Fall Gäfgen Prozess um Folterdrohung beginnt

Ein Student entführt ein Kind reicher Eltern, ermordet es und erpresst die Familie. Erst als ihm Beamte nach der Festnahme Gewalt androhen, offenbart er das Schicksal seiner Geisel. Nun stehen die Polizisten, die versuchten, das Leben des Jungen zu retten, selbst vor Gericht.


Mordopfer Jakob von Metzler
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Mordopfer Jakob von Metzler

Hamburg - Am letzten Schultag vor den Herbstferien, am 27. September 2002, begegnet Jakob von Metzler seinem Mörder. Auf dem Schulweg passt Magnus Gäfgen sein Opfer ab, an der Bushaltestelle Stresemannallee/Mörfelder Landstraße. Gewöhnlich fuhr der Bankierssohn gemeinsam mit seiner älteren Schwester Elena nach Hause. Aber an diesem Tag ist die Schwester zu einem Brunch mit Klassenkameraden eingeladen. Jakob ist also allein unterwegs, als ihn der Student mit einem Trick in seine Wohnung lockt.

Gäfgen erstickt den Elfjährigen. Er stülpt ihm Plastiksäcke über den Körper und befestigt sie mit Klebeband. Dies Bündel trägt er durchs Treppenhaus zu seinem Honda Civic und legt es in den Kofferraum. Dann fährt der Student zum Haus der Bankiersfamilie von Metzler im Stadtwald. Er wirft die Klarsichtfolie mit dem Erpresserschreiben und einem Stein in die Einfahrt. "Wir haben Ihren Sohn entführt - keine Polizei - wir wollen Geld - eine Million Euro", heißt es darin sinngemäß. Um 12.30 Uhr entdeckt der Gärtner das Din-A4-Blatt.

Die Leiche des Sechstklässlers versteckt Gäfgen in einem See bei Schlüchtern in Osthessen. Dann fährt er wie jeden Freitag zum Mittagessen zu seiner Mutter nach Neu-Isenburg.

Magnus Gäfgen: Nach dem Mord zum Mittagessen
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Magnus Gäfgen: Nach dem Mord zum Mittagessen

Für die Familie von Metzler beginnt der Kampf gegen die Zeit bei der Suche nach der geforderten Summe von einer Million Euro. Es ist Wochenende. Nur über die Landeszentralbank gelingt es Jakobs Eltern, das Geld aufzutreiben. Die Hoffnung, den Jungen lebend wieder zu sehen, ist groß. Im Schreiben hat der Entführer versprochen, schon am Montagabend werde das Kind wieder zu Hause sein. Er würde sich aus dem Ausland melden und mitteilen, wo Jakob sei.

Die Million wird in der Nacht zum Montag in zwei Plastiktüten mit dem Logo der Supermarktkette Aldi an das Geländer einer Straßenbahnhaltestelle am Frankfurter Stadtrand gehängt. Mehr als hundert Fahnder sind im Einsatz. Verfolger sind in konzentrischen Kreisen um den Übergabeort postiert. Punkt 1 Uhr rollt die letzte Straßenbahn der Linie 14 Richtung Stadtgrenze in die Dunkelheit. Dann wird ein Wagen gemeldet. Ein Mann taucht auf. Er nähert sich, nicht einmal vorsichtig, den Tüten. Geht zurück zu seinem Honda, der 100 Meter entfernt auf einem Waldweg parkt. Gäfgen steuert, verfolgt von Polizeiteams, sein Auto in Richtung Neu-Isenburg. Er fährt eine "Schütteltour": Mal bleibt er stehen, mal wendet er, mal dreht er eine Runde. Und als er sich sicher glaubt, mögliche Verfolger abgehängt zu haben, passiert etwas, womit die Fahnder niemals gerechnet hätten: Er fährt nach Hause, legt sich ins Bett und schläft aus.

Am nächsten Morgen beginnt Gäfgen "zu telefonieren wie verrückt". Die Kripobeamten, die die Leitung überwachen, sind fassungslos: Der Student spricht mit Gott und der Welt - nur nicht mit den vermeintlichen Komplizen, die doch irgendwo Jakob gefangen halten müssen. Schließlich, die Fahnder schöpfen neue Hoffnung, setzt er sich mit seiner Freundin in seinen Honda Civic. Doch wieder werden die Polizisten enttäuscht. Statt zu seiner Geisel zu fahren, fährt Gäfgen in die Stadt zu Dresdner Bank. An einem Gerät, an dem auch Überweisungen möglich sind, zahlt er Scheine, die aus dem Lösegeld stammen, ein und transferiert die Summe auf sein Privatkonto. Kurz darauf hebt er das Geld am Automaten wieder ab. Dann klappert er gleich mehrere Banken ab, testet das Geld, es scheint sauber zu sein.

Dann fährt der Student mit seiner 16-jährigen Freundin in ein Aschaffenburger Autohaus und schaut sich einen Mercedes-Benz der C-Klasse an. Gemeinsam mit einem Verkäufer unternimmt das Paar eine Probefahrt. Gäfgen bestellt den Jahreswagen für 30.000 Euro. 700 Euro zahlt er an, in sieben Tagen, sagt er, wolle er den Wagen abholen. Über Handy spricht Gäfgen mit Kumpels aus Norddeutschland, die an dem Tag "durch Frankfurt" kommen, "auf dem Weg zum Oktoberfest". Er verabredet sich mit ihnen am Hauptbahnhof.

Die Fahnder sind elektrisiert. Ist "Oktoberfest" das vereinbarte Kennwort? Ist das die Spur zu Jakob? Kümmert sich der Entführer nun endlich um seine Geisel? Die Polizei schickt Zivilkräfte zum Bahnhof. Doch Gäfgen geht nicht zum Bahnhof, sondern in Aschaffenburg in ein Reisebüro. Er bucht einen Pauschalurlaub auf den Kanaren. In der kommenden Woche soll es losgehen. Die Fahnder rätseln: Will er sich absetzen? Aber warum erst so spät? Am Nachmittag sagt er den Oktoberfest-Freunden ab. Er müsse zum Flughafen, "etwas erledigen".

Wolfgang Daschner: Aktenvermerk über Vergehen
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Wolfgang Daschner: Aktenvermerk über Vergehen

Nach Rechnung der Fahnder ist Jakob nun bereits seit 76 Stunden gefangen. Vielleicht ohne Nahrung, ohne Wasser, vielleicht in einem Erdloch, in dem die Luft knapp wird. Auch wenn alle Fakten dagegensprechen, zwingt sich die Polizei immer wieder, daran zu glauben, Jakob könne noch gerettet werden.

Gegen 16 Uhr fahren Gäfgen und seine Freundin schließlich von Aschaffenburg Richtung Frankfurt. Die Einsatzleitung gibt das Signal zur Festnahme. Vielleicht, so hoffen sie, kann man die Kidnapper überrumpeln, den Überraschungsmoment nutzen, um Jakobs Versteck herauszufinden. Der Zugriff erfolgt blitzartig in der Nähe des Frankfurter Flughafens. Noch auf dem Weg ins Präsidium beginnen die Beamten, Gäfgen und seine Freundin Katharina getrennt voneinander zu vernehmen. Zur selben Zeit bricht ein Spezialeinsatzkommando die Wohnung in der Teplitz-Schönauer-Straße auf. Die Beamten finden die Hälfte des Lösegelds. Von Jakob fehlt jede Spur.

Im Polizeipräsidium angekommen, simuliert Gäfgen erst einmal einen Schwächeanfall. Danach gibt sich der Festgenommene, wie es ein Polizeiführer formuliert, nur noch "extrem cool": Er wisse nicht, was man überhaupt von ihm wolle. Als die Fahnder ihm das sichergestellte Lösegeld vorhalten, druckst er herum. Okay, sagt er, er habe es "zufällig" im Wald gefunden. Nach zähen Vernehmungen gibt Gäfgen schließlich zu, "indirekt" etwas mit der Entführung zu tun zu haben, als Handlanger für andere, als Geldbote. Er denunziert Kumpels, Bekannte, selbst gute Freunde. Wo sie den Jungen versteckt hielten, wisse er nicht genau, aber er könne sich vorstellen, dass Jakob in einer "Hütte am See in Langen" gefangen sei.

Suchmannschaften werden losgeschickt, mehr als tausend Polizisten durchkämmen den Wald. Erfolglos. Die Minuten verstreichen. Die Öffentlichkeit wird informiert, jede Sekunde, jeder Hinweis kann für Jakob überlebenswichtig sein. Inzwischen versteift sich Gäfgen auf die Version, dass es sich bei den "wahren Tätern" um zwei Brüder aus seiner Fußballclique handele. Doch auch diese Anschuldigungen sind Lügen.

Sieben Stunden vernehmen die Beamten den jungen Mann - und sind keinen Schritt weiter. Er lässt sie zappeln. Gespielte Freundlichkeit hat nicht geholfen, nicht der Appell an die Menschlichkeit des Jurastudenten. Sie haben sogar seine Mutter zu ihm gebracht, um ihn zu erweichen. Keine Reaktion. "Und dabei wussten wir", sagt einer der Ermittler, "irgendwo liegt jetzt Jakob, vielleicht in einem Erdloch, und stirbt langsam vor sich hin."

Am Dienstagmorgen, es ist der 1. Oktober, tritt Polizeivizepräsident Wolfgang Daschner, 59, seinen Dienst um 5.30 Uhr an. Der Polizist, nach Angaben von Kollegen ein "Ausbund von Korrektheit", hat nur ein paar Stunden geschlafen und trifft nun, in der Befehlsstelle im zweiten Stock des Frankfurter Polizeipräsidiums, die sicher folgenschwerste Entscheidung seiner Laufbahn: Er befiehlt, gegen Gäfgen "unmittelbaren Zwang" anzuwenden - im Klartext: Gewalt.

Parallel ordnete er an zu prüfen, ob ein "Wahrheitsserum" beschafft werden könne. Die von einem Beamten dagegen erhobenen "moralischen Bedenken", heißt es dazu in einem Polizeivermerk, "wurden in einer weiteren Besprechung zurückgestellt". Ein Kollege wurde "angewiesen, den Beschuldigten auf die bevorstehende Verfahrensweise vorzubereiten". Daschner hält sein Vorgehen in einem Aktenvermerk fest. Zudem informiert er die Staatsanwaltschaft über seine Entscheidung. Gäfgen bricht angesichts der Folterandrohung zusammen. Und dann, so erinnern sich Fahnder, sagt er den Satz: "Okay, das Kind ist tot."

Gäfgen wurde am 28. Juli 2003 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht erkennt eine besondere Schwere der Schuld.

Gegen Daschner und den Vernehmungsbeamten leitet die Staatsanwaltschaft am 27. Januar 2003 Ermittlungen wegen Verdachts der Aussageerpressung ein. In der Anklage, die die 27. Große Strafkammer des Landgerichts am 22. Juni 2004 zulässt, lautet der Vorwurf gegen Daschner "Verleitung zur schweren Nötigung", der Vorwurf gegen den Vernehmungsbeamten, der Daschners Botschaft an Gäfgen weitergab, lautet Nötigung.

Lesen Sie weiter: Für viele Bundesbürger hat der Polizist richtig gehandelt. In Umfragen befürworteten 60 Prozent der Befragten das Vorgehen. Doch Daschner hat das Recht gegen sich.

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