Rechte Gewalt Wir Kanarienvögel

Der Anschlag "richtet sich gegen uns alle", sagt Horst Seehofer zum Fall Lübcke. Für viele nicht weiße Deutsche klingt das wie Hohn.
Von Thembi Wolf

"Meine Damen und Herren, ein rechtsextremistischer Anschlag auf einen führenden Repräsentanten des Staats ist ein Alarmsignal und richtet sich gegen uns alle", sagte Horst Seehofer auf der Pressekonferenz zum Mord an Walter Lübcke.

Das ist glatt gelogen. Ein rechtsextremistischer Anschlag richtet sich nicht gegen Horst Seehofer. Er trifft nicht uns alle. Das war schon beim NSU grundfalsch und naiv. Er trifft die Engagierten und Öffentlichen. Er trifft meist People of Color und Migranten. Um es kurz zu sagen: Nicht ihr seid das Ziel von Rechtsterror - wir sind es.

Und die Botschaft kommt an. Seit Jahren warnen nicht weiße Deutsche vor der wachsenden Bedrohung. Auch das war schon beim NSU so: Die migrantischen Gastronomen schauten sich zweimal um, bevor sie ihre Geschäfte aufschlossen, während die Polizei noch nach kriminellen Ausländern fahndete. So erzählen es deren Kinder, meine Bekannten, heute.

Rassismus ist Alltag

Ich werde täglich mit Hassnachrichten bombardiert. In der vergangenen Woche wollte man mich tausendfach ausweisen und mehrfach hängen. Einer wollte mich zu "Negermehl" verarbeiten, einer im Periodenblut meiner Mutter ersäufen. Ich telefonierte mit einer Kollegin, die das Problem kennt. Wir sprachen über Fotomontagen und Vergewaltigungsdrohungen. Ein Passant hörte ein paar dieser Sätze zufällig mit an - und nahm Reißaus vor ihr. "Ja, tut mir leid, dass fünf Sekunden aus meinem Leben dich so schockieren. Meine Fresse", schimpfte die Kollegin ihm hinterher.

Horst Seehofer am Dienstag bei der Pressekonferenz zum Fall Lübcke.

Horst Seehofer am Dienstag bei der Pressekonferenz zum Fall Lübcke.

Foto: REUTERS

Rassismus ist nicht neu in meinem Leben, sondern Alltag, und ich habe oft darüber geschrieben. Ich treffe Vorkehrungen zu meiner Sicherheit: Bin ich zu Hause im Osten, meide ich Abends bestimmte Straßen. Marschiert die AfD, bleibe ich ganz zu Hause. Manche Konfrontationen vermeide ich. Im Netz gilt das alles nicht.

Schon wieder hört keiner zu

Wenn jetzt von einer "neuen Dimension", einer "neuen Normalität" gesprochen wird, zeigt das auch: Schon wieder hört uns keiner zu. Bergarbeiter nahmen in die Kohleminen einen Kanarienvogel mit, um die Luftqualität zu testen. Die kleinen Vögel sind anfälliger für Kohlenmonoxid. Hörte der Vogel auf zu singen und fiel von der Stange, wusste der Bergarbeiter: Nix wie raus.

Noch zwitschern wir. Obwohl es einfacher wäre, zu schweigen. Noch ist die Mine zu retten. Stattdessen tätschelt man uns den Kopf, gibt sich betroffen - und beschwichtigt. Sind das nicht alles rechte Spinner, Trolle und Spam? Eben das neue Grundrauschen der nach rechts verrückten Gesellschaft? Die meinen das nicht so. Die sind viel weniger, als man denkt.

Vergewaltigungsfantasien unter Klarnamen

Das mag stimmen. Aber sie sind auch keine Fabelwesen mit Knollennase, sondern Straftäter. Sie sind meist Männer. Sie haben Klarnamen, mit denen sie die E-Mails unterschreiben, in denen sie uns aufknüpfen wollen. Sie haben Unternehmen, von deren offiziellen E-Mail-Adressen sie Vergewaltigungsfantasien verfassen. Natürlich sind nicht alle von ihnen gewaltbereite terroristische Schläfer. Vielleicht bellen die, die beißen, auch gar nicht vorher. Aber nur für den Fall: Wie wäre es mit Maulkörben?

Sattdessen soll das Netzwerkdurchsetzungsgesetz gegen Hassrede helfen. Statt verfolgt, werden Straftaten gelöscht. Und Beleidigungen und Drohungen werden in der Debatte zu "Hassrede" und Straftäter zu "Trollen". Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli sagte neulich, sie zeige jede Woche 30 Hassmails an. Pro Anzeige - ich kenne das - sind das mindestens 30 Minuten. Macht 15 Stunden Arbeit allein für die Anzeigen.

Unter den Videos rechter YouTuber über mich finden sich Tausende beleidigende und bedrohende Kommentare. Ich lese sie nicht, niemand löscht sie. Aber während ich diese Woche noch auf YouTube beleidigt und bedroht wurde, saß ich zufällig bei einer Podiumsdebatte von Google. Vier weiße Referentinnen und Referenten diskutierten über mehr Diversität im Journalismus. Aber die Frage, wie man nicht weiße Journalistinnen und Journalisten vor den Rechten schützt, beantworteten sie nicht. Der führende Google-Mitarbeiter versprach, sich "das mal als Hausaufgabe" mitzunehmen.

Vergesst die Plattformen - niemand macht freiwillig seine Hausaufgaben. Die Kanarienvögel zwitschern noch, es ist nicht zu spät, aber die Luft wird dünn.

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