Elterncouch Über das Töten

Spielen wir das Spiel vom Tod? Junge mit Spielzeugknarre
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Spielen wir das Spiel vom Tod? Junge mit Spielzeugknarre

Von Theodor Ziemßen


Mein Sohn ist begeistert. Von Erdbeereis, "kleinem Lego" und Snoopy. Aber auch von Pistolen, Bomben, vom Töten und Sterben. Neulich hat er seinen ersten Mord begangen. Was tun, wenn man Zeuge wird?

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Theodor Ziemßen schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.

Benjamin ist besessen vom Töten.

Äste werden zu Gewehren. Wenn er ein Mäusehaus aus seinen Händen formt, in das dann ein Mäusefinger von meiner Frau oder mir einzieht, bricht immer ein verheerendes Feuer aus, sobald der neue Bewohner eingeschlafen ist. Und manchmal lächelt er plötzlich bis über beide Ohren - und sagt dann etwas wie: "Ganz Hamburg explodiert von einer Bombe und alle Häuser fallen um und alle Menschen sind tot."

Wenn ich ihn frage, warum er das macht, schweigt er lange. Wenn ich auf einer Antwort beharre, sagt er ganz leise: Weil das cool ist.

Manchmal versuche ich, ihm zu erklären, warum das Töten schlimm ist. Dass Leute traurig sind, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Dass Töten ein Verbrechen ist, für das man eingesperrt wird. Dass im Krieg getötet wird und wie froh wir sein können, in einem Land zu leben, in dem wir nicht ständig um unser Leben fürchten müssen. Dass Hauen und Töten überhaupt das Allerblödeste ist, eine Sache, die nur Leute machen, die schrecklich wütend sind oder ängstlich oder beides. So sehr, dass sie nicht mehr richtig nachdenken und lieb haben können.

Er weiß auch, dass in Syrien Krieg herrscht, wir haben gemeinsam in einem Nachrichtenmagazin für Kinder geblättert, da waren "kaputte Häuser" und ich habe ihm alles erklärt, so gut ich konnte. Vermutlich zu schlecht. Das finde ich oft. Aber ich gebe mir redliche Mühe. Bei all dem hört er ganz genau zu, nickt, schaut betroffen - und baut das nächste Mäusehaus.

Sie krümmte sich zusammen und war tot

Und eigentlich kann ich das auch ganz gut verstehen. Dass ein Kind, dem ständig alles vorgeschrieben wird, dem die Zähne manchmal geputzt werden, obwohl es sich mit Händen und Füßen wehrt, dass so ein Kind manchmal Allmachtsphantasien hat, kann ich gut nachvollziehen. Wir sagen Benjamin in solchen Momenten zwar, dass wir Waffen blöd finden und töten sowieso.

Und dann passierte das: Neulich waren wir gemeinsam im Park unterwegs, die Sonne schien, auf dem Weg war eine Ameise. Ich zeigte drauf und sagte: "Schau mal." Und Benjamin? Trat drauf und lachte. "Stopp", rief ich und war ganz verwirrt. Die Ameise überlebte, Benjamins Turnschuhprofil hatte sie gerettet. "Uff, Glück gehabt", sagte ich und versuchte meine Fassungslosigkeit zu überspielen, "sie lebt." Dann trat Benjamin noch mal drauf und das war's. Die Ameise wackelte noch ein bisschen mit den Beinen, krümmte sich zusammen und war tot.

Es ist schwierig zu erklären, was mir in diesem Moment durch den Kopf ging. Wir essen Fleisch und ich rette nicht jeden Silberfisch aus der Badewanne, bevor ich morgens dusche. Ich meine, wir sind keine Heiligen. Aber dieser Moment hat mich schon verstört. Ich sagte: "Ich weiß gar nicht, was ich jetzt sagen soll" und wusste es wirklich nicht. Ich dachte: Mein Sohn hat getötet.

Als ich klein war, habe ich in einem Dorf gewohnt. Dort habe ich als Kind mit Begeisterung Schneckenhäuser zerknackt, Regenwürmer zerteilt und Ameisen mit Lupe oder Backpulver erlegt. Später habe ich Fliegen die Flügel und Beine ausgerissen. Ich bin nicht stolz darauf. Es fällt mir jetzt noch schwer, das hier aufzuschreiben. Heute denke ich, es war brutal und herzlos.

Aber als Kind, das weiß ich noch genau, war ich getrieben von atemloser Faszination. Von dem berauschenden Gefühl, Herrscher über Leben und Tod zu sein? Sicher nicht. Aber auf jeden Fall war ich angetan davon, dass bei diesen "Spielen" andere Lebewesen "mitmachten" und reagierten - und trotzdem allein ich bestimmte, was als nächstes geschehen würde. Vielleicht ist es vergleichbar mit der Faszination, die heute "Angry Birds" auf Kinder ausübt - nur ohne Leichen.

Die Zeit der Schuld war die Hölle

Ich weiß nicht, ob alle Kinder so eine Phase durchmachen oder ob ich besonders gewissenlos war. Was ich ganz sicher weiß: Ich möchte, dass mein Sohn lernt, die Natur zu respektieren und zu schätzen. Und das möchte ich ihm weder mit Vorwürfen noch mit Verboten vermitteln.

Ich möchte nämlich auch nicht, dass Benjamin das Gefühl hat, Dinge vor mir verheimlichen zu müssen, weil er Angst vor Strafe hat.

Ich hatte als Kind oft das Gefühl, Dinge vor meinen Eltern geheim halten zu müssen. Warum, weiß ich nicht genau. Aber ich erinnere mich gut daran, wie schwer manchmal bei den albernsten Anlässen Schuld und Scham auf mir lasteten. Einmal - es war mein vierter oder fünfter Geburtstag - sagten ein paar Nachbarn, da müsse ich aber auch einen ausgeben. Irgendwie wusste ich, dass man auf Erwachsene hören muss. Gleichzeitig wusste ich, dass ein Vierjähriger meiner bescheidenen Erfahrung nach kein Bier kaufen, geschweige denn, damit rumhantieren darf. Also stibitzte ich einige Flaschen aus dem Kellervorrat meines Vaters, brachte sie den Nachbarn, drückte mich nervös herum, bis sie ausgetrunken hatten. Dann versteckte ich die leeren Flaschen aus irgendeiner Kinderlogik heraus im Wald - und wartete auf die schlimmste Strafe meines Lebens. Mein Vater erfuhr auch davon. Und fand es natürlich gar nicht schlimm. Aber diese Zeit der Schuld, die ich mit mir allein verbrachte, war die Hölle. Noch heute kann ich nicht so richtig über die Geschichte lachen. Noch heute würde ich sagen, es war der schlimmste Geburtstag meines Lebens.

Deshalb möchte ich, dass Benjamin so lange wie möglich so viel wie er mag mit mir teilt, dass er mich um Rat fragen kann und er mir genug vertraut, dass wir gemeinsam Lösungen für seine Probleme finden können. Ich versuche, so wenig wie möglich mit Scham zu besetzen.

Als er die Ameise tottrat, fiel mir trotzdem nichts ein. Am Wochenende bauen wir gemeinsam ein Insektenhotel.

P.S.: In der letzten Kolumne über das Ins-Bett-Pinkeln schrieb ich am Ende: "Die Lösung war wie so häufig total naheliegend: Er geht einfach jedes Mal vor dem Schlafengehen aufs Klo." Ich möchte mich dafür bei Ihnen entschuldigen. Manchmal ist ein Autor verführt, einen Text mit einer Art Happy End abzuschließen. Einfach, weil es sich rund und gut anfühlt. Aber wir alle wissen, dass es bei Kindern fast nie so einfach ist, wie ich da behaupte. Natürlich macht Benjamin noch immer ab und an ins Bett. Und gerade gestern haben wir beide uns beim Ins-Bett-Bringen so über das Auf's-Klo-Gehen gestritten, dass ich ihm am Ende nichts mehr vorgelesen habe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wie gehen Sie mit dem Interesse ihrer Kinder an Waffen, Tod und Töten um? Teilen Sie Ihre Erlebnisse mit den anderen Lesern in den Kommentaren oder schreiben Sie mir direkt.

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Theodor Ziemßen,
    Vater von Benjamin, 6, und Willem, 2

    Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.

    Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.

    Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.

    Theodor Ziemßen eine E-Mail schreiben.



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75 Leserkommentare
nogogirl 24.05.2016
vox veritas 24.05.2016
Kamatipura 24.05.2016
andreas.s 24.05.2016
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leserich 24.05.2016
Noctim 24.05.2016
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andreas.s 24.05.2016
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