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12. November 2011, 14:44 Uhr

Erste Besichtigungstour

Im Schutzanzug zu Fukushimas Reaktor-Ruinen

Erstmals hat die japanische Betreiberfirma Tepco eine Gruppe von Journalisten in das havarierte Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi gelassen. Ihnen bot sich ein Anblick heftiger Verwüstung - an den Reaktorblöcken selbst und in den umliegenden Geisterdörfern.

Okuma/Japan - Umgekippte Fahrzeuge, abbröckelnde Gebäudefassaden, Trümmerhaufen und große Wasserpfützen auf dem Gelände: Das havarierte Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi bot auch acht Monate nach der Katastrophe ein Bild der Verwüstung, als am Samstag erstmals seit dem 11. März Journalisten den Unglücksort besuchen durften.

Die Medienvertreter wurden bei ihrer Tour durch die Atomanlage von dem japanischen Umweltminister Goshi Hosono begleitet. Die hauptsächlich japanischen Journalisten durften unter anderem einige der beschädigten Reaktorblöcke von außen betrachten. Mit der Führung sollte gezeigt werden, wie sehr sich die Lage in Fukushima seit der Naturkatastrophe am 11. März verbessert hat. Reporter mussten Schutzkleidung tragen und wurden im Anschluss an die Tour auf radioaktive Strahlung hin untersucht.

Hosono sagte bei der Besichtigung, er sei nun zum vierten Mal seit der Katastrophe zu dem Kraftwerk gereist und habe "jedes Mal das Gefühl, dass sich die Bedingungen verbessern".

Die rund 30 Besucher wurden mit Bussen durch die 20 Kilometer umfassende Evakuierungszone gefahren - durch mehrere Ortschaften, die seit dem Unglück verwaist sind. In einem Blumenladen waren noch vertrocknete Pflanzen, in Büros lag Papier herum, offenbar unberührt seit dem 11. März, wie Reporter des "Wall Street Journal" berichteten.

In der unmittelbaren Umgebung der Reaktoren wurde eine Strahlenbelastung von 300 Mikrosievert pro Stunde gemessen. Der Richtwert der japanischen Regierung zur Evakuierung eines bewohnten Gebietes liegt bei 20 Millisievert (20.000 Mikrosievert) pro Jahr.

Auf dem Reaktorgelände arbeiten laut Tepco an Werktagen rund 3200 Menschen und am Wochenende die Hälfte. Durch das Unglück gelangten hohe Strahlungsdosen in die Luft, ins Meer und in die Nahrungskette; unmittelbare Todesfälle wurden nicht bekannt. Wegen der Verstrahlung wurde ein Gebiet im Umkreis von 20 Kilometern evakuiert.

Mindestens 30 Jahre bis zur Normalisierung

Der Manager des Atomkraftwerks, Masao Yoshida, versicherte den Reportern, dass man die Reaktoren nun unter Kontrolle habe. "Laut den Daten, die mir vorliegen, gibt es keinen Zweifel, dass die Reaktoren stabilisiert wurden", sagte er. Das bedeute jedoch nicht, dass die Anlage nun absolut sicher sei, räumte er ein.

Nach dem verheerenden Erdbeben und Tsunami am 11. März hatten sich im Atomkraftwerk in Fukushima-Daiichi mehrere Wasserstoffexplosionen ereignet, bei denen radioaktive Strahlung freigesetzt worden war.

Nach Angaben der japanischen Regierung und der AKW-Betreiberfirma Tepco ist die Gefahr des Austritts radioaktiver Strahlung inzwischen weit weniger groß als in den ersten Tagen der Atomkrise. Die Regierung hat aber erklärt, dass es mindestens weitere 30 Jahre in Anspruch nehmen werde, um Kernbrennstoff sicher zu beseitigen und die Atomanlage stillzulegen. Zudem könnte es Jahrzehnte dauern, bis Zehntausende Bewohner, die in Folge des Atomunglücks ihre Häuser verlassen mussten, in die Gegend um die Anlage zurückkehren könnten.

US-Bericht schildert chaotische Zustände nach dem Unglück

In einem 98-seitigen Bericht amerikanischer Atomkraft-Experten wurden am Freitag weitere Details des Unglücks veröffentlicht. Darin sind neue Details der chaotischen Stunden und Tage nach dem Unglück zu lesen. Demnach habe es Unklarheiten darüber gegeben, wann ein Lüftungssystem eingeschaltet werden sollte, das den Druck am Reaktor reduzieren und Explosionen verhindern soll.

Dabei ist es möglich, dass Radioaktivität entweicht. Der Bericht legt jedoch nahe, dass dies in einem frühen Stadium einer solchen Katastrophe besser sei, als zu warten. Verzögerungen sollen in Japan dazu geführt haben, dass es später zu Explosionen kam.

Wie das Dokument erstmals berichtet, haben Mitarbeiter die Lüftungsanlage zunächst nicht eingeschaltet, obwohl es von der Regierung bereits eine klare dementsprechende Forderung gab. Die Tepco-Leute hatten jedoch geglaubt, sie müssten noch warten, bis eine Evakuierung der Region eingeleitet ist.

Da sich der Bericht hauptsächlich auf Informationen von Tepco stützt, sind die Daten jedoch begrenzt. Beispielsweise geht daraus nicht hervor, inwieweit es während der Krise zu Spannungen zwischen dem Energieunternehmen und der Regierung kam, wie mehrere Medien berichteten. Der Bericht soll amerikanischen Atomunternehmen helfen, ihre Pläne für Notfälle zu verbessern.

sto/dapd/AFP

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