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ZEITGESCHICHTE »Es war ein großes Fest«

Die Alt-Kommunarden Rainer Langhans und Fritz Teufel über 1968, die Revolution und die Frauen
aus DER SPIEGEL 25/1998

Langhans: Ich bin ganz froh, daß du nicht so traurig auf mich wirkst wie manchmal im Fernsehen, so etwas verbittert.

Teufel: Da kriegt man ja immer so was ins Gesicht geklatscht.

Langhans: Das lass'' ich mir gar nicht mehr draufschmieren. Ich finde auch schön, daß ich von dir eine Sympathie spüre, der ich mir vorher nicht sicher war. Unsere Wege haben sich ja schon ''68 getrennt. Du bist in die Gewalt, ich zu den Frauen gegangen. Warum bist du anfangs überhaupt in der Kommune gelandet?

Teufel: Meine Freundin hatte mir den Laufpaß gegeben.

Langhans: Sunhild?

Teufel: Ja, sie hatte sich dann ''67 mit Schlaftabletten umgebracht. Sunhild wollte nicht mit mir in die Kommune und sah wohl keine andere Alternative. Ich aber suchte eine größere Herausforderung, wollte raus aus meiner Studentenexistenz. Ché Guevara war mein leuchtender Held, mich faszinierte die Romantik des illegalen Kampfes. Es ging mir auch in der Kommune weniger um Beziehungen, eher um politische Aktionen.

Langhans: Aber wir wollten doch eindeutig diese altmännische SDS-Politik nicht mehr weitermachen. Diese Diskussionen, das Autoritätsgetue, dieses ganze Verkopfte. Statt dessen suchten wir die persönliche Erfahrung. Habe ich mir das nur eingebildet?

Teufel: Nein, das stimmt. Die Kritik am Patriarchat war schon auch das Kommune-Thema.

Langhans: Und jeder wird sich seine Geschichte auf seine Weise ergänzen und vervollständigen.

Teufel: Ja, das wird eine Riesenarbeit, zu vergleichen und festzustellen, daß du recht hast.

Langhans: Für mich ging es bereits damals vor allem um diese ganzen privaten »Peinlichkeiten«, auch um Sexualität. So was konntest du mit Rudi Dutschke und den Genossen nicht verhandeln.

Teufel: Das führte dann ja auch zum Rausschmiß der Kommune 1 aus dem SDS.

Langhans: Die Ossis Rudi Dutschke und Bernd Rabehl hatten ihre Freundinnen. Da durfte ja keiner der Partner mit einem anderen schlafen. Die führten eine unreife Kinderehe. Genau diese Trennung wollten wir in der Kommune aufheben. Wir wollten die Erotisierung des Lebens.

Teufel: Ja, das stimmt schon. Über Rudi und seine Art zu leben haben wir uns lustig gemacht. Viel später gingst du auf den Trip nach innen und Dieter Kunzelmann und ich auf den entgegengesetzten. Schon während des Pudding-Attentats*.

Langhans: Du tauchtest später mit Ulrich Enzensberger in München bei uns auf und hast kräftig auf den Tisch gehauen. Ihr hattet Pistolen in den Taschen und wolltet euren Anteil am Ausverkauf der Revolution, den Uschi Obermaier und ich angeblich popmäßig betrieben.

Teufel: Ich war eben aus einem anderen Grund dabei, schon in der Kommune 1.

Langhans: Ich hatte durch meine Freundin einen Knacks. Sie hatte mich von heute auf morgen verlassen, und ich fiel aus allen Wolken. Ich spürte das große Loch und merkte zum erstenmal, daß ich aus zwei Hälften bestand. Ich wollte dann herausfinden, was das bedeutete, warum mich etwas dermaßen verletzen konnte. Deshalb kam ich in die Kommune. Für mich war jetzt Beziehung das wichtigste, Politik dagegen ganz schön komisch. Ich erinnere mich gut an die drei Tage auf dem ,heißen

Stuhl''. Da ging''s brutal ans Eingemachte. Für mich war das eine Art Initiation.

Teufel: Du hast auch immer wieder von Pop-Konzern geredet ...

Langhans: Ich wollte damals auch Musik, Video, Subkultur. Mich hat eben Medienarbeit interessiert, eine erotisierende Kultur, die auch mit Frauen laufen könnte, die ja für diese Politik- und Gewaltgeschichte nie so zu haben waren. So was versuche ich jetzt auch mit »meinen« Frauen in München. Mit den Mädchen, mit denen du im Bett warst, hast du sicher keinen politischen Satz geredet, oder?

Teufel: Hab'' ich jemals politische Sätze gesagt? Ich fürchte, ja. Mit den Mädchen nicht, stimmt.

Langhans: Wie war denn deine Frauengeschichte? Die Kommune war doch die Erfinderin des weichen Teils der Studentenbewegung. Wir haben ihn leidenschaftlich vertreten und gesagt: Politik ist Quatsch, wenn nicht das Private die Hauptrolle spielt.

Teufel: Willst du dich jetzt mit der Frauenbewegung anlegen und sagen, wir waren zuerst da und die Frauen kamen erst später? Das könnte ich nicht behaupten.

Langhans: Doch, wir haben das vor ihnen thematisiert.

Teufel: Mich darfst du zu all dem nicht fragen. Ich zähle mich nicht zu den Kommune-Autoritäten.

Langhans: Du hast schon immer den Benjamin gespielt.

Teufel: Bereits in der Familie war ich der kleine Sonnenschein. Nicht anders in der Kommune: der Kleine, der nicht versteht ...

Langhans: Bist du deshalb aus der Kommune weggegangen? Oder weil wir uns deine Mädchengeschichten vornahmen?

Teufel: Wer sagt das? Mir war die Kommune langweilig geworden.

Langhans: Vor uns saßen oft heulende Mädchen: »Fritz mag uns nicht mehr, hat eine neue.« Sie waren durch die Wohnung gegangen, du warst mit einer anderen zusammen, und wir mußten dann ihr Unglück vergesellschaften.

Teufel: Mir ist das Leid der Frauen nicht so aufgefallen, die ihr zu trösten hattet. Aber bist du nicht heute auch glücklicher über jede, die dich verschmäht oder dir den Laufpaß gegeben hat? Die können doch im Grunde genommen alle dankbar sein.

Langhans: Frauen sehen das anders.

Teufel: Damals hast du mir das nicht gesagt. Ich war ständig verliebt, in anderen Sphären und habe oft nicht beachtet, was ihr so sagt.

Langhans: Das hat dann unter uns zu immer mehr Druck geführt.

Teufel: Ja, an der Front der Geschlechter war was los. Du warst ein anspruchsvoller Mensch. Du konntest stundenlang eine Frage diskutieren. Spaß haben, was war daran so verkehrt? Ich war ein kleiner Junge, der Blödsinn machte.

Langhans: Fritz, jetzt verharmlost du! In unserer privaten Kommune-Situation gab es ständig Gespräche über die Revolutionierung des Alltags. Wir wollten nicht mehr das Alte, versuchten scheu eine erste neue Praxis. Dabei gerieten wir in ein Niemandsland und waren unsicher. Ist das alles nur meine nachträgliche Romantisierung? Diese Befreiung von Kleinfamilie und Zweierbeziehung?

Teufel: Die allgemeine Zärtlichkeit wurde propagiert. Für mich war es der Versuch, ein Netz von Beziehungen herzustellen.

Langhans: Es ging doch nicht um konkrete Erotik. Den späteren berüchtigten großen Schlafraum der Kommune 1 hast du ja nicht mehr miterlebt.

Teufel: Vorher hatten wir das auch mal gemacht, eine Nacht lang. Dabei ist so was wie Gruppensex nicht wirklich passiert. In Berlin gab es eher eine allgemeine Promiskuität. Für mich war die Zeit um ''68 ein großes Fest und ein ständiges Highsein, ohne daß damals schon gekifft worden wäre. Wir waren eben eine kleine Zentrale außerordentlicher Wesen in der Galaxis. Selbst die Gewalt war für mich anfangs Spaß, wie bei Kindern.

Langhans: Es hat in der Kommune Spaß gemacht, weil wir viel ausprobiert haben. Plötzlich wurden wir in die Öffentlichkeit geschossen und haben den Tiger geritten. Die Presse glaubte, das hätte mit Sexualität zu tun, und schrieb: »Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.« Wenn ihr von den Medien das so wollt, haben wir uns gesagt, dann spielen wir euch das Spiel vor.

Teufel: Interessant ist, daß du mit deinem ständigen Leiden ...

Langhans: Wie meinst du das?

Teufel: Du wirst mir bestimmt erklären, warum das so war.

Langhans: Jetzt spielen wir das alte Spiel, nicht wahr? Ich erkläre dir alles, und du glaubst sowieso nichts, läßt mich reden.

Teufel: Du willst ein neues Spiel?

Langhans: Keine Wiederholungen, keine Resignationen. Aber es stimmt: Gegen Ende der Kommunezeit fühlte ich mich wie in einer Sackgasse. Da kamst du aus dem Gefängnis und wolltest Spaß.

Teufel: Wieso soll das ein Unrecht sein, wenn man Spaß will?

Langhans: Man könnte sagen, daß es ein bißchen wenig ist, nach dem Gefängnis von einer Frau zur nächsten zu marschieren, als ob man etwas nachzuholen hätte. Ich habe mir das zumindest eingeredet.

Teufel: Ich habe das sogar genossen und nicht verstanden, daß jemand etwas dagegen haben könnte.

Langhans: Warst du nicht ein bißchen oft im Gefängnis?

Teufel: Für mich war es das Beste, was mir passieren konnte. Mir tut''s nur für die anderen weh, die ich in die Sache mit reingezogen habe. Mich aber hat der Knast angezogen, oder ich den Knast. Ich genoß diese Ruhe und Versorgtheit.

Langhans: Obwohl du von den Frauen ganz abgeschnitten warst?

Teufel: Ja, natürlich. Ich wußte das gar nicht zu würdigen, daß ich auch in dieser Hinsicht geschützt wurde. Ich habe das dadurch kompensiert, daß ich Tausende von Liebesbriefen bekam. Als ich 1980 wieder ins Leben hinaustrat, mußte ich all die Frauen nicht kennenlernen, die mir geschrieben hatten. Das wäre auch schlimm gewesen.

Langhans: Ich saß damals wegen der Bomben-Geschichte drin*. Als ich rauskam, redete ich mit Horst Mahler darüber, wie es weitergehen soll. Er sagte, ich müsse für die Bewegung durchhalten und wieder ins Gefängnis wandern. Ich weigerte mich: Erstens fand ich das als Botschaft nach draußen trostlos, zweitens war ich gerade mitten im Liebesfrühling mit Uschi Obermaier. Horst meinte, unsere Frauenbeziehungen seien vor der Revolution eh alle scheiße, der Kampf sei wichtiger. An dieser Frage zerbrach die Kommune. Uschi war schön und liebte ihren Körper. Sie war damit ein großer Kontrast zu den Berlinern.

* 1968 wurde auf dem Klo der Kommune eine Bombe gefunden.

Denen erschien sie für alles das zu blöd, was ihnen wichtig war.

Teufel: Fand ich auch. Kunzelmanns Einschätzung war: Sie ist so ein Fotomodell. Und sie ist eine gute Geschäftsfrau.

Langhans: Euch erschien das Medieninteresse an Uschi und mir als politisch verdächtig.

Teufel: Das war überhaupt nicht so lustig, wie es hätte sein müssen, um mir zu gefallen. Du hast dabei mal wieder einen leidenden Eindruck gemacht.

Langhans: Du hast recht, die Fotos sind alle sehr ernst. Uschi war sich der Kraft ihres Körpers sehr bewußt, hatte aber in der Kommune mit Kunzelmann im Hintergrund erhebliche Schwierigkeiten, sich das politisch anzueignen. Das war ihre Sache nicht, und ich wiederum mochte das Fotografieren nicht. Deshalb habe ich immer so finster geschaut.

Teufel: Dieter und ich entwickelten uns mehr in Richtung linksradikal, und du wurdest für uns mit Uschi geradezu zur Unperson.

Langhans: Ich wurde dafür gehaßt. Ihr habt sogar Beifall geklatscht, als Rocker Uschi und mich und die Reste der Kommune 1 zusammenschlugen. Weil ich etwas gemacht hatte, was im Männerbund bis dorthinaus verboten war? Ich hatte nämlich gesagt: Diese Frau ist Politik, sie ist nicht nur meine private Freundin. So was ist tödlich, und du wirst als Verräter ausgestoßen.

Teufel: Deshalb habe ich auch das Gefühl, ich hätte bei dir noch etwas gutzumachen. Wir haben dir damals wirklich Unrecht getan. Später wurde auch ich in den Augen mancher Radikaler zum blöden Sack, der zu kämpfen aufgehört hat. Seit mir das klar ist, weiß ich auch, daß mit dir was falsch lief.

Langhans: Ich habe das damals als wahnsinnig traumatisch empfunden. Denn ich verlor auf einen Schlag all meine Freunde. Heute bedauere ich das aber nicht, weil ich mich dadurch verändern konnte. Das war für die anderen viel schwerer. Sie blieben im Business, im Berliner Revolutionsmuseum.

Teufel: Jetzt hast du einen Harem mit fünf Frauen.

Langhans: Reicht es deiner Frau, so zu zweit zu leben, mit sowenig Öffentlichkeit und Status? Wo ihr kaum andere Leute in euer Leben reinlaßt?

Teufel: Für mich ist das Ideale die Einsamkeit. Meine Freundin Helene wohnt zwei Stockwerke unter meiner Wohnung. Mir ist das Verhältnis am liebsten, wo es nicht immer vieler Worte bedarf, um sich zu verstehen. So ein »Harem« ist heute sicher genauso mißverständlich wie früher die Kommune, als die Presse immer von Gruppensex geschrieben hat. Eigentlich habe ich auch schon mal haremisiert, als ich steckbrieflich gesucht wurde. Das war das Schönste an dieser Zeit. Aber jetzt wäre es mir zu anstrengend.

Langhans: Es ist anstrengend.

Teufel: Warum wechselst du dann nicht zu anderen Frauen?

Langhans: Es ist nirgends anders. In jeder neuen Frau wirst du Entsetzliches erleben. Bis du begreifst, daß du es bist, der das Problem hat. Es geht mir im »Harem« darum, diese Konfrontation mit den Frauen zu wagen, die dort ihren eigenen Raum haben und dadurch überhaupt als Frauen vorkommen dürfen. Nur das ist realistisch. Für so einen Harmoniesüchtler wie dich wäre der »Harem« sicher fürchterlich.

Teufel: Das muß ich nicht haben.

Langhans: Du meinst, man kann diesem Entsetzlichen aus dem Weg gehen?

Teufel: Du brauchst es, ich brauche es nicht.

Langhans: Ich mache nur ehrlich das, was jeder Mann tut: wie »meine« Frauen mehrere unterschiedliche Beziehungen zu leben.

Teufel: Du hast schon damals immer gelitten. Das hat sich wohl nicht verändert.

Langhans: Ich bin natürlich für das große Glück hinter dem großen Unglück.

Teufel: Das ist wunderbar. Nein, ich will dir nicht schon wieder recht geben müssen und sag'' das Gegenteil, muß aber erst überlegen, ob das auch gut ist.

* 1967 rührte die Kommune Pudding an, um den US-VizepräsidentenHubert Humphrey zu bewerfen. Die Polizei entdeckte dieVorbereitungen, das »Attentat« (Springers »Bild«-Zeitung) fiel aus.* 1968 wurde auf dem Klo der Kommune eine Bombe gefunden.

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