Evangelisches Jugendheim 42-Jährige erhebt Missbrauchsvorwürfe gegen ehemaligen Leiter

Der frühere Leiter eines evangelischen Jugendheims in Nürnberg soll sich in den siebziger Jahren mehrfach sexuell an einer Bewohnerin vergangen haben. Die Frau berichtet über ihre traumatischen Erlebnisse in der Kindheit - und belastet den heute 75-Jährigen damit schwer.


Nürnberg - Die heute 42-Jährige kam nach dem Tod ihrer Mutter in das Heim in Nürnberg, damals war sie vier Jahre alt. Was ihr dort widerfahren sei, belaste sie noch heute, sagte die Frau den "Nürnberger Nachrichten".

Der damalige Heimleiter habe sie als Vorschulkind wiederholt in das Raucherzimmer gesperrt, dort geküsst und unsittlich berührt. Bei der Reittherapie habe er ihr zwischen die Beine gefasst. Zudem habe er hin und wieder den Mädchen beim Duschen zugeschaut. Auch sei sie von ihm mehrfach schwer verprügelt worden. Die Frau lebte bis Anfang der achtziger Jahre in dem Heim und hofft nun auf eine Behandlung in einer Trauma-Klinik. Seit Jahren wohnt sie in einem Frauen-Therapiezentrum in München.

Der inzwischen pensionierte Pädagoge bestreitet die Vorwürfe, die Stadtmission, die das Heim betreibt, zeigte sich von den Schilderungen der 42-Jährigen überrascht.

Der heute 75-jährige ehemalige Heimleiter wurde 1996 von der direkten pädagogischen Arbeit entbunden, nachdem er bei einer Freizeit zusammen mit einer Jugendlichen in einem Zelt übernachtet hatte. Er soll das Mädchen damals nicht missbraucht haben. Der heutige evangelische Landesbischof Johannes Friedrich habe in seiner damaligen Funktion als Nürnberger Dekan aber darauf bestanden, dass der Heimleiter einen Schreibtischjob erhielt, sagt der Sprecher der zur Diakonie gehörenden Stadtmission, Thomas Warnken.

Die Vorwürfe seien der Heimleitung bislang unbekannt gewesen, so Warnken: "Wir haben uns noch einmal bei älteren Mitarbeitern umgehört. Die haben aber auch gerüchteweise von solchen Vorwürfen nichts gewusst." An einer Aufklärung sei die Stadtmission aber interessiert. Er würde sich wünschen, dass die in München lebende 42-Jährige den direkten Kontakt mit der Nürnberger Stadtmission sucht, erklärt Warnken.

Enthüllungen über sexuellen Missbrauch in ihren Einrichtungen haben die katholische Kirche in eine ihrer schwersten Krisen gestürzt. Aus protestantischen Institutionen gab es bislang weniger gemeldete Fälle. So wurden im Februar schwere Vorwürfe gegen den Kantor der evangelischen Kirchengemeinde Geesthacht in Schleswig-Holstein erhoben. Der 44-Jährige soll ein Kind sexuell missbraucht haben.

ada/dpa



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