Flammkueche und Co. Die ernüchternde Küche des Elsass

Wer ins Elsass aufbricht, dem wird vielfältige Natur und eine reiche Historie serviert. Die regionale Küche dagegen ist eher flach und flau - doch wer sucht, der findet auch hier Highlights.


"Du fährst ins Elsass? Wunderbar!" Wonnevolle, leicht neidische Blicke erntet man, wenn man sein Urlaubsziel bekannt gibt. Natürlich hinsichtlich der vermeintlichen kulinarischen Finesse und Opulenz, die einen zwischen Straßburg und Colmar in den Restaurants und "Winstubs" erwartet.

Dabei sind die Säulen der elsässischen Kochkunst schnell aufgezählt: Choucroute (Sauerkraut), Baeckoeffe (eine deftiger Eintopf mit drei Sorten Fleisch und Kartoffeln), Flammekuech (die heimische Pizza-Variante mit crème fraîche, Speck und Zwiebeln) und der kräftige Käse aus Munster, der auch gern warm oder als Suppe serviert wird.

Alles das schmeckt durchaus nett, kommt aber selten über das Niveau des fröhlichen Sattmachens hinaus. Keine Rede von Finesse oder gar Grande Cuisine. Stattdessen freundliche rustikale Bodenständigkeit - die allerdings oft zu gesalzenen Preisen.

Das weithin berühmte elsässische Sauerkraut präsentiert sich durchaus in eigenwilliger Variation: meist trockener, puristischer als die deutsche Version, die oft unter zu viel Feuchtigkeit leidet und dann zu saurem Matsch mutiert. Umso mehr, wenn die beliebten Ananasstücke hineingeschnibbelt werden, die die Säuerlichkeit des Krautes noch fruchtig steigern. Dann schon lieber roh aus der Dose essen!

Feuchtes Kraut-Fiasko

Ein feuchtes Kraut-Fiasko wird einem im Elsass so schnell nicht passieren. Im Gegenteil, es gibt eine quasi Hardcore-Ausgabe, "choucroute nouvellle" (in Anlehnung an den jungen Bordeaux-Wein) genannt. Die erinnert eher an warmen Salat als an stundenlang durchgekochten Sauerkohl.

Ein Fortschritt, immerhin: das duftstarke deutsche Gericht wird seiner aufdringlichen Deftigkeit entkleidet. Nicht übel, aber eben keineswegs raffiniert. Zumal zu fast allen Choucroute-Platten die üblichen Würste, das mehr oder minder fettige Fleisch oder die geräucherte Gänsebrust kommen. Puh. Da bleibt keiner hungrig, aber der Magen wird nicht froh, der Geldbeutel hingegen leer.

Auch wenn die Würste delikat gewürzt sind: Zwischen 16 und 18 Euro für so ein Tellergericht sind viel Geld. Auch wenn, wie im Straßburger "Petite France"-Viertel, das nostalgische Flair mitserviert wird.

Ansprechende Weine

Gottlob gibt es im Elsass sehr ansprechende Weine, mit denen man die kulinarischen Extreme delikat abfedern kann. Passend zum rustikalen Futter hatte sich der elsässische Weingeschmack zuletzt etwas gen Breite und Schwere entwickelt, doch auch hier gibt es inzwischen wieder eine Kurskorrektur in Richtung schlanker, sogar filigraner Gewächse. Zum Kraut haben wir sowohl Pinot Blanc als auch kräftigen Riesling genossen, beides passt hervorragend, wobei mir der Pinot besser liegt.

Man sollte sich einfach durch ein paar Kellereien "durchprobieren" - sicher die angenehmste und sicherste Art, seine persönliche Favoriten zu erschmecken.

Die beste Choucroute fand ich übrigens in Ribeauvillé, einem der wohlbekannten Touristenorte, deren hübsch herausgeputzte, historische Innenstädte tagsüber stets von Besuchern überflutet sind. Mitten in der Altstadt stieß ich auf "La Flammerie", eine bescheidenes, kleines Restaurant, in dem für elf Euro eine absolut ausreichend portionierte Sauerkrautplatte serviert wird. Mit vier Wurstsorten, von fein bis deftig, dekoriert, mundete das Kraut dank solider Würze durch Lorbeer und Wacholder einfach wunderbar - für manche Elsass-Fans sicher zu "kräftig", aber gerade richtig, wenn man den germanischen Kohl-Touch bevorzugt.

Saftige Schweinefüße

Natürlich gibt es, vor allem in Straßburg, bekannte Adressen der Spitzengastronomie. Doch für ein Top-Menü im "Crocodile" oder "Buerehiesel" muss man tief in die Tasche greifen. Von der berühmten "Auberge de L'lll" in Illhaeusern gar nicht zu reden - 3 Sterne kosten eben.

Wer gehobene elsässische Küche zu bezahlbaren Preisen erleben will, sollte sich von Straßburg etwa 30 Kilometer südlich bewegen. Nahe der Autobahn liegt der kleine Ort Osthouse, in dem sich das äußerlich schlichte Gasthaus "A L'Aigle d'Or" in der Rue de Gerstheim befindet.

Hier kann man entweder in der rustikalen Winstub oder im feineren Restaurant durchaus regional elsässisch, aber mit klassisch französischer Prägung speisen. Der Küchenchef Jean-Philippe Hellmann kann beides bestens.

Inmitten von Antiquitäten sitzt man dort sehr bequem in altväterlicher Wohnzimmer-Atmosphäre. Von der Patronin eloquent erläutert, bot die Tageskarte Hase, Geflügel und Schwein an - ich nahm wagemutig die (entbeinten) Schweinefüße und bereute es nicht: hervorragend aromatisches, saftiges Fleisch, dazu sanft gedünsteter Wirsing. Deftig, aber delikat. Und der obligatorische Pinot Blanc (von Winzer Jean Sipp aus besagtem Ribeauville) rundete den Genuss perfekt ab. Elsässische Küche mit eindeutig französischem Akzent: Das passt am besten.

Wer gut und reichlich isst, sollte sich auch bewegen: Im Elsass muss man einfach bei gutem Wetter die Vogesen erwandern. Sanft geschwungene Mittelgebirge beherrschen das Bild. Es braucht ja nicht gleich der schweißtreibende Aufstieg zum "Grand Ballon" bei Guebwiller zu sein, sein kleiner Bruder vis-à-vis (mit immerhin 1200 Meter schon von "Brocken"-Ausmaßen) bietet auch viel fantastische Aussicht und herrliche Wiesen, mit Kühen, Pferden und allem, was dazugehört.

Extra-Belohnung: Beim Abstieg von den Höhen kommt man an Bergwirtshäusern vorbei, die Selbstgemachtes anbieten. Wurst, Käse, Brot und Butter in meist bester Qualität - die Vesper mit Talblick gehört zu den schönsten Elsass-Erlebnissen.

Und bei der Wander-Bewegung vorab schweigt auch das schlechte Kalorien-Gewissen. Von diesen bezwingbaren Bergtouren gibt es viele, fast jeder der kleinen Weinorte hat auch seine Wanderrouten im touristischen Repertoire.



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