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Ey, locker, locker

Ortstermin: In Mainz erhält Udo Lindenberg die Carl-Zuckmayer-Medaille - für seine Verdienste um die deutsche Sprache.
aus DER SPIEGEL 4/2007

Udo Lindenberg sieht aus wie einer, der Udo Lindenberg parodieren will: große dunkle Sonnenbrille, die er immerzu aufsetzt, abnimmt, aufsetzt, abnimmt, der Hut hingegen wie festgetackert am Resthaar, Lindenberg betritt das Mainzer Staatstheater in federndem Gang. Teenager laufen so, und zwar, wenn sie heimlich vor dem Spiegel Lässigkeit üben, Lindenberg aber wippte schon immer.

Er geht zu seinem Ehrenplatz, Parkett Mitte, die anderen Prominenten erheben sich, ein Händedruck mit Dieter Wedel, Dieter Thomas Heck streicht ihm über die Wange, und dann kommt Kurt Beck, der Gastgeber heute, der Ministerpräsident, der SPD-Vorsitzende, er fasst ihn am Arm und begrüßt ihn »ganz, ganz herzlich«.

Was Lindenberg antwortet, ist kaum zu verstehen, nicht mal, wenn man direkt danebensteht. »Ey, locker, locker«, nuschelt es unter dem Hut hervor, »sizilianisches Temperament«, hört man, und etwas klingt nach »Obercontrolletti und so« - Versatzstücke aus dem Lindenbergsprech, wahrscheinlich wirft sein Hirn die Brocken automatisch aus.

Gleich wird Lindenberg die Carl-Zuckmayer-Medaille erhalten für seine Verdienste um die deutsche Sprache. Mit Jan Delay zusammen sang er gerade das Lied »Im Arsch«.

Im vergangenen Jahr hat Armin Müller-Stahl den Preis erhalten, davor der Schriftsteller Thomas Brussig, davor Edgar Reitz, der Schöpfer der »Heimat«-Filme.

Da fällt Udo Lindenberg ein bisschen raus. Außer ihm stand noch Sarah Kirsch zur Wahl, die muss nun bis zum nächsten Jahr warten.

Es wird ein Abend, an dem viel vergiftetes Lob zu hören sein wird ("Ein Preis ist immer nur so gut wie sein schlechtester Preisträger«, zum Beispiel, sagt einer seiner Vorgänger), doch als Erster kommt Kurt Beck. Er soll die Medaille gleich überreichen, aber noch bevor es losgeht, erzählt er in eine Fernsehkamera, welcher Text ihm besonders gefalle, was sein persönliches Udo-Lindenberg-Lieblingslied sei.

»Ja, hm«, sagt Beck, »bei ,Sonderzug nach Pankow' summe ich immer mit.«

Summen? Für jemanden, dessen Texte gleich ausgezeichnet werden, ist Summen ein zweifelhaftes Kompliment - und da im »Sonderzug nach Pankow« noch nicht einmal die Musik von Lindenberg stammt, gespielt hat sie schon Glenn Miller, ist es gar keins. Wahrscheinlich wollte Beck tatsächlich etwas Nettes sagen. Wahrscheinlich hört er eigentlich auch lieber Mireille Mathieu.

Ein Trupp Bläser spielt »Fanfare for the Common Man«, das gilt Udo Lindenberg, ans Mikrofon aber tritt Beck. Er ist nicht sehr gut vorbereitet mit seiner kleinen Laudatio, er preist Lindenbergs Engagement gegen Atomkraft (obwohl der vor allem gegen Atomraketen sang, selten gegen Kraftwerke), er verwechselt den Republikpalast der DDR mit dem Rockpalast des WDR, im Ersteren durfte Lindenberg tatsächlich auftreten, im Letzteren nie.

Mit »Mädchen aus Ost-Berlin« und »Sonderzug nach Pankow«, sagt Beck, habe Lindenberg damals in der DDR den Menschen hinterm Stacheldraht Hoffnung gemacht. Ja, sagt er, Lindenberg habe geholfen »den Mörtel wegzukratzen, der die Mauer zusammenhielt«.

Lindenbergs Ostpolitik war so ähnlich wie die der SPD: Wandel durch Annäherung. Er dachte, man müsse mit Honecker reden, statt ihn zum Teufel zu jagen. Er tauschte mit dem DDR-Staatschef Lederjacke gegen Schalmei, und am Ende sah Honecker cool aus und Lindenberg benutzt.

Schließlich federt er auf die Bühne, erhält die Medaille, dazu ein 30-Liter-Fass Nackenheimer Rothenberg Spätlese, auf die linke Hand hat er sich das Wort »Jury« geschrieben, damit er nicht vergisst, ihr zu danken. Es ist eine sehr sozialdemokratische Jury, längst hat die Sozialdemokratie Lindenberg vereinnahmt, als Bruder im Geiste, Seit' an Seit' gegen rechts, gegen Unheil, gegen Krieg.

Tatsächlich ist Lindenberg für die Popmusik das, was die SPD für die Politik ist: ein Reformer, aber kein Revolutionär. Seine Texte: irgendwo zwischen nölig und kritisch, nicht umstürzlerisch und, wenn's drauf ankommt, schön brav. »Ich bin Rocker«, sang er in einem seiner härtesten Songs, kraftstrotzend in der Lederhose. Weiter geht der Text so: »... doch ich steh nicht auf Gewalt.« Lindenberg ist gesungene Sozialdemokratie, Kompromiss in Noten.

Hinter Udo Lindenberg schwebt der Vorhang mit dem Carl-Zuckmayer-Bildnis nach oben, der offizielle Teil ist beendet, zwei Keyborder und ein Gitarrist stehen jetzt auf der Bühne. Lindenberg sagt »Ey, komm, wir spielen ,Cello'«, eine grandiose Ballade aus den frühen Siebzigern, und plötzlich nuschelt er gar nicht mehr. Er spielt ein paar Hits, »Johnny Controlletti«, den »Sonderzug« und natürlich »Alles klar auf der Andrea Doria«, er muss nicht mehr den Lindenberg darstellen, er ist jetzt einfach nur Rockmusiker, und zwar ein ziemlich guter.

Wenn man ihm zuhört dabei, denkt man, dass niemals ein Mensch so gesprochen hat wie Lindenberg singt, in lichten Momenten nicht mal er selbst. Und man denkt: Der kann eigentlich gar nicht sprechen. Der kann nur singen.

Man möchte ihm einen Preis verleihen, vielleicht nicht gerade den für deutsche Sprache - aber einen Preis, den hat er verdient. ANSBERT KNEIP

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