Blindgänger-Explosion in Euskirchen "Ich dachte, das Haus stürzt ein"

Ein Mann ist tot, mindestens 13 Menschen sind verletzt: Am Mittag hat die gewaltige Explosion eines Blindgängers Euskirchen erschüttert. Viele Häuser wurden schwer beschädigt, ihre Bewohner äußern sich schockiert.

Von , Euskirchen


Die Brüder Oliver und Stefan Schaffrath, 14 und 16 Jahre alt, spielten gerade auf einer Konsole, als es einen lauten Knall gab. Der Bauwagen, in dem sie wohnen, hob vom Boden ab und prallte wieder auf - so erzählen sie es am Nachmittag. Sie und ihre Eltern sind eine Schaustellerfamilie, sie überwintern mit ihren zwei Bauwagen, einem Auto und zwei Lastwagen in einem Industriegebiet im Westen von Euskirchen. Es war gegen Viertel nach eins, als wenig entfernt von den Schaffraths ein Sprengkörper detonierte.

Ein Baggerfahrer hatte Schutt von einem meterhohen Haufen abtransportiert. Seine Schaufel traf auf den Sprengkörper im Boden. Ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, soviel scheint sicher. Der Baggerfahrer war sofort tot, sein Fahrzeug ging in Flammen auf. Zwei Arbeiter in der näheren Umgebung wurden schwer verletzt, elf Menschen erlitten leichte Verletzungen durch die umher fliegenden Steine und Glassplitter.

Auf was für einen Sprengkörper die Schaufel genau prallte, ist noch unklar. "Es handelt sich sicher um Munition aus dem Zweiten Weltkrieg. Ob es eine Bombe oder eine Mine war, können wir derzeit nicht sagen", erklärte der Sprecher der Euskirchener Polizei, Norbert Hardt. Experten vor Ort vermuteten, dass eine Luftmine explodiert sei.

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Weltkriegsbombe: Explosion in Euskirchen

Unklar ist auch, ob der Sprengkörper dort seit der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg lag oder mit dem Schutt dorthin geriet. Im Herbst 1944 hatten die Alliierten zahlreiche Luftangriffe geflogen, Tausende Bomben gingen über Euskirchen nieder.

Die Sprengkraft war enorm. Im Umkreis von mindestens einem Kilometer seien die Scheiben der Häuser zerbrochen, sagt Hardt. Der Knall sei rund 30 Kilometer weit zu hören gewesen sein.

"Es ist alles kaputtgegangen"

Kurz nach der Explosion rannten die Anwohner der anliegenden Straßen aus ihren Häusern. "Ich dachte, das Haus stürzt ein", sagt der Bewohner eines Mehrfamilienhauses. Auch Achim Müsse wohnt in einer der am schwersten betroffenen Straßen. Nicht nur die Fensterscheiben sind allesamt kaputtgegangen, die Wucht der Bombe hat auch sein Garagentor zerbeult und das Dach abgedeckt. Die Schindeln zerbarsten auf der Straße. "Es ist alles kaputtgegangen", sagt Müsse. Auch das Blech seines Autos, das auf der Straße stand, hat sich unter dem Druck verformt.

Bei Senioren rief die Explosion Erinnerungen an die Bombardierungen wach. "Das Gelände ist vielfach bombardiert worden, weil es in unmittelbarer Nähe zu den Gleisanlagen des Bahnhofs liegt", sagt ein älterer Mann. Euskirchen war im Krieg ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt: Es liegt etwa in der Mitte zwischen Köln und Bonn, Trier und Aachen. Das Industriegelände sei nach dem Krieg ein einziges Trümmerfeld gewesen. "Die Bombe heute hat sich genauso angehört wie damals."

Die Schaffraths hatten Glück, sie blieben unverletzt. "Als wir rausgestürmt sind, haben wir nur den schwarzen Rauch hinter dem Schuttberg gesehen", sagt Oliver. Sie schauten sich um: Alle Fahrzeuge sind heftig zerbeult, Totalschaden. In den Bauwagen sind die Schränke aus den Wänden gerissen, Möbel, Geschirr und ihr gesamtes Hab und Gut liegen wild durcheinander. "Ich will mir gar nicht vorstellen, wie sich echter Krieg anhört, wenn das nur eine einzige Bombe war", sagt Oliver.

Die Feuerwehr war mit 60 Einsatzkräften um 13.27 Uhr ausgerückt. Dazu machten sich 20 Rettungskräfte und Ärzte auf den Weg zum Industriegelände. Weiträumig sperrten Feuerwehr und Polizei den Unfallort ab und alarmierten den Kampfmittelräumdienst, der aus Düsseldorf angefahren kam, um das Gelände auf weitere Bomben zu untersuchen. Auch die Experten können bisher nicht bestimmen, was für ein Sprengkörper explodiert ist.

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