Fall John Demjanjuk Unbehagen nach dem Urteil

Fünf Jahre Gefängnis, so lautet das Urteil gegen John Demjanjuk. Die Inhaftierung bleibt ihm erspart, was für Empörung sorgt. Dennoch ist die Entscheidung wegweisend: Erstmals wurde ein ehemaliger KZ-Wachmann schuldig gesprochen, weil seine Anwesenheit in einem Vernichtungslager nachgewiesen wurde.
Fall John Demjanjuk: Unbehagen nach dem Urteil

Fall John Demjanjuk: Unbehagen nach dem Urteil

Foto: Andreas Gebert / dpa

Um 10.12 Uhr öffnet sich die in die Wand eingelassene weiße Tür, zum letzten Mal wird der Angeklagte hereingeschoben. John Demjanjuk sitzt im Rollstuhl, er trägt einen grünen Parka mit Kapuze, eine helle graublaue Baseball-Mütze und eine dunkle Sonnenbrille.

Der Vorsitzende Richter Ralph Alt hebt zu sprechen an, fragt dann aber, ob sich Demjanjuk zuvor lieber hinlegen möchte. Zwei Sanitäter helfen dem 91-Jährigen, sich aufzurichten, der Angeklagte setzt sich auf das bereitstehende Bett, legt den Parka ab, lehnt den Oberkörper nach hinten. Dann bekommt er Wasser in einem Plastikbecher gereicht, trinkt, lehnt sich wieder zurück.

Es ist heiß und stickig im Sitzungssaal 101, dem größten Raum des Münchner Strafjustizzentrums. Das Gericht wartet, die Zuhörer auf den orangefarbenen Stoffsitzen warten, so wie sie schon so häufig gewartet haben in diesem anderthalb Jahre währenden, mühsamen Verfahren.

Das Urteil ist jetzt greifbar nah. Der Vorsitzende Richter weist noch einmal einen Stapel Beweisanträge von Demjanjuks Pflichtverteidiger Ulrich Busch ab, dann fragt er in die Runde, ob die Prozessparteien noch etwas sagen wollen. Staatsanwalt und die Vertreter der Nebenklage verneinen, selbst der streitbare Verteidiger Busch belässt es bei einem Scherz: "Soll ich wirklich noch einmal mein Plädoyer wiederholen?" Es hatte fünf Tage gedauert.

Beihilfe zum Mord an 28.060 Menschen

Dann bekommt der Angeklagte die Gelegenheit zu einem letzten Wort. Demjanjuk könnte jetzt sprechen, aber er schüttelt nur im Liegen den Kopf. Die Kammer unterbricht noch einmal für zwei Stunden, das Warten geht weiter.

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KZ-Prozess: John Demjanjuk vor Gericht

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Um 12.30 Uhr, es ist inzwischen noch stickiger geworden in Saal 101, geht es dann ganz schnell, der Angeklagte muss für einige Minuten aufrecht im Rollstuhl sitzen.

Im Namen des Volkes: Demjanjuk hat sich der Beihilfe zum Mord an 28.060 Menschen schuldig gemacht. Er wird zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren verurteilt und muss die Kosten des Verfahrens tragen. Es ist das erwartete Verdikt, die Staatsanwaltschaft hatte sechs Jahre gefordert.

Die Nebenkläger nehmen das Gesagte gefasst auf, einige drücken sich schnell die Hände oder umarmen sich flüchtig. Als Alt ausführt, in welchem der 16 fraglichen Transportzüge welche ihrer Angehörigen deportiert wurden, fließen Tränen.

Doch im weiteren Verlauf nimmt die Urteilsbegründung eine unerwartete Wende, die die Prozessbeobachter zunächst kaum verstehen. Erst am Ende der richterlichen Ausführungen ist klar, dass Demjanjuk trotz der Verurteilung sofort auf freien Fuß kommt.

"Der Angeklagte ist freizulassen"

Überraschend kündigte das Gericht an, den Haftbefehl gegen den 91-Jährigen aufzuheben. "Der Angeklagte ist freizulassen", sagte Richter Alt und begründete die Entscheidung unter anderem mit Demjanjuks hohem Alter: Nach zwei Jahren Untersuchungshaft in München sei eine weitere Zeit im Gefängnis für den 91-Jährigen "nicht verhältnismäßig". Außerdem sei das Urteil noch nicht rechtskräftig.

Verteidiger Ulrich Busch legte nach dem Urteil umgehend Revision ein, das Verfahren geht also an den Bundesgerichtshof. Eine Entscheidung kann nach Angaben aus Justizkreisen bis zu eineinhalb Jahre dauern. Sollte das Urteil dann rechtskräftig werden, müsste Demjanjuks Haftfähigkeit geprüft werden, sagte Gerichtssprecherin Margarete Nötzel. Staatsanwalt Hans-Joachim Lutz merkte an, er hätte gewollt, dass Demjanjuk in Haft bleibe, aber das Gericht habe das anders gesehen.

Nach dem Urteil wurde Demjanjuk von seinem Anwalt in einem Rollstuhl aus dem Gericht geschoben - erstmals ohne Sonnenbrille und Baseballkappe. Vermutlich werde er noch eine Nacht in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim verbringen, sagte Busch. Wo Demjanjuk danach unterkommt, ist unklar. Am Rande der Verhandlung hieß es, der Sozialdienst der JVA oder die kleine ukrainische Gemeinde in München könne ihm helfen. Anwalt Busch hat ein anderes Ziel vor Augen: "Bring him home." In den USA liefen gerade die Verfahren gegen die Aberkennung der US-Staatsbürgerschaft an. Sollten diese erfolgreich sein, könne Demjanjuk noch einmal zu seiner Familie zurück.

Das israelische Wiesenthal-Zentrum reagierte empört auf die Freilassung Demjanjuks. "Er gehört ins Gefängnis", sagte der Leiter der Jerusalemer Einrichtung, Efraim Zuroff. "Das ist eine ganz fürchterliche Entscheidung", kommentierte Zuroff die Aufhebung des Haftbefehls. "Sein Alter hätte nicht berücksichtigt werden dürfen." Demjanjuk sei wegen der Beteiligung an der Ermordung von rund 30.000 Juden verurteilt worden. "Ist es da angemessen, ihn freizulassen?"

Zuroff berichtete von einer Achterbahnfahrt seiner Gefühle. Zuerst hatte er die Verurteilung zu fünf Jahren Haft begrüßt und von einer sehr starken Botschaft gesprochen, dass die Täter auch viele Jahre nach den Verbrechen des Holocaust noch für ihre Vergehen belangt werden können. Doch am Ende des Prozesses sagte er: "Am Anfang war ich begeistert, jetzt bin ich sehr enttäuscht."

"Ich bin nicht Hitler"

Auch wenn das Ergebnis vielen nicht passt - das Verfahren hatte Signalcharakter. An jedem Prozesstag war das Bemühen der Kammer spürbar, respektvoll mit den Opfern umzugehen. Sie brach mit der unheilvollen Tradition vergangener Jahrzehnte, als in Prozessen traumatisierte Überlebende bisweilen scharf befragt und ihre Erinnerungen angezweifelt worden waren. Im Münchner Prozess hatten die Leidensgeschichten hingegen einen angemessenen Raum.

Dass es auch noch einen Angeklagten gab, konnte man bisweilen vergessen.

Demjanjuk verfolgte das Verfahren so, wie er später auch das Urteil hinnahm: regungslos hingestreckt, während seine ukrainische Dolmetscherin ihm übersetzte. Nur einmal hatte er wartenden Journalisten im Gang zugerufen: "Ich bin nicht Hitler. Also was ist los mit euch?"

Auf eine persönliche Einlassung des Angeklagten wartete man jedoch vergebens, das Verfahren geriet in seinem Charakter zu einer historischen Lehrstunde, auch wenn der Vorsitzende diesen Zweck in seiner Urteilsbegründung ausdrücklich verneinte: "Das Gericht hatte nicht Geschichte aufzuarbeiten, sondern ein Schwurgerichtsverfahren zu führen."

"Zeichen für den funktionierenden deutschen Rechtstaat"

Der Prozess zog sich über 18 Monate hin, das Urteil wurde am 93. Verhandlungstag gefällt. Gründe für das schleppende Verfahren waren vor allem der Gesundheitszustand des greisen Angeklagten, der nur rund drei Stunden Verhandlung pro Tag zuließ, sowie eine Flut von Anträgen der Verteidigung, die diese teils tagelang verlas. Alleine das Plädoyer der Verteidiger nahm fünf Tage in Anspruch.

An fast allen Verhandlungstagen ging es um historische Dokumente. Sie lassen kaum Zweifel daran, dass Demjanjuk ein "fremdvölkischer Hilfswilliger" der SS gewesen ist. Sein Name taucht in mehreren Dokumenten auf, darunter auf dem SS-Dienstausweis mit der Nummer 1393, dem zentralen Beweisstück. Mit welchem Personal und welchen Dienstabläufen die Deutschen im Lager Sobibor rund 250.000 Juden ermordeten, wurde in München detailliert erörtert.

Ohne die Hilfswilligen, so führte das Gericht in seiner Urteilsbegründung aus, hätte die SS nicht so reibungslos morden können.

Doch was war der persönliche Anteil des Angeklagten beim Holocaust? Hätte er sich entziehen können, ohne sein eigenes Leben zu riskieren? Diese zentralen Punkte aufzuklären, blieb dem Münchner Verfahren versagt, dazu hätte der Angeklagte sprechen müssen.

"Jeder Angehörige des Personals war an dem routinemäßigen Vernichtungsvorgang beteiligt", so lautet der zentrale Satz der Urteilsbegründung. Es ist ein Novum in der Geschichte der bundesdeutschen NS-Verfahren: Ein Wachmann wird allein deshalb verurteilt, weil seine Anwesenheit im Lager nachgewiesen ist.

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sieht das Urteil als "Zeichen für den funktionierenden deutschen Rechtstaat". Von München gehe die "unmissverständliche Botschaft" in die Welt, dass die Täter des Holocausts für ihre Verbrechen belangt werden, sagte Knobloch am Donnerstag in München. NS-Kriegsverbrecher wüssten nun, "dass sie zur Rechenschaft gezogen werden und dass sie sich für ihr Tun verantworten müssen".