Dieser Instagram-Account zeigt den Holocaust aus der Selfie-Perspektive

Dieser Beitrag wurde am 02.05.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Ein junges Mädchen hält stolz ihre neuen Schuhe in die Kamera. Sie tanzt mit ihrer besten Freundin, Hashtag BFF. Wenn sie nicht schlafen kann, redet sie in ihr Handy und teilt es mit der Welt. Auf Instagram sieht Evas Leben aus wie das jeder anderen 13-Jährigen. Bis die Nazis ihre Heimatstadt einnehmen – und ihre Insta-Storys düster und dramatisch werden.

Der Account "Eva Stories " erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens während des Holocausts so, als ob es damals Smartphones und Instagram gegeben hätte. 

Knapp 30 Story-Highlights, also zusammgengehörende Sequenzen von Videos und Bildern, zeigen Evas Tage von ihrem 13. Geburtstag bis zur Deportation nach Auschwitz. Und tausende Menschen schauen zu.

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Eva, deren Geschichte erzählt wird, gab es wirklich. Der Account basiert auf den Tagebüchern von Eva Heyman, einer ungarischen Jüdin. 1944 wurde sie in Ausschwitz ermordet.

Der israelische Tech-Millionär Mati Kochavi hat diese Tagebücher für Instagram umsetzen lassen, unterstützt von seiner Tochter Maya. Eine staatliche Beteiligung gab es nicht, für die Produktionskosten von mehreren Millionen Dollar kam Kochavi selbst auf. Gedreht wurde in der Ukraine, über 400 Menschen waren beteiligt. Eine britische Schauspielerin übernahm die Rolle der Eva. (New York Times )

Das Projekt richtet sich vor allem an junge Israelis. Das Interesse am Holocaust lasse immer mehr nach, erklärte Mati Kochavi in einem Interview mit Haaretz . "Eva Stories" soll die junge Generation dort erreichen, wo sie sich ohnehin aufhalten: in sozialen Netzwerken. 

Doch die Reaktionen auf das fertige Produkt sind gespalten. Haaretz, die wichtigste Zeitung Israels, veröffentlichte am Wochenende das Editorial eines Lehrers, der "Eva Stories" geschmacklos nannte. Auch online gab es viel Kritik: Der Holocaust werde durch das Projekt trivialisiert, die Ermordung von sechs Millionen Juden sei kein Thema für das oberflächliche Netzwerk Instagram. Yad Vashem, das offizielle Holocaust-Gedenk-Zentrum Israels, zeigte sich dem Projekt gegenüber offener: Social Media zur Erinnerung an den Holocaust zu verwenden sei "legitim und wirkungsvoll" (New York Times ).

Anfangs sind Evas Storys noch das pralle Leben. 

Sie stellt sich vor, erzählt, dass sie Fotojournalistin werden und in Budapest wohnen will. "Gerade wohne ich bei meinen Großeltern, gääääähn", sagt sie. Noch ist alles okay, der Krieg ist zwar in vollem Gange, aber noch ist er wo anders. Also geht Eva Eis essen und tanzt in ihrem Hinterhof. Es gibt bunte Sticker, wackelnde GIFs und Umfragen – typisch Instagram eben.

Als Zuschauer ist man zunächst irritiert. Aus dem Geschichtsunterricht und Museen sind wir Schwarz-Weiß-Fotografien und Dokumente gewohnt. Auch fiktionale Aufarbeitungen sind meistens zurückhaltend, um Pietät angesichts des unfassbaren Leids und Unrecht bemüht. Emojis und Hashtags wie #nazisarehere scheinen dagegen plakativ und unpassend. 

Doch gleichzeitig holt dieser Stil Evas Geschichte in die Gegenwart. Sie ist kein verblasstes Foto eines Menschen, von dessen Charakter und Leben wir uns höchstens mit viel Fantasie ein Bild machen können, sondern ein Mädchen, das Träume hat, Freundinnen, einen Schwarm. Ein Mädchen, das sich von Mädchen, die heute auf Instagram posten, kaum unterscheidet.

Auch diese Fotos verändern unseren Blick auf die Vergangenheit:

Was hinter dem Farbbild des Mädchens aus Auschwitz steckt

Im Laufe der Zeit nehmen die grellbunten Elemente ab. Als Evas Großvater seine Apotheke aufgeben muss, weil Juden keine Geschäfte mehr führen dürfen, fragt Eva ihre Follower zwar noch per Umfragetool, wie sie ihn aufheitern soll. Doch spätestens, als die gesamte Familie ins Ghetto gebracht wird, verzichten die Macher auf die spielerischen Elemente des sozialen Netzwerks. Es gibt keinen Hundefilter im Zug nach Auschwitz.

Was bleibt, ist die konsequente Erzählung aus Evas Perspektive: Entweder spricht sie im Selfiemodus direkt in die Kamera, oder sie filmt, was sie sieht, immer auf Augenhöhe, immer im Hochformat. 

An dieses Erzählformat gewöhnt man sich als Zuschauer schnell. Schließlich ist es auch ein Format, das wir aus sozialen Netzwerken kennen. Von Influencern, die ständig in die Kamera erzählen, was in ihrem Alltag gerade so passiert, aber auch von politischen Ereignissen, die wir immer mehr auch über Amateurvideos wahrnehmen.

Kunst darf alles, sagt man immer wieder gern. Dass der Holocaust eine Herausforderung für diesen Satz ist, hat sich in der Vergangenheit schon häufiger gezeigt. Nicht wenige Menschen sind der Meinung, dass Schindlers Liste nie hätte gedreht werden dürfen. (Haaretz )

Diesen Menschen wird auch "Eva Stories" missfallen. Denn das Projekt macht aus dem Massenmord an Millionen Menschen leicht konsumierbaren Content, es arbeitet mit Stilmitteln, schmückt aus, dekoriert.

Produzent Kochavi wollte etwas schaffen, das für Menschen, die sonst wenig Berührungspunkte zum Holocaust haben, zugänglich ist: "Es setzt kein Vorwissen voraus. Es erzählt, als würde man nichts wissen“, sagt er über sein Projekt (Tagesschau ). Das stimmt zwar. Doch gleichzeitig bleibt so der Lerneffekt gering. 

Alle Storys zusammengenommen ist "Eva Stories" vielleicht 45 Minuten lang. In dieser Zeit werden im Schnelldurchlauf zahlreiche Aspekte des Holocaust abgehandelt: die Enteignung jüdischer Geschäftsleute, die Verfolgung jüdischer Intellektueller, die Bildung eines Ghettos, die Deportation ins Konzentrationslager. Erklärt wird manches davon durch Gespräche, die Eva mithört, oder Texttafeln, in denen sie das Wichtigste mitteilt, "Die Nazis haben uns erobert", steht zum Beispiel über einem Video, wenn Soldaten in die Stadt einmarschieren. Ausreichend ist das nicht. Am Ende bleiben mehr Fragen offen als beantwortet.

Der Holocaust ist unfassbar. In seiner Grausamkeit, in seinen Ausmaßen, und auch in seiner Komplexität. Alle Facetten abzubilden, wird einem einzelnen Format niemals gelingen.

Doch die Idee, einer jungen Generation das Erinnern zu erleichtern – indem man sie dort anspricht, wo sie unterwegs ist, in der Form, die zu konsumieren sie gewohnt sind – verdient es, weitergedacht zu werden. Denn die Nähe, die der Instagram-Einblick ins Leben eines Menschen erzeugt, ist mit der eines Museumsbesuch nicht zu vergleichen. Dass "Eva Storys" an der Oberfläche bleibt, ist nicht die Schuld des Netzwerks – sondern die der Macher.

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