Flammenhölle bei London Feuerwehr rechnet mit weiteren Explosionen

In Friedenszeiten hat es in Europa keine vergleichbare Feuersbrunst gegeben: hundert Meter hohe Flammen, Detonationen, die in 50 Kilometer Entfernung zu hören sind. Das Höllenfeuer, das in einem der größten britischen Treibstofflager tobt, ist nicht zu löschen.


Hemel Hempstead - Den Anwohnern steht das Entsetzen ins Gesicht geschrieben: "Es war ein absolut massiver lauter Knall", sagte Dave Franklin, der rund einen Kilometer von dem Depot entfernt lebt. "Überall waren Flammen. Der ganze Himmel wurde orange und schwarz", berichtete er der BBC. Ein anderer Anwohner, Richard Ayres, sagte: "Es war wie der Tag des Jüngsten Gerichts, als wären wir plötzlich in einem Brennofen".

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Brand in Treibstofflager: Rauchwolke mit 140 Kilometern Durchmesser

Ein anderer Augenzeuge berichtete von Garagentoren, die von der Druckwelle aufgedrückt wurden und Paneelen im Badezimmer, die von der Wand gesprengt wurden. Der Anwohner Haris Luther sagte, eine seiner Türen sei aus den Angeln gerissen worden. "Ich habe gedacht, das Haus wäre vom Blitz getroffen worden", erklärte der 57-jährige Fotograf. "Es hat sich angehört wie ein Erdbeben."

Gegen 6 Uhr morgens hatte die erste einer ganzen Reihe von Explosionen den Ort erschüttert. Der gewaltige Knall war in London zu hören. Der Nachrichtensender Skynews berichtet sogar, auf der anderen Seite des Ärmelkanals sei die gewaltige Detonation registriert worden.

Durch die Druckwelle wurden Dachziegel heruntergerissen, Bäume knickten ab. Ein Anwohner wurde geweckt, als ihm im Schlafzimmer der Putz der Zimmerdecke auf den Kopf rieselte. Fernsehbilder zeigen die enorme Rauchwolke von 3000 Metern Höhe, selbst aus dem All soll der schwarze Rauchpilz zu sehen sein. Satellitenbilder zeigen, dass sich der dichte Qualm in Richtung London bewegt. Dort war die Luft grau und der Rauch verdunkelte das Tageslicht. Gefahr für die Gesundheit bestand laut Experten nicht. Die Polizei empfahl den Anwohnern im näheren Umkreis des Treibstofflagers aber, Türen und Fenster geschlossen zu halten.

Durch die Explosionen und den Großbrand in dem Treibstofflager nordwestlich von London sind mindestens 39 Menschen verletzt worden, einer von ihnen schwer. Der Öldepotmitarbeiter Malcolm Stewart sagte der BBC, zum Zeitpunkt der Explosionen hätten sich höchstens ein Dutzend Arbeiter in dem Gebiet aufgehalten. Laut einem Sprecher des Unternehmens Total sind die beiden Angestellten wohlauf, die in dem Depot Schicht hatten. Der Polizeichef der Grafschaft Hertfordshire, Frank Whiteley, sprach von einem Wunder.

Noch ist die Ursache des Vorfalls unklar, die Polizei geht aber von einem Unfall aus, sagte Whiteley. Um einen Terroranschlag handele es sich offenbar nicht. Bis zu einer endgültigen Klärung solle aber in alle Richtungen ermittelt werden. Erste Gerüchte, dass möglicherweise ein Flugzeug auf das Depot gestürzt sei, wies eine Polizeisprecherin zurück.

Die Behörden warnten vor weiteren Explosionen. "Das Feuer ist groß, und es wird noch eine Weile brennen", sagte der örtliche Polizeichef Whiteley. "Aber es ist unter Kontrolle." Der Feuerwehrchef von Hertfordshire, Roy Wilsher, sagte, weitere kleine Explosionen könnten folgen. "Das ist wahrscheinlich das größte Feuer, das ich je gesehen habe." Die nahegelegene Autobahn M1, die London mit dem Norden Englands verbindet, wurde vorsorglich teilweise gesperrt. In Luton ging der Flugverkehr dagegen ungehindert weiter. Der Flughafen wird vor allem von Charter- und Billigfliegern genutzt.

Nach Angaben eines Sprechers von Total UK ist das Buncefield Öl-Depot ein Joint Venture zwischen dem britisch-französischen Unternehmen und dem US-Konzern Texaco. Per Pipeline versorgt es die beiden Flughäfen Luton und Heathrow mit Treibstoff. Das Depot liegt in einem Industriegebiet, in dem auch andere Ölkonzerne angesiedelt sind.

Die Gegend um das Tanklager wurde evakuiert, Einsatzkräfte mit Atemmasken riegelten das Gebiet ab. Nach einem Bericht des ZDF-Korrespondeten patrouillieren zahlreiche Polizisten, um Plünderungen vorzubeugen.



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