Flüchtlingsdrama Das Dilemma des Commandante

Michele Niosi ist Küstenwächter auf der Mittelmeerinsel Lampedusa und hat zwei unvereinbare Aufträge. Er soll Menschen aus Seenot retten und Europa vor illegalen Einwanderern schützen. In dieser Lage wird er zum Helden – und zum unfreiwilligen Helfer der Schlepper.

Von Dimitri Ladischensky, Francesco Zizola (Fotos)


Gefasste Immigranten: Invasion der clandestini
Francesco Zizola

Gefasste Immigranten: Invasion der clandestini

Der Zwanzigtausend-Menschen-Retter hat keinen, der ihn feiert. Es ist Sonntag, milchblauer Glast hängt über dem Meer. An Land hat sich schon alle Milde verflüchtigt. Die Sonne führt den Empfangsplatz in seiner ganzen Leere vor. Er kneift die Augen zusammen und blickt zum Himmel. Der Insel ist eine schäbige Hafenmole als Austragungsort gerade recht, gleich wird man ihm im Namen des italienischen Staatspräsidenten Ciampi die goldene Medaille verleihen. 20.000 Menschen hat der Mann gerettet. Hat er etwas falsch gemacht?

Commandante Michele Niosi, Chef der Küstenwache von Lampedusa, ist in Gedanken. Vor dem roten Teppich wartet er auf die Fanfaren. Minister aus Rom sind da, Bodyguards mit Ray-Ban-Brillen, schwarze Limousinen. Die Kollegen von der Küstenwache. Doch die zählen nicht. Das Volk fehlt. In der Fußgängerzone flattert ein Transparent: "Wir brauchen keine Medaille, wir brauchen ein Krankenhaus". Die letzten Schritte seines langen Weges hat er sich als Triumphmarsch vorgestellt.

Begonnen hat er in Messina, wo er als Sohn eines Schlachters geboren wurde, "meine Metzgerei, deine Zukunft". Er schaute seinen Vater an und sah sich in 40 Jahren: ein Gesicht, das die Farbe der Fleischauslage angenommen hatte. Michele kaufte sich Comics mit Kapitän Mickey, verkroch sich mit einer Taschenlampe unter die Bettdecke. Er entdeckte mit Kolumbus Amerika, schlug an der Seite von Lord Nelson am Cap Trafalgar Spanier und Franzosen in die Flucht. Eines hatten alle Reisen, wenn nicht zum Ziel, so doch am Ende: Wer aufs Meer fuhr, kehrte als Held zurück. Er schlich auf die Fähre nach San Giovanni, 60 Mal hin und zurück, dann brachten ihn die Carabinieri wieder zu seiner Mutter. Einziger Trost: Auch von Kolumbus hatte es geheißen, er habe sich Gott weiß wo herumgetrieben, bis sich herausstellte, es war Amerika.

Als er zwölf war, starb sein Vater, mit 17 trat er in die Marine ein, ging zur Küstenwache, Porto Empedocle, Chiacca, Mazara del Vallo, Agrigento, versuchte es hier, langweilte sich dort. Abgetriebene Surfer und Touristen mit Motorschaden - er erzählt es, als fühlte er sich vom Meer um seine Abenteuer betrogen.

Bis er 1997 zur Guardia Costiera nach Lampedusa versetzt wurde. 20 Quadratkilometer Kalkstein und Sand, 150 Seemeilen vor der libyschen Küste, ein südlicher Vorposten der Europäischen Union im Mittelmeer. Seit 2001 versuchen die clandestini, die Heimlichen, über diese Insel nach Europa zu gelangen. Seit Infrarotkameras Gibraltar überwachen und Tunesien die Boote am Ablegen hindert, verlaufen die Flüchtlingsströme von Afrika nach Europa über die libyschen Küstenstädte Zuwarah und Zlitan bei Tripolis. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 10.000 Menschen registriert, die versucht hatten, übers Meer nach Lampedusa zu kommen. Betraut mit der Sicherung der EU-Außengrenze ist neben anderen die Guardia Costiera. Ihr Auftrag: antiimmigrazione. Ihr zweiter ist, Menschen aus Seenot zu retten. Beides gerät vor Lampedusa in einen Konflikt. Wie es hier auch kaum anders möglich scheint. Afrika und Europa, Schwarz und Weiß, Hölle und Himmel, Tod oder Leben, Helden, Verbrecher - großes Kino.

Commandante Michele Niosi: Retter mit unmöglichem Auftrag
Francesco Zizola

Commandante Michele Niosi: Retter mit unmöglichem Auftrag

Artikel 98 des Internationalen Seerechtsübereinkommens schreibt Hilfeleistungen vor, wenn sich ein Schiff in Seenot befindet. Das macht den Grenzer auf dem Meer zum verlässlichsten Erfüllungsgehilfen der Schlepper. Die sparen sich den Kapitän, Proviant und ein seetüchtiges Schiff. Die Küstenwache bringt die Kundschaft sicher nach Europa.

Lampedusa. Sonnensatte Buchten, weiße Strandsäume. Ein Meer, so blau, dass es nur vom Himmel herunter gelogen sein kann. Zwar werden die Flüchtlinge sofort nach der Ankunft hinter Mauern gesperrt, aber die Zeitungsmeldungen von angeschwemmten Leichen, von Hungergestalten in der Fußgängerzone vergraulen die Touristen. Schon das Auffanglager stört das Geschäft.

Wieso werden die Flüchtlingsboote nicht an der Grenze abgewiesen? Warum aus internationalen Gewässern abgeholt? Warum rettet nicht Libyen, nicht Malta, warum immer Lampedusa? So klagen die Hotel- und Restaurantbesitzer. "Was sollen wir Niosi feiern?", fragen sie.

Ein paar Schritte noch zur Medaille. Die Augen wandern unsicher umher. Die Auszeichnung bekommt er "für die Solidarität mit den Flüchtlingen", 20.000 Gerettete in den Jahren 2001 bis 2003. Mehr Glanz als Glorie, stänkert die Insel. Mit der Heldenkür begegne der Staat seinem Dilemma an den Landesgrenzen. Auszeichnungen sollen für Klarheit sorgen, wo gut und schlecht verschwimmen. Die Küstenwache habe 20.000 Menschen zu festem Boden, aber auch zur Einwanderung verholfen. Hat er etwas falsch gemacht?

"Nun kann mein Leben losgehen", dachte sie. Sie wollte die letzten Meter nur noch geschehen lassen, wie ein Radfahrer, der rollend die Linie passiert. "24 Stunden bis Italien", sagte der Mann, als der Kahn in die Brandung glitt. Es war sternenklar und warm, der 3. Oktober 2003. Vorbei die Monate in den Baracken bei Tripolis, zu viert in einer Küche, warten auf den Mann, dem sie Ohrringe, Goldkette, Armband, ihre Hochzeitsgeschenke gegeben hatte. Was sind da noch 24 Stunden?

Das halbe Jahr durch Schlamm und Wüste zählte. An der Grenze zu Äthiopien - "in Somalia habt ihr eh keine Regierung" - zerrissen sie ihren Pass. Sie nahm den Bus, kam nicht weit, Polizei, Passkontrolle; sie versuchte es nicht mit einer Erklärung, hätte man ihr geglaubt? Nach drei Tagen Haft der nächste Bus, wieder Polizei. Sie ließ ihren Koffer stehen, ging zu Fuß. Neun Tage, 240 Kilometer. Trank Pfützenwasser, bettelte. Wartete an einer großen Straße. "Wo geht ihr hin?" - "Nach Libyen." 100 Leute, immer den Strommasten entlang. Erst durch Wüste, dann durch Regen, der Staub wurde Schlamm, jeder Schritt zäh. Bis sie den Boden unter den Füßen verlor. Ein Mann kam helfen, ein zweiter, beide blieben stecken. "Warum musstet ihr auch eine Frau mitnehmen?" Im Sudan, in der Stadt Sawouni, konnte sie sich endlich waschen. Ihr Rock, gefleckt von Blut. Von der Regel alles geschwollen. Auf der Toilette schrie sie vor Schmerz. Sie gingen weiter, wieder Polizei, 14 sagten: "Wir kehren um." Sie sagte: "Wie könnt ihr? Ihr nehmt den anderen die Hoffnung, dass man es schaffen kann."



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