Geständnis im Fall Maryam H. Tödliche Wut

Im Prozess um den Mord an einer jungen Afghanin hat einer der zwei angeklagten Brüder sein Schweigen gebrochen. Ein Streit sei eskaliert, sagt er – da habe er sie versehentlich getötet.
Aus Berlin berichtet Wiebke Ramm
Angeklager Yousuf H.: »Ich war so in Wut geraten, dass ich den Hals fest zudrückte«

Angeklager Yousuf H.: »Ich war so in Wut geraten, dass ich den Hals fest zudrückte«

Foto: Olaf Wagner / imago images/Olaf Wagner

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Sein Geständnis dauert nur zehn Minuten. Zehn Minuten, in denen Yousuf H. zu erklären versucht, warum er seine Schwester Maryam getötet hat. Er allein, ohne seinen jüngeren Bruder Mahdi. So wie Yousuf H. es darstellt, war der Tod seiner Schwester ein Versehen. Juristisch betrachtet vielleicht Körperverletzung mit Todesfolge, jedenfalls kein Mord. Es ist eine bemerkenswerte Einlassung. Sie verrät möglicherweise mehr über den 27-jährigen Afghanen, als ihm lieb ist.

Yousuf H. hat lange gebraucht, bis er vor Gericht sein Schweigen bricht. Seit März muss er sich zusammen mit seinem vier Jahre jüngeren Bruder Mahdi vor der 22. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin verantworten. Laut Anklage sollen die jungen Männer ihre Schwester am 13. Juli 2021 ermordet haben. Weil Maryam H. ihr Leben nach eigenen Vorstellungen führen wollte, sich nicht allen Vorschriften ihrer Brüder beugte und Mahdi und Yousuf H. herausfanden oder ahnten, dass die 34-Jährige einen Freund hatte.

29 Verhandlungstage lang hat Yousuf H. zu den Vorwürfen geschwiegen. Inzwischen neigt sich die Beweisaufnahme dem Ende entgegen. Und erst jetzt erzählt er seine Version der Geschehnisse. Womöglich, weil er ahnt, dass der Prozess für ihn und seinen Bruder in einer Verurteilung wegen Mordes enden könnte.

»Ich bin so in Wut geraten.«

Rechtfertigung des Angeklagten Yousuf H.

Yousuf H. lässt an diesem Mittwoch seinen Anwalt Michael Stopp in seinem Namen erklären, was an jenem Julitag vergangenen Jahres passiert sein soll. Noch über ihren Tod hinaus macht er seiner Schwester Vorwürfe. Sie habe sich unflätig über ihre Eltern geäußert, habe Mutter und Vater in Afghanistan in Gefahr gewusst und sich dennoch geweigert, ihnen Geld für die Flucht zu überweisen. Er spricht von ihr als einer selbstsüchtigen, undankbaren Frau – in völligem Kontrast zu den Aussagen sämtlicher Zeuginnen und Zeugen, die Maryam H. als aufopferungsvollen Menschen erlebten.

Eskalation im Hostelzimmer

Von sich selbst zeichnet Yousuf H. das Bild eines Mannes, der sich um die Familie kümmert. Seiner Schwester und ihren Kindern habe er eine Wohnung besorgen wollen, damit sie nicht länger beengt in einer Geflüchtetenunterkunft leben mussten. Er sei extra aus Donauwörth in Bayern, wo er lebte, mit dem Zug nach Berlin gereist, um mit Maryam am 13. Juli eine Wohnung in Berlin-Neukölln zu besichtigen. Vorher kauften sie zusammen noch einen Koffer, weil Maryam darauf bestanden habe, dass er seine Sachen, die noch bei ihr lagen, mit nach Bayern nimmt. Mit dem Koffer seien sie dann in die Wohnung von Mahdi H. in Berlin-Neukölln gefahren. Der 24-Jährige lebte in einem Zimmer eines Hostels in Berlin-Neukölln. Mahdi H. habe sie allein gelassen und das Zimmer verlassen, vielleicht um eine Zigarette zu rauchen.

In Abwesenheit von Mahdi H. soll es zu einem heftigen Streit zwischen Yousuf und Maryam H. gekommen sein. Yousuf H. habe die Eltern unbedingt aus Afghanistan nach Deutschland holen wollen, weil er sie durch die Taliban bedroht sah. Er habe Maryam aufgefordert, ihnen Geld zu schicken. Maryam habe das abgelehnt. Sie habe nicht gewollt, dass Mutter und Vater nach Deutschland kommen. Die Eltern hätten sich nicht um sie gekümmert, sie als Kinder nicht in die Schule geschickt, habe sie gesagt. Maryam H. habe »schlimme Worte« gesagt, sich »respektlos« und »beleidigend« geäußert. Mehrfach habe er ihr gesagt, dass den Eltern durch die Taliban Gefahr drohe. Seiner Schwester soll das »egal« gewesen sein. »Ich bin so in Wut geraten.«

Er habe ihr erst den Mund zugehalten, sie an den Schultern gepackt und sie schließlich in den Schwitzkasten genommen. Sein Unterarm habe an ihrem Hals gelegen. »Ich war so in Wut geraten, dass ich den Hals fest zudrückte.« Er habe gespürt, wie ihr Körper schwerer wurde. Sie ging zu Boden. »Ich dachte, sie ist ohnmächtig«, sagt er: »Ich wollte sie nicht töten.« Doch Maryam H. war tot.

In seiner Panik sei er auf die Idee gekommen, seine Schwester in einem Koffer nach Donauwörth zu bringen. In dem Koffer, den er am Morgen noch mit ihr am Berliner Alexanderplatz gekauft hatte. Doch es sei ihm nicht gelungen, sie in den Koffer zu legen, sagt er. Da habe er ihr mit einem Messer »einmal in den Hals geschnitten, damit sie hineinpasst«. In dem Moment sei sein Bruder ins Zimmer gekommen.

Der eine Bruder versucht, den anderen zu entlasten

Mahdi H. habe gefragt, was passiert sei. »Er wollte einen Arzt rufen.« Yousuf H. ist dieser Satz wichtig. Er wiederholt ihn: »Mahdi wollte einen Arzt rufen.« Er habe es ihm verboten und ihn dabei mit dem Messer bedroht. Dann habe Yousuf H. den Kopf seiner Schwester mit Klebeband umwickelt und ihr eine Tüte über das Gesicht gestülpt, »damit ich es nicht sehen muss«. Auch ihre Hände und Füße habe er mit Klebeband fixiert. Einen Grund dafür nennt er nicht.

Da der Koffer für einen allein zu schwer gewesen sei, habe Mahdi H. ihn nach Donauwörth begleiten müssen. Es gibt Überwachungsvideos vom Bahnhof Berlin-Südkreuz. Sie zeigen die Brüder, wie sie am Abend des 13. Juli 2021 einen deformierten, offensichtlich schweren Koffer tragen und in einen ICE Richtung München steigen. Die Polizei hatte sich nach Maryam H.s Verschwinden einen baugleichen Koffer besorgt. Eine Polizistin mit Maryam H.s Statur legte sich probeweise hinein. Der Koffer ließ sich schließen.

»Ich bereue meine Wut, die zu der Verletzung und schließlich zum Tod meiner Schwester geführt hat, aufrichtig.«

Anwalt im Namen seines Mandanten Yousuf H.

Am 5. August 2021 wurde Maryam H.s Leiche gefunden. Sie lag verscharrt in einem Wäldchen rund 30 Kilometer von Donauwörth entfernt. Eine Rechtsmedizinerin stellte drei mögliche Tötungsarten fest. Tod durch Ersticken, Tod durch Erdrosseln, Tod durch Kehlschnitt.

»Ich bereue meine Wut, die zu der Verletzung und schließlich zum Tod meiner Schwester geführt hat, aufrichtig«, lässt Yousuf H. seinen Anwalt am Ende seiner Einlassung sagen. »Was passiert ist, tut mir sehr leid.«

Fragen des Gerichts, der Staatsanwältin, der psychiatrischen Gutachterinnen und des Anwalts von Maryam H.s Kindern lässt er nicht zu. Zum Beispiel die Frage, ob es stimmt, dass er ihrer Tochter und ihrem Sohn gedroht hat, er werde ihre Mutter umbringen, wenn er erfahre, dass sie einen Freund hat. So hatten es die Kinder berichtet. Sie sagten auch, dass Yousuf H. und Mahdi H. ihre Mutter regelmäßig geschlagen, sie gedemütigt und permanent zu kontrollieren versucht hätten. Maryam H. habe sich nie gegen die Gewalt gewehrt.

Sie habe ihre Brüder geliebt.

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