Fährunglück "Wer am Ruder war, muss blind gewesen sein"

Beim Untergang der griechischen Fähre "Express Samina" vor der Kykladeninsel Paros sind mindestens 60 Menschen ums Leben gekommen. Der Kapitän und vier Besatzungsmitglieder wurden festgenommen.


Mitglieder des britischen Kriegsschiffes "Invincible" kümmern sich um gerettete Passagiere der "Express Samina"
REUTERS

Mitglieder des britischen Kriegsschiffes "Invincible" kümmern sich um gerettete Passagiere der "Express Samina"

Athen - Die Reederei führt das Unglück auf menschliches Versagen zurück. "Wer auch immer am Ruder war, muss blind gewesen sein", sagte Andreas Klironomos, Chef der "Hellas Ferries-Minoan Flying Dolphins" bei einer Pressekonferenz. "Unsere Fähre war kurz vor Auslaufen vom Hafen von Piräus kontrolliert worden. Es wurden keine Mängel festgestellt". Beim Untergang der Fähre vor Paros sind nach Angaben der Küstenwache 60 Menschen ums Leben gekommen. Fast ebenso viele wurden noch vermisst, wie der Leiter des Rettungseinsatzes, Andreas Kois, mitteilte. An Bord waren insgesamt 534 Menschen.

Die "Express Samina" prallte am Dienstagabend 3.200 Meter vor dem Hafen Paros gegen den Portes-Felsen, der auf jeder Seekarte verzeichnet und mit einem elf Kilometer weit sichtbaren Leuchtfeuer markiert ist. Das Schiff schlug leck, brach auseinander und ging in kurzer Zeit unter.

Fachleute zeigten sich entsetzt darüber, dass die Fähre dennoch gegen das deutlich gekennzeichnete Riff prallen konnte. Der Staatsanwalt ordnete die Verhaftung von Kapitän Vassilis Yannakis und vier leitenden Besatzungsmitgliedern an. Die Ermittlungen gehen auch der Frage nach, warum die Küstenwache erst nach fast 20 Minuten vom Sinken des Schiffs unterrichtet wurde.

Die "Express Samina" sollte Ende des Jahres aus dem Verkehr gezogen werden
DPA

Die "Express Samina" sollte Ende des Jahres aus dem Verkehr gezogen werden

"Uns riss gegen 22.00 Uhr ein fürchterliches Geräusch aus dem Schlaf. Binnen drei Minuten ging das Licht aus. Panik brach aus. Kinder schrien und suchten ihre Eltern. Wir hatten keine Zeit, die Rettungsboote zu benutzen", berichteten Passagiere, die von Fischern gerettet wurden.

"Die Fähre bekam immer mehr Schlagseite und lief voll Wasser. Der Kapitän gab den Befehl zum Verlassen des Schiffes. "Es dauerte nicht lange, und wir rutschten von der linken auf die rechte Seite des Schiffes und fielen ins Meer. Hinter uns ging die Fähre langsam unter."

Es folgten dramatische Szenen im Meer. "Menschen schrien um Hilfe. Viele wussten nicht, wie sie die Schwimmwesten anlegen mussten. Nach etwa einer Stunde kamen die ersten Fischerboote und retteten uns", erzählten Überlebende. Andere Passagiere konnten kleine Felseninseln erreichen. Sie wurden mit Hubschraubern in Sicherheit gebracht.

Hunderte Verwandte der griechischen Passagiere versuchten verzweifelt in der Hauptstadt Athen vor dem Ministerium für Handelsschifffahrt Informationen zu bekommen. "Mehr als 13 Stunden nach dem Unfall können uns die Verantwortlichen nicht sagen, wo unsere Verwandten sind", empörten sie sich im Fernsehen.

Das 34 Jahre alte Schiff sollte angeblich Ende dieses Jahres aus dem Verkehr gezogen werden sollen. Dies sei ein deutliches Zeichen dafür, "dass keine Investitionen in die Sicherheit vorgenommen worden sind", sagte ADAC-Experte Robert Sauter.



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