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Ermittlungen in Boston Zwei Verdächtige, große Verwirrung

Ungeheuer angespannt ist die Lage in den USA: Während FBI-Fahnder in Boston vor einem Durchbruch zu stehen scheinen, haben die Bombenexplosionen und Giftbriefe das Land tief verunsichert. Das Ergebnis: Drohungen, Falschmeldungen, Tohuwabohu.

Sie ist am Montag ihren ersten Marathon gelaufen und hat einen Terroranschlag überlebt. Zwei Tage danach schaut sie im Hafen von Boston auf ein amerikanisches Freiheitssymbol: Emily Misanik steht vor der USS Constitution, einem Kriegsschiff, das einst die noch junge Republik gegen die Briten verteidigte. Es sei schon ganz besonders, nach diesem Attentat hier zu sein, sagt die 24-Jährige, noch immer in ihren Laufklamotten: "Wir Amerikaner sind weit gekommen, wir stehen jetzt auch das durch, denn es geht um Freiheit."

Und es geht darum, den oder die Täter sobald wie möglich zu fassen. Misanek sagt, erst dann könne sie mit dem Geschehenen abschließen, erst dann könne es weitergehen. Wer aber steckt hinter dem Anschlag? Noch haben die Behörden keinen Verdächtigen festnehmen können. Der Mittwoch hat wohl entscheidende Spuren gebracht - doch gleichzeitig ein rechtes Tohuwabohu.

"Bisher beste Videoquelle"

CNN und Foxnews berichteten kurz vor Mitternacht, es gebe jetzt "klare Bilder" zweier Verdächtiger. Diese werden nun CNN zufolge an Sicherheitsbehörden verteilt - allerdings nicht veröffentlicht, um die Ermittlungen nicht zu gefährden.

Mehrere US-Medien hatten zuvor berichtet, das FBI habe einen Verdächtigen auf Videomaterial vom Tatort identifizieren können. Die Aufnahmen sollen einen Mann zeigen, der just dort eine schwarze Tasche abstellt, wo später die zweite Bombe hochging. Die Überwachungskamera auf dem Dach eines Kaufhauses gegenüber habe das Material geliefert, so der "Boston Globe", der eine Sprecherin von Bürgermeister Thomas Menino zitiert: "Das ist unsere bisher beste Videoquelle, wir machen Fortschritte."

Schon am Morgen hatten die Fahnder den Deckel eines Schnellkochtopfs gefunden, der offenbar als Bombe gedient hatte. Massachusetts' Gouverneur Deval Patrick sagt auf CNN, jede Stunde führe die Ermittler jetzt näher an die Täter heran.

Allerdings bringt der Nachmittag auch Stunde um Stunde neue Verwirrung. Zuerst ist da jene "Marathon-Kernschmelze der Medien", wie "Politico" das Tohuwabohu bezeichnet. Um kurz vor zwei am Nachmittag berichten CNN und die Nachrichtenagentur AP, ein Verdächtiger sei verhaftet worden. Andere US-Medien, darunter Foxnews und der "Boston Globe", bestätigten dies ebenfalls. Unter Verweis auf diese Quellen meldet auch SPIEGEL ONLINE die angebliche Verhaftung.

Hubschrauber kreisen über Boston

Plötzlich wird die Situation unübersichtlich: CNN beharrt auf seiner Meldung, während NBC dagegen hält. Gegen halb drei dementiert die Bostoner Polizei per Twitter, kurz darauf zieht das FBI nach und mahnt Amerikas Medien, "in dieser frühen Phase der Ermittlungen Vorsicht walten zu lassen".

Doch dann überschlagen sich die Ereignisse.

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Ermittlungen in Boston: Durcheinander bei Ermittlungen

Foto: SPENCER PLATT/ AFP

Beim Bostoner Bundesgericht geht eine Bombendrohung ein, um kurz nach 15 Uhr wird das Gebäude evakuiert. Just zu diesem Zeitpunkt sind Dutzende Medienvertreter eingetroffen, um die fälschlicherweise erwartete Ankunft des angeblich Verhafteten zu dokumentieren, Hubschrauber kreisen über der Gegend. Größtmögliche Öffentlichkeit. Später stellt sich heraus, dass die Drohung wohl gegenstandslos war.

Doch es kehrt keine Ruhe ein. Meldungen über Briefe mit Gift - unter anderem an Präsident Barack Obama - halten das Land in Atem. Später kann das FBI einen Verdächtigen in Mississippi verhaften. Am Nachmittag kommt aus der Hauptstadt die Meldung vom Fund verdächtiger Päckchen und Umschläge in einem Senatsgebäude, das bis zu deren Entfernung durch die Polizei teilweise gesperrt wird. Bisher gilt: Kein Zusammenhang mit Boston.

Überall Alarm. Am Abend explodiert eine Düngerfabrik in Texas. Was ist bloß los in Amerika?

Informationen über Verdächtige sickern durch

In Boston hält sich das FBI derweil bedeckt. Die tägliche Pressekonferenz zu den Bombenanschlägen wird erst mehrmals verschoben, dann endgültig abgesagt. Informationen über nun offenbar identifizierte Verdächtigte sickern dennoch durch.

All dieses Durcheinander kontrastiert mit der gefassten Haltung von Bostons Bürgern - und ihren Gästen. Statt abzureisen und die Erinnerung ans Attentat hinter sich zu lassen, sind viele Teilnehmer des Marathons in der Stadt geblieben. Wie die 24-jährige Emily Misanik tragen sie ganz bewusst ihre blauen Sportjacken mit dem Lauf-Logo, viele haben ihre Medaillen um den Hals hängen. Sie besuchen die heiligen Stätten der amerikanischen Republik, von der USS Constitution über den "Freedom Trail" zur "Faneuil Hall" im Zentrum der Stadt, wo sich einst die Revolutionäre versammelten.

Das Haus stehe für Freiheit, sagt drinnen der Museumsführer. Deshalb habe man auch am Tag nach dem Attentat direkt wieder geöffnet, sich nicht weggeduckt. Die Besucher, sagt er, die würden das annehmen.

Tatsächlich betritt gerade ein Paar den Raum. Beide tragen blaue Sportjacken.

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