Das sind Zeichnungen von Kindern aus dem Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos: In den Bildern verarbeiten die Kinder, worüber sie nicht sprechen können: Angst, Wut und Trauer.
Katrin Glatz Brubakk / Kinderpsychologin
»Seit über fünf Jahren komme ich immer wieder zurück und ich sehe jetzt Kinder, die kranker sind als ich es je zuvor gesehen habe. Vor allem die Kinder, die sich total von der Welt zurückziehen. Wir haben hier Patienten, die haben seit 8 Monaten kein einziges Wort gesagt. Kinder, die gefüttert werden müssen, weil sie keine Kraft mehr haben und bei manchen geht es dann soweit, dass sie einfach nicht mehr leben wollen.«
Ungefähr zweitausendfünfhundert Kinder leben hier unter widrigen Bedingungen. Kälte, Regen, Sturm - das Lager ist derzeit dem Winterwetter schutzlos ausgesetzt.
70 bis 80 Prozent der hier lebenden Kinder bräuchten professionelle psychologische Hilfe, so schätzen die Mitarbeiter von ›Ärzte ohne Grenzen‹.
Katrin Glatz-Brubakk / Kinderpsychologin
»Traumatisierte Kinder bräuchten eigentlich Stabilität, ein Gefühl der Geborgenheit und Voraussichtbarkeit. Alles das ist im Lager überhaupt nicht möglich. Für kleine Kinder, die keine Sprache haben und sich nicht ausdrücken können, zeigt sich die Unruhe durch Selbstschädigung. Sie reißen sich die Haare aus, sie knallen den Kopf gegen die Wand oder den Fußboden, sie beißen sich manchmal bis es blutet. sie wissen einfach nicht, wohin mit der Unruhe. Es gibt im Lager keine Ecke, die sicher ist oder wo sie sich sicher fühlen können und spielen können.«
Katrin Glatz-Brubakk kommt aus Norwegen, die Kinderpsychologin spricht Deutsch, weil ihre Mutter aus Braunschweig stammt. Sie ist bereits zum neunten Mal für ›Ärzte ohne Grenzen‹ auf Lesbos, um sich um Flüchtlingskinder zu kümmern. In Mytilini, nahe des niedergebrannten Lagers Moria, betreibt die Hilfsorganisation eine Klinik. Hier werden Frauen und Kinder betreut, die im neuen Lager Kara Tepe leben. Die Ärzte kümmern sich unter anderem um Kinder mit Panikattacken, Albträumen und Depressionen.
Aziza / Mutter einer Patientin ›Ärzte ohne Grenzen‹
»Meine Tochter bekommt schnell Panik, wenn sie eine große Menschenmenge sieht. Oder wenn jemand rennt oder schnell geht, dann bekommt sie Angst und fragt, was los ist und warum die Menschen rennen. Das verängstigt sie sehr. Sie packt mich dann oder sonst jemanden und fragt, was los ist.«
Innerhalb weniger Tage ließ die griechische Regierung nach dem Feuer in Moria im September 2020 das neue Camp Kara Tepe errichten. Weil das Gelände militärisches Sperrgebiet ist, dürfen es Journalisten nicht betreten, filmen ist verboten. Luftaufnahmen, die die Regierung kurz nach dem Aufbau veröffentlicht hat, zeigen eine scheinbar idyllische Zeltstadt. Doch die Realität sieht anders aus, besonders die Jüngsten im Camp leiden: 2020 registrierte ›Ärzte ohne Grenzen‹ 50 Selbstmordversuche von Kindern. In den ersten Wochen des Jahres 2021 gab es drei Selbstmordversuche: Ein Kind wollte sich die Pulsadern aufschneiden, ein anderes ertränken.
Katrin Glatz – Brubakk / Kinderpsychologin
»Wenn man einmal die Hände eines 8jährigen oder 10jährigen Kindes gehalten hat und versucht hat, diesen kleinen Menschen zu überzeugen, dass es noch eine Zukunft gibt und es noch besser werden wird und in diese leeren Augen reinguckt, das vergisst man einfach nie. Was in Moria passiert, ist keine Naturkatastrophe, es ist nicht naturgegeben, dass es so sein muss. Es ist eine politische Wahl, und Europa könnte es anders machen. Deswegen wechselt es bei mir zwischen Verzweiflung, weil ich das Leiden der Kinder sehe, und Wut, weil es anders möglich wäre.«
Die Kinder auf Lesbos träumen von einem Leben mit Schule, einem schützenden Haus und ganz viel Wärme. Doch Hilfe ist vorerst nicht in Sicht.