Elterncouch Der leere Eltern-Akku - und wie man ihn auflädt

Papa! Papa! Paaapaaaaaa!
Mayte Torres/ Moment RF/ Getty Images

Papa! Papa! Paaapaaaaaa!

Von Theodor Ziemßen


Kaum etwas nervt müde Eltern mehr als Kinder. Und kaum etwas nervt Kinder mehr als müde Eltern. Sie wollen trotzdem manchmal feiern gehen? Und Hobbys haben Sie auch? Da hilft nur Akkupflege.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Theodor Ziemßen schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.

Kennen Sie das? Ausnahmsweise mal wieder abends weg gewesen. War ganz schön, die erste Party seit Langem. Endlich mal wieder getanzt, bis man pfannkuchengroße Schweißflecken unter den Achseln hatte. Wirklich nicht viel getrunken, drei oder vier Bier. Ja, okay. Und die Schnäpse. Um zwei nach Hause gegangen, um drei im Bett gelegen. Schön war's. Als wäre man wieder zwanzig.

Und dann der Tag danach: Sich fühlen, als wäre man von einem Auto angefahren worden. Der Schädel brummt, die Arme und Beine sind schwer wie Sandsäcke. Und aller Erfahrung nach werden Sie das Formtief nach diesem kleinen Ausflug auch am nächsten Tag noch nicht richtig überwunden haben. Sie sind schließlich keine zwanzig mehr.

"Papa, bist du schon wach?"

Ach ja, ein Kind haben Sie auch. Oder waren es zwei?

"Papaaaa, bist duuu wahaaach?"

Während Sie noch darüber nachdenken, ob Sie wach sind, verhaut Sie ein Zweijähriger mit einem Buch, das Sie ihm vorlesen sollen, ein Sechsjähriger reißt abwechselnd an Ihrem Arm und an der Decke, weil er Ihnen unbedingt - jetzt! sofort! - die Highlights seiner neuen Ninjago-Karten zeigen muss.

"Papa."

"Papa."

"Papapapapapapapapapa."

Es ist Samstagmorgen, kurz nach sechs Uhr. Und natürlich lieben Sie Ihre Familie. Aber nach gestern Abend frühestens ab halb neun Uhr, besser halb zehn. Und nach einer Kopfschmerztablette, besser zweien.

Geht heute nicht mehr. Weil ich alt bin.

Als ich Anfang, Mitte zwanzig war, gab es Tage, da habe ich bis morgens um fünf in der Kneipe gearbeitet, dann bin ich um acht in die Uni, um von dort aus zu meinem anderen Job zu fahren. Und abends: "Ob ich Bock hab', noch ins Kino zu gehen? Klar! Sehen wir einen Film oder zwei?"

Geht heute nicht mehr. Weil ich alt bin. Na ja, 41. Aber der Akku ist schon etwas verschlissen, die Speicherkapazität hat über die Jahre gelitten, und er ist einfach nicht mehr so schnell so voll wie früher. Besonders seit wir eine Familie sind, merke ich, dass alles eine Frage der Energie ist. Für so eine Freitagnacht mit Bier und Tanzen zahle ich einen hohen Preis: Ein Wochenende, an dem ich mich müde und genervt neben meiner Familie herschleppe, statt die gemeinsame Zeit zu genießen.

Zufälligerweise bin ich Fachmann für Energiefragen. Keine Angst, ich werfe Ihnen jetzt keinen Rosenquarz an den Kopf oder sage Ihnen, Sie müssen sich detoxen, Schwitz-Yoga machen, Heilfasten oder einen Iron-Man gewinnen. Es sei denn natürlich, Sie haben Freude an so was.

Das soll jetzt mein Leben sein?

Herauszufinden, was einem Freude macht, ist schwer, wenn Zeit und Kraft eng begrenzt sind. Ich musste das auf die harte Tour lernen. Vor einigen Jahren hatte ich einen ziemlich üblen Unfall. Er sorgte dafür, dass ich plötzlich viel weniger Energie hatte. Mit einem Schlag fühlte ich mich 15 Jahre älter.

Vor dem Unfall brachten Therese und ich die Kinder ins Bett, und dann setzte ich mich noch bis spät an den Schreibtisch, ging aus oder blieb an den letzten vier Folgen einer Serienstaffel hängen. Nach dem Unfall schlief ich beim Zubettbringen oft schneller ein als die Kinder. Vorher kam ich von der Arbeit nach Hause und freute mich auf die Familie, jetzt freute ich mich auf mein Bett.

Das war ungeheuer frustrierend. Und obendrein hatte ich noch ein schlechtes Gewissen gegenüber allen. Der Familie, für die ich nicht mehr so da sein konnte, wie ich wollte. Meinen Kollegen, weil ich das Gefühl hatte, nicht mehr so schnell und nützlich zu sein wie früher. Meinen Freunden, weil wir uns immer seltener sahen. Und mir selbst, weil ich nicht mehr all die Dinge tun konnte, die mir als wichtiger Teil meiner Identität erschienen. Das sollte jetzt mein Leben sein?

Viele Eltern kennen dieses Gefühl, dass zwischen Arbeit, Haushalt und Familie kaum noch Kraft für das ist, was unser Leben mal ausgemacht hat: zeitfressende Hobbys, spontane Aktionen, Kurztrips in ferne Städte, bei denen wir nicht nur sagen, klingt super, sondern auch wirklich hinfahren.

Akkupflege statt Nervensäge

Mittlerweile ist Willem fast drei, Benjamin fast sieben. Gegen den Ausnahmezustand der ersten Jahre nach dem Unfall ist mein Leben wieder mehr meines geworden. Das liegt vor allem daran, dass ich ein guter Energiesparer geworden bin. Und ich betreibe Akkupflege.

Durch Versuch und Scheitern habe ich gelernt, geduldig zu sein, wenn etwas gerade nicht geht, spontan zu sein, wenn plötzlich eine Gelegenheit auftaucht und vor allem: in mich hineinzuhorchen. Wie voll ist der Akku noch? Geht Kino in dieser Woche? Oder lieber erst nächste? Was lädt meinen Akku auf (Comics lesen), was strengt mich meist nur an (auf Partys gehen)? Worauf kann ich verzichten (Alkohol in großen Mengen), was fehlt mir auf Dauer so sehr, dass sich unmerklich ein leiser Frust in mein Leben schleicht und mich langsam zu einer Nervensäge macht (am Zuhause herumrenovieren)?

Ich weiß immer noch nicht ganz genau, was hilft, ich irre mich immer wieder, schlage immer wieder unvernünftig über die Stränge. Aber ich werde besser im Haushalten mit meiner Energie. Und damit auch mein Leben.

Seit ich nicht mehr so oft so müde bin, weil ich auf so vieles nicht verzichten konnte, bin ich besser gelaunt, wacher, fitter. Ich kann das Leben mit Willem, Benjamin und Therese viel mehr genießen und viel intensiver dabei sein. Und ich merke, dass ich vieles, das ich vorher woanders gefunden habe, auch in meinem Alltag mit der Familie haben kann.

Ich will überhaupt nicht behaupten, dass Tanzen mit Kindern genauso ist wie nachts um zwei mit Bier in der Hand auf einer Tanzfläche durchzudrehen. Und die "Sendung mit der Maus" auf dem Sofa daheim mit einem Horrorfilm auf einer riesigen Kinoleinwand zu vergleichen, wäre lächerlich. Die Maus ist ja fast immer interessanter.


Liebe Leserinnen und Leser, wie kommen Sie mit Ihrer Energie klar? Mussten Sie vieles aufgeben? Oder haben Sie geniale Tricks für die Akkupflege auf Lager? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Theodor Ziemßen,
    Vater von Benjamin, 6, und Willem, 2

    Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.

    Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.

    Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.

    Theodor Ziemßen eine E-Mail schreiben.



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17 Leserkommentare
Bergliebe 19.05.2019
Bergliebe 19.05.2019
Der Name 19.05.2019
mumuwilli1975 19.05.2019
alexfiftyfour 19.05.2019
ausmhegau 19.05.2019
alexfiftyfour 19.05.2019
hexenbesen.65 19.05.2019
neonerl 19.05.2019
ausmhegau 19.05.2019
nezabvennaja 19.05.2019
GretaKlöse 20.05.2019
Karlowitsch 21.05.2019
ssssarah 21.05.2019
nachzudenken 21.05.2019
Berliner78 21.05.2019
kritischerkritiker 22.05.2019

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