden Schichten. Geboten wird eine Mischung aus Voyeurismus und gebremster Erotik, immer hübsch im Einklang mit den Gesetzen: Wenn eine Frau die Hand zwischen die Schenkel legt, müssen alle fünf Finger jederzeit nachzählbar sein. Drei bis sechs Mädchen sind ständig anwesend, jeweils zwölf Stunden lang, für 120 bis 150 Dollar am Tag.

Im House sind neben der Legcam am Empfang zwei weitere Chatstationen eingerichtet, die praktisch pausenlos besetzt sind. Auf der rechten Bildschirmhälfte sieht der Kunde das Bild, links läuft durch, was die anderen so mitzuteilen haben.

Das ist oftmals wenig erbaulich. Vor allem an der Rezeption, wo auch Nichtmitglieder mitchatten können: Wer einen geraden Satz tippen kann, geht fast als intellektuell durch, selbst wenn der Satz »Zeig deine Titten« heißt. Wer noch ein »Bitte« anhängt, ist schon ein Gentleman.

Die 26jährige Nikki, seit wenigen Tagen erst dabei, brauchte keine 60 Minuten für die Erkenntnis, daß viele Männer bescheuert seien, manche zwar auch ganz nett, aber »wenn es um nackte Haut geht, dann sind sie alle auf dem Stand eines Zweijährigen«.

Bevor eine Frau neu angestellt wird, darf sie ein paar Stunden an der Rezeption testen, ob sie diesem versammelten Schwachsinn gewachsen ist. Ausgesucht werden die Frauen von Igor, einem seiner Mitarbeiter und von Christine, die eigentlich Nancy heißt. Nancy, 48, bekocht die Mädchen, teilt die Schichten ein, sorgt für Vitamine und schüttelt manchmal mahnend den Kopf, wenn die Rauchschwaden nicht nach purem Tabak riechen.

Nancy sorgt auch für den richtigen Personalmix im Haus: Es gibt Frauen mit roten, blonden, braunen und schwarzen Haaren, es gibt Dicke und Dünne, Latinos und Weiße sowie - fürs Publikum ganz wichtig - alle erdenklichen Busengrößen und -formen. Das reicht von Körbchengrößen knapp oberhalb der Nachweisbarkeitsgrenze wie bei Krystal, die auf die Forderung »Show me your tits« zu antworten pflegt: »Ich hab gar keine«, bis hin zu Alexis, bei der die plastische Chirurgie über Schwerkraft und Natur triumphiert.

»Airbags« nennt Igor solche Kunstprodukte verächtlich, aber ohne ihn und sein Internetangebot sähe Alexis jetzt vermutlich noch normal aus. Die Vergrößerung hat ihr ein Mitglied namens Tomas spendiert, jedenfalls die eine Seite. Die andere Hälfte hat Alexis' Freund bezahlt.

Nach der Aufrüstung gab es heftige Debatten unter den Mitgliedern, geführt an einer elektronischen Pinnwand - vergangene Woche hat Alexis entnervt gekündigt.

Der Fakt, daß live von so vielen Kameras gleichzeitig übertragen wird, bringt es mit sich, daß die Zuschauer permanent von dem Gefühl geplagt werden, etwas zu verpassen: Vielleicht ist in einem anderen Raum mehr los, vielleicht zieht Tiffany sich ja doch noch aus, vielleicht sollte man den Computer noch nicht ausschalten. Manche bleiben den ganzen Tag online.

Die Mädchen kriegen einiges an unfreiwilliger Komik geboten. Jede bekommt pro Tag einige Dutzend bis 200 E-Mails - oft senden die Männer Fotos von sich, aber wenn einer ein Selbstporträt schickt, auf dem er im Kopfstand und mit baumelndem Gemächte zu sehen ist, imponiert das weit weniger, als er sich wohl erhofft.

Wenn dann drei oder vier Frauen sich auf dem Sofa vor dem Schirm lümmeln, über die Witzfigur auf dem Foto kichern und übermütig ihre Hintern in die Kamera recken, dann wird das von den Benutzern dankbar als heiße Erotikshow aufgefaßt. In Wahrheit aber prickelt es im House überhaupt nicht.

Wird es den Mädchen zu heiß, dann nur deshalb, weil pausenlos die Heizung wummert. Was ist auch schon erotisch daran, einen Teller kaltgewordener Nudeln zu löffeln, selbst wenn Frau dabei die Beine spreizt und keine Unterwäsche trägt? Nacktheit wird im House - anders als am Bildschirm - sehr schnell sehr banal.

Was die Männer auf ihrem Bildschirm zu sehen kriegen, ist vielleicht 14,95 Dollar wert, die Realität ist es nicht. Um die Frauen vor den Verrückten da draußen zu schützen, wird die Anschrift des Hauses geheimgehalten, die Mädchen besuchen in ihrer Freizeit nur solche Discos, die von der gleichen Security-Gesellschaft geschützt werden wie das House.

Wer ein Geschenk loswerden will, kriegt eine Postfachadresse genannt. Fast täglich ist was in der Post, zumindest frische Blumen. Seit die 28jährige Shea sich als SM-Anhängerin geoutet hat, kriegt sie von ihren Anhängern Lederarmbänder geschickt, andere erhalten Schmuck, Süßigkeiten, Unterwäsche und Strapse. Zu Thanksgiving kam ein komplettes Menü inklusive Truthahn.

Jedes Mädchen hat einen eigenen Fankreis. Geht sie von dem Küchencomputer an den Chatplatz in der Sitzecke, ziehen die Fans mit. Einige haben sogar ganze Fanseiten im Internet eingerichtet, mit Bildern ihrer Favoritin, Gästebuch für andere Fans und selbstverfaßten Gedichten. »Das sind noch die nettesten Mitglieder«, sagt Cameron, 21, »die nerven wenigstens nicht mit Show-Wünschen.«

Solche Aufforderungen werden ohnehin nur selten erfüllt. Als Prinzip, sagt Cameron, gilt: »Je mehr ihr bettelt, desto weniger kriegt ihr zu sehen.«

Aber Arbeit machen die netten, zurückhaltenden Mitglieder auch. Denn die treuen Verehrer verlangen ungeteilte Aufmerksamkeit im Chat. Cameron: »Wie soll das gehen, wenn 30 Leute gleichzeitig auf mich einreden?«

Und dann sind da noch jene, die den reinen Voyeurismus pflegen und die von ihren Objekten absolute Natürlichkeit verlangen. Ihnen zuliebe hat Igor den durchsichtigen Vorhang in der Dusche ausgewechselt. Nun sind die Frauen dahinter nur noch schemenhaft erkennbar.

Der Vorhang ist nur eine der kleineren Investitionen, mit denen Igor seine Kunden bei Laune hält. Von den Einkünften, die nach Zahlung aller Kosten noch bleiben (Igor: »Im Januar hätte ich locker 150 000 Dollar entnehmen können."), wird ein großer Teil wieder angelegt: für noch mehr Technik und noch schnellere Leitungen. Derzeit braucht es 28 Server, um die Bilder und Buchstaben schnell genug ins Netz zu schicken.

Und die Kundschaft soll noch weiter anwachsen, demnächst will Igor an die Börse. Neben Watchcams betreibt er zwei weitere Internetseiten, die ebenfalls an Voyeure gerichtet sind. Im Sommer will Igor das House schließen und den »Palace« eröffnen: hypermodern eingerichtet, mit Flachbildschirmen, die in die Tische integriert sind, mit noch mehr Räumen, noch mehr Mädchen und weiteren Kameras.

Igors letzter Clou im House sind die beiden sogenannten Robocams, bewegliche Kameras, die per Internet ferngesteuert werden können. Verschwindet ein Mädchen aus dem Sichtfeld einer festen Kamera, kann man ihr immer noch mit der Robocam hinterherschwenken.

Technisch gesehen ist das ein kleines Meisterwerk, aus Kundensicht ein Glücksfall und im House ein Horror. Seit die Kameras Anfang Januar installiert worden sind, haben sie mehr als 900 000 Bilder übertragen - die bis dahin uneinsehbare Ecke in der Küche ist nicht länger mehr privat. Nur wenn 200 Nutzer gleichzeitig die Robocam in verschiedene Richtungen schwenken, bleibt sie in der Mitte stehen und zeigt einen wenig erotischen Türpfosten.

Sind sich die Nutzer einig, gibt es vor den elektronischen Augen fast kein Entkommen. Einzig eine von zwei Toiletten hat keine Kamera, und in dem Zimmer, in dem sich der Rezeptionsschreibtisch befindet, liegt ein toter Winkel.

Hier findet das statt, was die Voyeure eigentlich haben wollen: das wahre Leben, inklusive kleiner spontaner Partys mit lauter Musik, Tanz und allerhand rauchbaren Pflanzen - bis Nancy vorbeischaut und zur Arbeit ruft: »Es gibt noch mehr Räume in diesem Haus.«

Die Mädchen trollen sich wieder an ihre Arbeitsplätze und mimen Erotik. Shea setzt sich an den Küchentresen und rollt den Slip herunter, beobachtet von vier Kameras. Je eine rechts und links, eine, die auf dem Tresen steht und ihr Gesicht zeigt und eine, die auf Sitzhöhe einen Meter vor ihr montiert ist. Wem selbst das nicht reicht, der kann immer noch mit der Robocam auf gynäkologische Details zoomen.

Den Mädchen macht die Nacktheit wenig aus. Die meisten haben Erfahrung als Tänzerinnen in Schmuddelbars, da sind hier die Arbeitsbedingungen noch besser.

Manche geben die House-Frau nur nebenberuflich, so wie Tori, die auf dem Bildschirm über Schamhaarfrisuren plaudert, eigentlich Sarah heißt und einen Teddybär-Reparaturservice unterhält. Oder wie Tiffany, die gelegentlich eine Schicht ausfallen läßt, um für die Psychologieklausur zu büffeln.

Aber alle Mädchen behaupten, an die ständige Überwachung würde man sich schnell gewöhnen. »Ich werde hier fürs Rumhängen bezahlt«, sagt Tiffany.

Nur Shea sagt etwas anderes: »Wenn ich bei mir zu Hause dusche, posiere ich manchmal für die Kamera, obwohl gar keine da ist. Und wenn mein Sohn bei mir im Bett schläft, decke ich ihn ganz zu, um ihn vor den Kameras zu schützen. Die Dinger verfolgen einen.«

Und: »Allen hier geht es so.«

ANSBERT KNEIP

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