Erstes Baby 2008 Mama mit 14 - in der Neujahrsnacht

Phil ist Deutschlands erstes Baby 2008 - und ein ganz besonderes. Mutter Angelique ist erst 14, Vater Tom 16. Besuch bei einer etwas anderen Familie.

Von , Demmin


Demmin, im vorpommerschen Tiefland. Der Bahnhof zugesperrt, der Vorplatz ausgestorben. Die Januarkälte treibt die Einwohner von der Straße in die warmen Wohnungen. "Nach 18 Uhr werden hier die Bürgersteige hochgeklappt", sagt Gerlinde Lange, Hebamme im Kreiskrankenhaus der Stadt.

Angelique mit Sohn Phil: Mutter mit 14
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Angelique mit Sohn Phil: Mutter mit 14

Seit dem 1. Januar ist es mit der Ruhe allerdings vorbei. Denn Gerlinde Lange hat an Neujahr Phil auf die Welt geholfen. Um 0.02 Uhr. Phil, Deutschlands erstes Baby 2008. Geboren, als draußen die Raketen flogen und mit Sekt angestoßen wurde. Ein ganz besonderes Baby - denn seine Mutter Angelique ist erst 14, selbst fast noch ein Kind. Sie geht in die neunte Klasse des Gymnasiums Grimmen und sollte dort gerade lernen, wie man lineare Gleichungen löst.

Auf Zimmer 108 der gynäkologischen Station im Demminer Kreiskrankenhaus liegt die Mutter nun mit ihrem Kind. Die Anstrengungen sind Angelique anzusehen - aber die Freude überwiegt. "Ich bin ganz schön stolz!", sagt sie. Erschöpft hält sie ihren Jungen auf dem Arm. 3270 Gramm ist er schwer und 50 Zentimeter groß. Er blinzelt seiner Zukunft entgegen. Und ist für ein paar Tage ein Medienstar. Alleine am Tag nach Neujahr leuchteten zwei Fernsehanstalten mit ihren Scheinwerfern das kleine Krankenhauszimmer aus. Zahllose Journalisten kamen zu Besuch, von der Lokal- bis zur "Bild"-Zeitung.

"Angelique ist sehr selbständig", sagt Angeliques Mutter Doreen Krüger. Sie selbst war 17, als sie zum ersten Mal schwanger wurde. Jetzt, mit 33, ist sie Großmutter. Die Geburt scheint Doreen Krüger so angestrengt zu haben wie ihre Tochter. Dass ihr Mädchen jetzt Mutter wird - daran musste sie sich erst gewöhnen. "Erst war das ein ganz schöner Schock", sagt die gelernte Erzieherin, die jetzt als Verkäuferin arbeitet.

"Erst mal haben wir alle gemeinsam geheult"

Die Schwangerschaft kam überraschend. Zu sehen war nichts, erst der Routinebesuch beim Gynäkologen änderte alles, erzählt Doreen Krüger: "Wir wollten ja eigentlich nur die Pille holen. Angelique hatte nichts gemerkt und ganz normal ihre Tage bekommen." Dann die Mitteilung des Arztes: Schwangerschaft im fünften Monat. "Erst mal haben wir alle gemeinsam geheult", sagt Vater Frank, 37. Auch für Angelique war die Schwangerschaft ein Schock. "Ich dachte erst, es bricht eine Welt zusammen", sagt sie. Doch sie lernte, mit der Situation umzugehen. Sie freundete sich mit ihrer neuen Rolle an.

Jetzt ist Phil da, nichts schiefgegangen und die Familie guter Dinge. Auch ihr Freund Tom, 16, hält zu ihr und dem Baby. Die junge Mutter kann auf Unterstützung hoffen, von Tom, von den Verwandten, von Freunden. Ihre Mitschüler helfen ihr bei den Hausaufgaben, bis sie im März wieder in die Schule gehen kann. Auch ihre Lehrer wollen ihr helfen, wo sie nur können.

Hebamme Gerlinde Lange arbeitet seit drei Jahrzehnten in dem Krankenhaus, in dem Phil zur Welt kam. Für sie ist das Alter der Mutter nicht mehr das wichtigste Kriterium, um die Chancen eines Kindes zu beurteilen - zentral sei "die Einstellung der Familie", sagt sie. "Manche 35-Jährige schafft es weniger als ein Teenager, auf ihr Kinder aufzupassen." Bei Angelique hat die Hebamme ein gutes Gefühl: "Das Mädchen und die Eltern haben wirklich säckeweise Vorfreude auf das Kind mitgebracht."



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