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Barbara Supp

Familienalbum Bella Italia, 1967

Barbara Supp
Aufgezeichnet von Barbara Supp
17 Mädchen und ich: Das sieht nett aus auf dem Foto, aber es war ein Horrortrip.
aus DER SPIEGEL 8/2020

Dieter Hooge, 76:

Ich war 23, wartete auf einen Studienplatz und jobbte bei einem Dachdecker, als ich im Sommer 1967 Post vom DGB bekam: ob ich eine Freizeit mit 23 Jugendlichen in Rimini leiten könne? Der Lohnausfall werde ausgeglichen. Also fand ich mich auf dem Dortmunder Hauptbahnhof ein. Auf dem Bahnsteig: 6 Jungs und 17 Mädchen, von denen mehrere noch keine 16 Jahre alt waren. Alle anderen waren auch deutlich unter 20. Ich hätte dafür zu sorgen, dass die Jüngeren um 22 Uhr in der Unterkunft seien, hieß es. Es könnte sonst juristische Probleme geben. Ich versprach es den Eltern am Bahnsteig.

Es ging total daneben. Jeden Abend saß ich vor der Unterkunft, manchmal wartete ich auf die Letzten bis morgens um zwei. Alle Bitten und Drohungen blieben erfolglos. Was konnte ich schon tun? Ich ließ es laufen. Einmal kam eine 15-Jährige gegen Mitternacht mit einer Bisswunde zurück. Ein liebestoller Mann habe sie, weil sie ihm einen Tanz verweigert hatte, in die Schulter gebissen, erzählte sie. Ich verband die Wunde und sagte den anderen: Da seht ihr's! So etwas passiert, wenn ihr nicht früh genug zurückkommt.

Zwei Wochen lang lagen bei mir die Nerven blank. Am Tag der Heimreise dachte ich, dass ich es geschafft hätte. Von wegen. Eines der Mädchen hatte sich hoffnungslos in einen Italiener verliebt, Fausto. Es kam zum tränenreichen Abschied. Als der Zug ein paar Kilometer gefahren war, brach das Mädchen zusammen. Sie habe Herzprobleme. Es ging ihr wirklich schlecht. Ich ließ im Zug ausrufen, ob ein Arzt an Bord sei. Es gab einen, er fand nichts Ernstes, empfahl aber, sie solle in Mailand bei einem außerfahrplanmäßigen Stopp den Zug verlassen und in einer Klinik untersucht werden. Das wurde vom Zugführer organisiert. Als Mailand näher kam, war die Verliebte aber wieder weitestgehend gesund. Der Stopp entfiel.

Die Eltern warteten am Dortmunder Hauptbahnhof auf uns. Ich sagte, es sei alles glattgelaufen.

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