OBERSCHICHTEN Feine Leute
Die zunehmende Amerikanisierung des europäischen und also auch des bundesdeutschen Alltags hat nicht nur den Geschmack der Raucher und die Architekten von Tankstellen beeinflußt oder die Kücheneinrichtungen der Hausfrauen um mehr oder minder zweckvolle Apparaturen erweitert. Das Betreten des american way of life, auf dem die Europäer freilich noch weit hinter den Amerikanern marschieren, führt auch dazu, daß Kritik am amerikanischen Lebensstil nun ebenfalls auf manche neudeutsche Gewohnheit zutrifft - und zwar dergestalt, daß Kritik am Amerika von 1899 mutatis mutandis zuweilen wirken kann, als gelte sie dem Bundesdeutschland von 1958.
Offenbar von einer solchen Überlegung hat sich jedenfalls der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch leiten lassen, als er jetzt eine gesellschaftskritische Schrift herausgab, deren amerikanische Originalfassung im Jahre 1899 erschien.
Thorstein Bunde Veblen, amerikanischer Professor für Volkswirtschaft, hat weder Kühlschränke und Straßenkreuzer noch Fernsehempfänger und Mixapparate gekannt, als er seine kritische Schrift verfaßte, die nun auch deutschen Lesern zugänglich wurde: Er ist vor mehr als hundert Jahren, 1857, als Sproß einer aus Norwegen eingewanderten Familie in den Vereinigten Staaten geboren worden.
Seine Argumente wirken aber, als habe er vornehmlich dergleichen Apparaturen im Sinn gehabt, während er die Motive und die Mechanik des sozialen Geltungsdrangs analysierte. Dem Originaltitel seiner Schrift »The Theory of the Leisure Class« (wörtlich: Die Theorie der müßigen Klasse) ist nach Meinung des Verlages Kiepenheuer & Witsch durch die recht freie Übertragung in »Theorie der feinen Leute"* »genau die Prise an Ironie« zugesetzt worden, die dem Verfasser Veblen heute genehm sein müßte.
Veblen hat sein Buch als Beitrag zur Theorie der Volkswirtschaft aufgefaßt, über die er an den Universitäten von Chicago, Stanford und Missouri dozierte. Er bekannte aber im Vorwort, es habe sich nicht vermeiden lassen, auch andere als ökonomische Erscheinungen zu betrachten.
Die Gewohnheiten der amerikanischen Oberschicht, die sich gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts konsolidierte, brachte den Volkswirtschaftler Veblen auf die Idee, dem Problem des sozialen Prestiges nachzuforschen: Nachdem die Pionier-Periode der Amerikaner abgeschlossen war, die kräftiger Männlichkeit und einem entschiedenen Freiheitsbegriff gehuldigt hatte, wandelten sich unter den Augen Veblens die amerikanischen Ideale schnell und gründlich zu einer Art von Weltanschauung, als deren Orientierungspunkt und Leitstern ausschließlich der blanke Dollar glänzte. Die neureichen Familien, durch keinerlei Tradition an den Umgang mit viel Geld gewöhnt, wiesen ihre Finanzkraft so protzig vor, wie es heute einige ihrer europäischen Millionärskollegen kaum weniger aufdringlich vermögen.
Bei seinen Forschungen über das Wesen des gesellschaftlichen Ansehens, des Sozialprestiges, ging Veblen allerdings zunächst in die Vergangenheit zurück. In barbarischen Zeiten, so erläutert er etwa, habe »ehrenvoll« ungefähr so viel bedeutet wie »furchtbar«, »würdig« so viel wie »übermächtig«. Die Jagd- und Kriegstrophäen, die zum wichtigsten Prestige -Ausweis wurden, bezeugten die Kühnheit, Schlauheit und Kraft des Mannes. In diesem Kulturstadium galt noch der Kampf als die wertvollste Form der Betätigung, die Arbeit dagegen nur als verächtliche Last. Den räuberischen, unproduktiven Kriegern und Jägern kam die ungeteilte Achtung zu, sie setzten sich allmählich als die höhere Klasse - der Adligen - von den übrigen ab, denen sie die Arbeit überließen.
Aber, so zeichnet Veblen stenographisch die Entwicklung nach, »in dem Maße, in dem die Arbeit den Raub im täglichen Leben und in den Vorstellungen der Menschen verdrängt, ersetzt das Anhäufen von Reichtum allmählich die Trophäe der räuberischen Heldentat, die bisher das konventionelle Symbol von Erfolg und Überlegenheit darstellte. Mit der Entwicklung geregelter Arbeitsverhältnisse wächst deshalb auch die Bedeutung des Reichtums als Grundlage von Ruf und Ansehen ... In jeder Gesellschaft, die das Privateigentum kennt, muß der einzelne im Interesse seines inneren Friedens mindestens ebensoviel besitzen wie jene, mit denen er sich auf eine Stufe stellt; und es ist außerordentlich wohltuend, etwas mehr zu haben als die anderen.«
Nun kann aber Reichtum - ebenso wie jedes andere Mittel - zur Erlangung von Prestige nur dann helfen, wenn er bemerkt wird. Hebel für die Erlangung von Prestige - und gleichzeitig offenbar Lieblingsterminus Veblens - ist der »neidvolle Vergleich«, den es zu provozieren gilt.
Demonstrativer Konsum, demonstrative Verschwendung und demonstrative Muße sind, nach Veblen, die wichtigsten Übungen, die das Prestige stärken.
Dabei weist der Soziologe - wohl nicht ganz zu Unrecht - entschieden jene These als Ausrede zurück, daß Ansammeln von Gütern vornehmlich zur Erlangung größerer Bequemlichkeit dienen solle. »Wenn es wirklich stimmen würde - wie manchmal angenommen wird -», erläutert Veblen, »daß der Anreiz zum Akkumulieren von Gütern nur in der Sorge um die Existenz und im Wunsch nach materiellem Komfort liegt, dann müßte es auch möglich sein, die wirtschaftlichen Bedürfnisse einer Gesellschaft an einem bestimmten Punkt der industriellen Entwicklung ganz zu befriedigen. Da aber der Kampf in erster Linie in einem Wettlauf nach Ansehen und Ehrbarkeit besteht, die beide auf einem diskriminierenden Vergleich beruhen, so kann dieses Ziel niemals erreicht werden.«
Veblen findet, statt einer Vermehrung bringe die Demonstration des Reichtums eher, eine Verminderung der Bequemlichkeit, nämlich neuartige Anstrengungen mit sich: »Die peinlich genaue Auswahl der Speisen, Getränke und so weiter berührt nicht nur die Lebensweise, sondern allmählich auch Erziehung und intellektuelle Aktivität des müßigen Herrn ... Um nicht zum Narren gehalten zu werden, muß er seinen Geschmack pflegen, denn es gehört nun zu seinen Obliegenheiten, genau zwischen edlen und gemeinen Konsumgütern zu unterscheiden. So wird er zum Kenner der verschiedenen verdienstlichen Speisen und Getränke, der Kleidung und Architektur, der Waffen, Spiele, Tanze und Narkotika. Die Pflege der ästhetischen Fähigkeiten verlangt Zeit und Mühe, und die Anforderungen, die in dieser Beziehung an den vornehmen Herrn gestellt werden, füllen sein müßiges Dasein mit mehr oder weniger strengen Pflichten.«
Nun hatte allerdings auch im Jahre 1899, als Veblens Buch erschien, der reiche Mann im Ernst keinerlei Zeit, sich einem müßiggängerischen Leben und dem Studium erlesener Genüsse hinzugeben. Er mußte ja, und sei es auch als Inhaber eines Riesenkonzerns, das Geld verdienen, zusammenhalten oder vermehren, das ihm den Genuß erlesener Dinge erst ermöglichte.
So bleibt dem Neureichen nur die Möglichkeit, mit der Präsentation von Müßiggang Stellvertreter zu beauftragen: seine Frau und die Dienerschaft. Diese Methode ist sicher zeitlos, die Beweise aber, die Veblen für sie anzubieten hat, stammen allzudeutlich aus dem vergangenen Jahrhundert. Veblen: »Es bedarf wohl keiner langen Argumente, um den Leser davon zu überzeugen, daß die eleganten Damenhüte die Arbeit noch viel weniger möglich machen als der männliche Zylinder. Neben dem Glanz als Zeugnis erzwungener Muße weist der Damenschuh außerdem den sogenannten französischen Absatz auf, und dieser Absatz gestaltet nun offensichtlich jede, auch die einfachste und notwendigste Arbeit äußerst schwierig.«
Was Veblen nicht voraussehen konnte - woraus ihm niemand einen Vorwurf konstruieren wird -, ist die Tatsache, daß sich heute ein Heer von Frauen tagtäglich dem strapaziösen Balanceakt unterzieht, auf noch viel spitzeren Absätzen auch anstrengender Berufsarbeit nachzugehen.
Der amerikanische Gesellschaftskritiker Veblen legte Wert auf die Feststellung, daß Geltungskonsum und Prestigestreben durch Vorweisen von Verschwendung und Müßiggang keineswegs auf die höchst weltlich gesonnene Schicht der neuen Dollar -Aristokratie beschränkt seien. Er findet alle Merkmale der Provokation zu »neidvollem Vergleich« ausgeprägt auch bei den Kirchen.
»Selbst in den modernen Kulten, deren Gottheiten eine Vorliebe für Tempel zugeschrieben wird, die mit den Händen erstellt werden«, schreibt Veblen, »richtet man sich beim Bau von Gotteshäusern und bei der Gestaltung der Kultgegenstände nach dem Gesichtspunkt des verschwenderischen Aufwandes um des Prestiges willen ... Die Kultgegenstände müssen in finanzieller Hinsicht über jeden Tadel erhaben sein, und dieses Gebot ist Gesetz, so großzügig man auch in ästhetischer und zweckmäßiger Hinsicht mit ihnen verfahren mag.«
Daß die Kirchen oft eine prunkvolle und reiche - statt etwa nur eine schöne - Ausstattung vorweisen, findet Veblen um so verwunderlicher, als Schönheit und Prunk nichts miteinander zu tun haben. Zwischen dem »Hochglanz, den wir auf einem abgetragenen Rockärmel bemerken« und dem »Hochglanz eines Zylinders oder eines Lackschuhs« besteht zunächst keinerlei Unterschied - außer dem, den die Argumente des Sozialprestiges beisteuern. »Je mehr man sich daran gewöhnt« notiert Veblen, »die Merkmale der Kostspieligkeit mit Wohlgefallen zur Kenntnis zu nehmen und Schönheit mit Prestige zu identifizieren, desto eher hält man einen schönen Gegenstand, der billig ist, nun für häßlich.«
So scharfsinnig sich Veblen als Analytiker erweist, so leichtfertig wird der amerikanische Soziologe - er starb 1929 -, wenn er Prophezeiungen riskiert. In seinem 1899 erschienenen Buch begrüßt er es dankbar, daß der demonstrative Prunk an der männlichen Kleidung zurückgehe und lästige Symbole der Muße abgeschafft worden seien. Zu diesen überholten Symbolen rechnet Veblen nicht nur die gepuderte Perücke, sondern auch »die Gewohnheit, sich andauernd zu rasieren. Diese letztere ist zwar vor kurzem in der guten Gesellschaft von neuem aufgetaucht, doch handelt es sich wohl um die vorübergehende und unpassende Nachahmung einer Sitte, wie man sie den Leibdienern aufzuzwingen pflegt, weshalb wir wohl mit Recht erwarten dürfen, daß auch sie den Weg der gepuderten Perücken unserer Großväter gehen wird.«
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* Thorstein Veblen: »Theorie der feinen Leute«; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 382 Seiten; 18,50 Mark.