Esther Schweins Von Ludern und Höhlenmenschen

Esther Schweins sprach mit SPIEGEL ONLINE über Feuchtbiotope, Höhlenmenschen und darüber, ob die Venus von Milo vielleicht ein unglaubliches Luder im Bett gewesen sein könnte.


SPIEGEL ONLINE:

Frau Schweins, welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Schulzeit?

Schweins: Die letzten Jahre waren toll, was auch daran lag, dass ich einen hervorragenden Direktor hatte. Ich habe eine reformierte Gesamtschule besucht, und in meinen letzten Schuljahren wurde dort unglaublich viel getan, vom Feuchtbiotop über einen ökologischen Garten bis hin zur schuleigenen Bibliothek. Ganz und gar beispiellos also..

Liebt die Schauspielerei: Esther Schweins
DPA

Liebt die Schauspielerei: Esther Schweins

SPIEGEL ONLINE: ...so dass Sie gegen ein Klassentreffen wohl nichts einzuwenden hätten?

Schweins: Vor drei Jahren hat es ein solches Treffen meiner Abiturklasse gegeben, ich konnte aber leider nicht hin, weil ich damals gerade gedreht habe.

SPIEGEL ONLINE: Und am Film-"Klassentreffen" können Sie auch nicht teilnehmen, weil die Person, die Sie spielen, schon in den ersten zehn Minuten ermordet wird. Verlangt Ihr Ego so sehr nach Anerkennung auch im Charakterfach, weil Komiker für manch einen immer noch nur Schauspieler zweiter Klasse sind?

Schweins: Es gibt für mich kein "weg" von der Comedy und kein "hin" zu etwas anderem. Das ist eine Trennung, die ich für mich selbst nie vorgenommen habe. Denn ich betrachte beides, Comedy und ernste Rollen, als ein und denselben Beruf - nämlich Schauspielerei.

SPIEGEL ONLINE: Zumindest die Medien aber haben in Ihnen je nach Bedarf entweder die Ulknudel oder den Vamp, weniger aber die Schauspielerin gesehen. Haben Sie darunter gelitten?

Schweins: Das ist eine sehr oberflächliche Sichtweise der Medien gewesen, die mich anfangs mehr überrascht hat, als dass ich unter ihr gelitten hätte. Ich habe mich dann auch schlicht geweigert, diese Sichtweise wahrzunehmen, und stattdessen einfach versucht zu machen, was ich glaube machen zu müssen, nämlich gute Rollen auch dementsprechend gut zu spielen.

SPIEGEL ONLINE: Die große Solidarität unter Kollegen, die Sie bei "RTL Samstag Nacht" erfahren haben, dürfte Ihnen heute, in der eitlen Fernsehlandschaft, allerdings nur noch selten begegnen...

Schweins: Das ist in der Tat seltener geworden, aber es gibt schließlich auch nur sehr selten die Chance, so lange mit ein und demselben Ensemble zusammenarbeiten zu dürfen. Wir haben damals gemeinsam für eine Sache gearbeitet, an die zunächst niemand geglaubt hat, das schweißt zusammen. Die Frage der Eitelkeit hat sich daher damals nie gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Mangelt es so sehr an guten, ausgefeilten Stoffen und Figuren im deutschen Fernsehfilm, dass Schauspieler auch noch die Jobs der Drehbuchautoren übernehmen müssen? Wie für die ZDF-Reihe "Im Fadenkreuz".

Schweins: Im Moment bewegt sich das meiner Meinung nach in eine gute Richtung. Und trotzdem wird auch von Seiten der Produzenten und Autoren immer wieder der Wunsch kommuniziert, dass man gemeinsam Stoffe und Rollen entwickelt. Warum auch nicht, mir zumindest macht das großen Spaß. Andererseits würde ich natürlich auf diese zusätzliche Arbeit auch verzichten wollen, wenn denn fertige, hervorragende Rollenangebote dutzendweise ins Haus kommen würden.

SPIEGEL ONLINE: Selbst diese zusätzliche Arbeit war Ihnen aber offensichtlich nicht genug, jetzt haben Sie sich mit dem Ein-Mann-Stück "Caveman" auch noch erfolgreich als Theaterregisseurin versucht. Der Name "Schweins" dürfte da allerdings geholfen haben, den Zuschlag zu bekommen...

Schweins: Ganz klar, man hatte zunächst Detlev Buck im Auge, der aber war unabkömmlich, Man ist dann schnell auf die Idee gekommen, dass es bei diesem One-Man-Stück, bei dem nun mal ein Mann über die Problematik von Männern und Frauen spricht, eigentlich Sinn macht, die Regie einer Frau zu übertragen. Weil dieses Stück Stand-up-Comedy ist, war es dann kein so weiter Gedankensprung mehr dahin, eine Frau zu verpflichten, die auch etwas von Comedy versteht...

Schweins: Vom Comedy-Star zur Charakter- Darstellerin
SAT.1 / Trenkel

Schweins: Vom Comedy-Star zur Charakter- Darstellerin

SPIEGEL ONLINE: ...und auch von Männern? Was sagt nicht die Regisseurin, sondern die attraktive Frau Esther Schweins dazu, dass Männer und Frauen nicht so recht zusammenpassen wollen?

Schweins: Dem Mann wird im Laufe des Stückes klar, dass der Neandertaler, der Höhlenmensch auch heute immer noch ein Teil von ihm ist. Trotzdem habe ich Hoffnung, denn am Ende bekennt er: "Ich will kein Scheißkerl sein!" Darauf lässt sich aufbauen.

SPIEGEL ONLINE: "Caveman", eben "Höhlenmensch", lautet der Titel. Leben wir trotz Datenautobahn und globalem Dorf also doch noch in der Höhle?

Schweins: Natürlich, sehr weit sind wir nicht gekommen. Wenn der Mann heute auf der Autobahn in seinem BMW dahinrast, dann ist er im Grunde immer noch auf der Jagd, und wenn die Ehefrau heute meckert, weil der Mann alles liegen lässt, dann ist das nichts anderes als der Ur-Selbsterhaltungstrieb, der damals eine geschützte, sichere und saubere Höhle einfach notwendig machte. Wer da auf seine wenigen Habseligkeiten nicht achtete, der war aufgeschmissen.

SPIEGEL ONLINE: Aufgeschmissen ist auch, wer sich mit Selbstzweifeln martert. Sie haben für "Die Zeit" ein bemerkenswertes Gespräch mit Hildegard Knef geführt. Damals ging es um das Vergehen der Schönheit, und Sie haben die Knef nach Selbstzweifeln gefragt. Wie steht's damit bei Ihnen?

Schweins: Diese Frage kam nicht von ungefähr, die habe ich mir damals selbst auch gestellt, weil ich häufig in Interviews darauf angesprochen wurde, ob denn mit Schönheit nicht grundsätzlich alles viel leichter funktionieren würde. Alles wunderbar, aber was dann, wenn man sich selbst gar nicht als "schön" reflektiert?! Dann bleibt nicht viel von dieser vermeintlichen Leichtigkeit und Selbstsicherheit, dann schwankt man genauso zwischen Wahn und Selbstzweifel, wie jeder andere auch.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt wohl das Klischee, dass schöne Frauen gleichzeitig blöd sein müssen?

Schweins: Ich glaube, Männer ertragen einfach nicht, dass eine Frau intelligent und schön zugleich sein könnte; das wäre einfach zu viel des Guten. Was, wenn die Venus von Milo plötzlich den Mund aufgemacht und sich als wahnsinnig intellektuell herausgestellt hätte? Kaum ein Mann hätte sich wohl noch getraut, in den bloßen Anblick hineinzuinterpretieren, was für ein unglaubliches Luder diese kluge Frau im Bett wohl sein könnte. Schön und klug, das geht nicht, denn es kann nicht sein, was nicht sein darf.

SPIEGEL ONLINE: Sie bemühen sich, das Gegenteil zu beweisen und machen sich nach Theater und Fernsehen mit dem Netz-TV-Krimi "stahlborn.de" demnächst auch noch das Internet zu Nutze...

Schweins: Ich arbeite mit einer Produktionsfirma zusammen, die bis dato eher Fernsehen gemacht hat, so dass wir beide mit viel Enthusiasmus und mit tollen Ideen an die Sache herangegangen sind. Ich habe zum ersten Mal Verbindung zu einem Medium, dem ich bisher skeptisch, weil unwissend gegenübergestanden habe. Zwölf Wochen wird der Film im Netz zu sehen sein, später hoffen wir dann auch auf eine Nutzung im Fernsehen oder im Kino.

Das Interview führte Andreas Kötter

Am 20. Februar ist die Dreißigjährige im Sat.1-Krimi "Klassentreffen - Mordfall unter Freunden" zu sehen.



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