Geburtsstadt von Ferdinand Porsche Demontage im Denkmaltrakt

Jahrelang brüstete sich das tschechische Vratislavice auf Hinweisschildern damit, Geburtsort von Ferdinand Porsche zu sein - bis Aktivisten auf die braune Vergangenheit des Autobauers hinwiesen. Seither ist ein Streit entflammt, der die 8500-Einwohner-Gemeinde zu spalten droht.

Christian Rühmkorf

Von Christian Rühmkorf, Vratislavice


Nervös schiebt er die Rechtsexpertise auf dem Tisch hin und her. Bürgermeister Ales Preisler ist erst seit drei Monaten im Amt, und vor ihm liegt eine äußerst heikle Angelegenheit. "Die Sache könnte uns als 'Propagierung des Nationalsozialismus ausgelegt werden, wir bewegen uns am Rande der Legalität", sagt Preisler unsicher. Die Hinweisschilder am Ortseingang werde man deshalb wohl abnehmen.

Für die tschechische Stadt Vratislavice, früher Maffersdorf, bedeutet das weit mehr als einen Verwaltungsakt. In der 8500-Einwohner-Gemeinde tobt ein Streit über das Andenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus - und an den berühmtesten Sohn der Stadt. Die weißen Straßenschilder, um die es Bürgermeister Preisler geht, tragen das Wappen von Vratislavice. Darunter steht: Geburtsort von Ferdinand Porsche.

Mit dem Namen des berühmten Autobauers hat sich die Stadt jahrelang gebrüstet, ebenso wie Unternehmen und Schulen in der Umgebung. Im neuen Kultur- und Bildungszentrum gibt es einen gläsernen "Denkmaltrakt" für Porsche, außerdem eine stattliche Plakette am Geburtshaus des Konstrukteurs. "In keinem anderen Auto wehen Frauenhaare so schön wie in einem Porsche Cabrio", heißt es bis heute auf der Webseite von Vratislavice.

Kein Platz für Nazi-Vergangenheit

Für Pavel Hrstka ist das alles ein Skandal. Wie einen Schutzschild hält der Aktivist ein Buch von TV-Historiker Guido Knopp vor sich: "Hitlers Manager". Ferdinand Porsche sei SS-Oberst und NSDAP-Mitglied gewesen, er habe mit den größten Verbrechern wie Himmler und Hitler verhandelt, um sich Zwangsarbeiter für seine Fabrik zu sichern. Er habe Waffen entwickelt und dafür einen SS-Totenkopfring bekommen. "Erst durch unseren Protest sind diese Informationen heute in der Porsche-Ausstellung hier zu lesen", sagt Hrstka. Als die frühere Stadtverwaltung nämlich den Denkmaltrakt bauen ließ, war darin zwar Platz für drei Porsches und ein paar Informationen. Für die Nazi-Vergangenheit des Unternehmensgründers reichte es nicht.

2009 setzte Hrstka eine Petition gegen den Porsche-Kult in Vratislavice auf und stellte Strafanzeige gegen die Stadtväter, wegen Propagierung des Nationalsozialismus. Seinem Ziel, der Beseitigung der Porsche-Schilder am Ortseingang, kam er jedoch erst jetzt entscheidend näher - jetzt, wo der alte Bürgermeister abgewählt ist und Ales Preisler im Amt. "Die Person Ferdinand Porsches mit ihrer dunklen Vergangenheit würde ich in Vratislavice diplomatisch-taktisch verschweigen", sagt Hrstka. Und überhaupt: Der Käfer, der bis heute als Schöpfung Porsches gilt, sei eine bloße Kopie der ursprünglichen Tatra-Konstruktion. "Das sind Fakten, die nie in der Legende von Herrn Porsche vorkommen."

Auch Vize-Bürgermeister Wladimir Braun schlägt in diese Kerbe - wenn auch aus anderen Gründen. So habe der Autohersteller aus Zuffenhausen keinen Euro in Vratislavice investiert. "Aber wir sollen immer für alles dankbar sein? Wir Tschechen sollten endlich einmal stolz auf uns sein." Braun redet sich in Rage. "Früher mussten wir die Sowjetfahne heraushängen, heute die der Europäischen Union. Warum?"

"Ich bin stolz auf Porsche"

Die meisten Vratislavicer haben indes kein Verständnis für den Streit. "Ausgezeichneter Konstrukteur, ich bin froh, dass er hier geboren wurde", sagt ein älterer Mann in abgetragener Kleidung und strahlt. Er sei Christ, und wenn Porsche etwas verbrochen habe, dann vergebe er ihm. Die Schilder müssten bleiben. "Ich bin stolz auf Porsche", sagt auch der Eisenwarenhändler von nebenan.

Milan Bumba hat auf seinem Heimcomputer gezaubert. "Für Porsche Durchfahrt verboten" steht jetzt auf dem Willkommensschild von Vratislavice, das er aus Protest auf die Webseite seines "Porsche Classic Club" gestellt hat. Eines der Schilder an den Ortseingängen sei schon vor Wochen weggewesen, erzählt er amüsiert. "Das hat sich schnell jemand unter den Nagel gerissen." Die Hinweistafeln würden bald hoch gehandelt. "Aber ich war das nicht!" Busfahrer Bumba sammelt seit 30 Jahren Volkswagen und Porsche. Über zwanzig Exponate stellt er in seinem privaten Museum in Vratislavice aus. Seit 1985 veranstaltet er jedes Jahr zum Geburtstag von Ferdinand Porsche ein Treffen von über 150 Autofans mit ihren Lieblingen aus Blech und Chrom. Im Kommunismus wurde Bumba dafür zum Verhör vorgeladen.

"Diese luftgekühlten Wagen sind die Liebe meines Lebens", sagt er und versteht die kleine Welt seiner Heimatgemeinde nicht mehr. In einem offenen Brief an den Bürgermeister schreibt er von internationaler Schande, vom Rückfall in den Kommunismus. Gut, Porsche habe damals einen SS-Orden bekommen. Im Kommunismus wiederum seien die Leute zu Helden der Arbeit gekürt worden, vergleicht Bumba. "Das gleiche Lied. Ich behaupte, wenn er Hitlers Hand ausgeschlagen hätte, dann wäre auch er im Knast oder im KZ gelandet."

Im Internet macht unterdessen schon eine zweite Petition die Runde - für Porsche, für die Willkommensschilder. Aufgesetzt hat sie Ales Reiner, ein Programmierer aus dem benachbarten Liberec. Er brauche sein Auto nur, um von A nach B zu kommen, Porsche hat ihn nie interessiert. "An dieser Sache ärgert mich einfach die Scheinheiligkeit. Die ist unter den Tschechen weit verbreitet." Das sei doch keine Verherrlichung, kein goldenes Denkmal, das sei ein einfaches Schild, dass dieser Mensch hier geboren wurde. Reiners Petition haben schon 1100 Menschen unterschrieben.

Doch es sieht nicht gut aus für dem 26-Jährigen und seine Unterstützer. Nach einem entsprechenden Beschluss hat der Gemeinderat von Vratislavice die Willkommensschilder vergangene Woche endgültig wegflexen lassen. Ein Extremismusexperte soll eingeschaltet werden. Schon Tage zuvor hatte die Stuttgarter Unternehmenszentrale ihre drei Auto-Leihgaben aus dem Museum abgezogen. Porsche ist eben schneller.

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