Fährunglück in Südkorea Angehörige der "Sewol"-Passagiere kritisieren Regierung

Südkoreas Präsidentin kritisiert den Kapitän der gesunkenen Fähre "Sewol" - doch die Angehörigen der Passagiere haben auch am Krisenmanagement der Behörden viel auszusetzen. Besonders die Taktlosigkeit eines Regierungsvertreters empört sie.

REUTERS

Jindo - Lim Son Mi hat Angst. Die 50-Jährige mag nicht zu den Tafeln blicken, auf denen die südkoreanischen Behörden Informationen über die Passagiere des gesunkenen Fährschiffs "Sewol" bereitstellen. Auf den Tafeln sind Informationen zu geborgenen Leichen aufgelistet: Geschlecht, Größe, Haarlänge, Kleidung. So sollen die Toten identifiziert werden.

"Ich habe Angst, die Tafeln auch nur anzusehen", sagte Lim Son Mi. Ihre 16-jährige Tochter Park Hye Son war wie Hunderte andere Schüler auf dem Schiff, die Teenagerin wird noch immer vermisst. "Weil die Informationen sich ähneln, bricht es mir das Herz, wenn ich die Tafeln nur anschaue", sagt die Mutter. Viele Angehörige haben bereits DNA-Proben abgegeben, um die Identifizierung von Leichen einfacher zu machen.

Immer wieder steigen Taucher in den Rumpf der "Sewol" hinunter. Aber die Bergungskräfte haben praktisch keine Hoffnung mehr, Überlebende zu finden. Nun suchen sie im Wrack nach rund 220 Vermissten. Die meisten werden im Bauch der Fähre vermutet, im dritten und vierten Deck. Die beiden Decks wurden nach dem Kentern zu tödlichen Fallen.

Empörung über Verhalten von ranghohem Regierungsmitarbeiter

Kritik am Kapitän und Teilen der Crew gibt es zuhauf, auch von Südkoreas Präsidentin Park Geun Hye. Das mag berechtigt sein, aber die Pannen im Krisenmanagement der Regierung kann es nicht verdecken. Besonders das Verhalten von Song Young Chur sorgte unter den Angehörigen für Empörung.

Song, ein ranghoher Mitarbeiter im Ministerium für Sicherheit und öffentliche Verwaltung, soll im Raum, in dem Verwandte über den Verbleib der Passagiere informiert werden, fotografiert haben. "Wir sind hier mit den Nerven am Ende, und das ist Ihnen ein Foto wert?", soll ein Betroffener laut der Nachrichtenagentur Yonhap gerufen haben. Song ist inzwischen zurückgetreten.

Ein Sprecher der Präsidentin sagte, der Fall sei eine Warnung an andere. Song habe die Öffentlichkeit gegen sich aufgebracht, indem er Fotos gemacht habe, ohne die Gefühle der Angehörigen zu berücksichtigen.

Es war nur der jüngste einer Reihe von Fehltritten, die die Regierung eingestehen muss. Zunächst hatte sie behauptet, 368 Menschen seien gerettet worden. Die tatsächliche Zahl ist mit 174 weniger als halb so groß. Einige Angehörige haben sich beklagt, dass auch Stunden nach dem Untergang des Schiffes kein Regierungsvertreter sie informiert habe; zudem seien sie zurückgewiesen worden, als sie versuchten, zur Unfallstelle zu gelangen.

Auch die Krisen-Infrastruktur geriet in den Fokus der Kritik. Mehrere Ministerien bauten Notfallzentren auf, koordinierten deren Arbeit aber nicht. Führungskräfte hatten keine Erfahrung im Katastrophenmanagement. So war der stellvertretende Chef des zentralen Hilfszentrums zuvor Chef des Nationalarchivs.

"Vergleichbar mit Mord"

476 Menschen waren an Bord, mehrheitlich Schüler auf dem Weg zur Touristeninsel Jeju. Bislang sind 84 Tote bestätigt, wie aus Informationen der Küstenwache für die Angehörigen der Passagiere hervorgeht.

Präsidentin Park hatte das Verhalten des Kapitäns und mancher Crew-Mitglieder als unfassbar und "vergleichbar mit Mord" bezeichnet. Der Hauptvorwurf lautet, dass viele Menschen möglicherweise hätten gerettet werden können, wenn Lee Jun Seok und seine Crew sofort nach dem Unfall die Evakuierung angeordnet hätten.

Der Befehl kam erst nach einer halben Stunde. Zu dem Zeitpunkt hatte das Schiff schon so viel Schlagseite, dass möglicherweise viele Passagiere im Inneren eingeschlossen waren. Der Kapitän hatte angegeben, er habe die Evakuierung aus Sicherheitsgründen verzögert, weil er befürchtet habe, die Passagiere könnten von der Strömung fortgerissen werden. Er und mehrere Besatzungsmitglieder wurden mittlerweile verhaftet, vier weitere festgenommen.

ulz/AP/AFP

insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
herkurius 21.04.2014
1. Sicherheitsgründe
Natürlich war der Befehl, die Kinder haben in ihren Kabinen zu bleiben, aus Sicherheitsgründen gegeben. So konnte der Kapitän als erster von Bord gehen, wie das anscheinend neuerdings in der Seefahrt Usus ist.
hugotheKing 21.04.2014
2. Hoffnung
Man ist immre später schlauer als vorher. Wichtig ist, dass die zuständigen Behörden die Ursachen erforschen und für die Zukunft zu lernen. Dass in der Panik viele Dinge schief gegangen sind, ist ja typisch für so ein Unglück. Vor einem Jahr ist ein ähnlicher Unfall einer bauähnlichen Fähre an der japanischen Küste passiert. Es sind viele Fragen zu klären.
joachim_m. 21.04.2014
3. optional
Tragisch, aber bevor man sich hier über das Verhalten des Kapitäns auslässt, sollte man einmal abwarten, was die Untersuchung ergibt: Es macht keinen Sinn, mit einem Schiff unter zu gehen und zu ertrinken, selbst wenn es ansonsten Tote auf dem Schiff gibt, auch nicht im Hinblick auf den Kapitän. Es muss auch immer noch gefragt werden, ob es noch eine echte Chance gab, Personen zu retten, als er von Bord ging, wenn ja, hat er sich schuldig gemacht, wenn nein, dann hat er nur etwas gemacht, was man ihm nicht vorwerfen kann. Aber viel interessanter ist die Frage, wieso nicht evakuiert wurde. Lag es an einer Fehleinschätzung der Lage, die es leider in solchen Fällen geben kann, denn solange ein Schiff nicht untergeht, ist es immer noch erheblich sicherer, an Bord zu bleiben, oder war es etwas anderes. Jedenfalls finde ich es schon höchst seltsam, dass der Kapitän angibt, er habe Sorge wegen der Strömung gehabt: Rettungsboote und -inseln sind zwar bei starker Strömung nur schwer einsetzbar, ohne fest damit rechnen zu müssen, dass es dabei zu tödlichen Unglücksfällen kommt, zumal, wenn viele Leute an Bord sind, die nicht wirklich wissen, wie man sich in so einer Situation verhalten muss, nur: Wenn ein Schiff untergeht, nützt es absolut nichts, wenn alle wegen der Strömung an Bord bleiben, denn wer an Bord bleibt, stirbt auf jeden Fall. Und die Präsidentin soll einmal aufhören, über zu dramatisieren. Mord ist etwas anderes, wenn überhaupt, dann haben wir es hier mit fahrlässiger Tötung vieler Menschen zu tun, aber man kann kaum annehmen, dass der Kapitän aus niederer Gesinnung viele Menschen umbringen wollte und deshalb das Schiff absichtlich mit so vielen Leuten an Bord versenkt hat. Aber so einen Schwachsinn kennt man ja bei Politikern, die, um auf Wählerstimmenfang zu gehen, jeden Unglücksfall weidlich ausnutzten, um für sich Propaganda zu machen. In Deutschland ist das Hochwassertourismus; als wenn ein Bundeskanzler, eine Bundeskanzlerin vor Ort irgendetwas ausrichten könnten, und in der Zeit, in der sie sich als eine Art staatlicher Seelsorger betätigen, könnten sie in ihrem Büro viel mehr für die Opfer tun, aber da sieht man sie ja nicht.
dietermacher 21.04.2014
4. Unglücksursache?
Sämtliche unserer gleichgeschalteten Medien vermeiden es, über die Unglücksursache zu spekulieren, was doch irgendwie naheligend wäre. Warum?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.