Flüchtlingsheim am Grenzweg Kann man sich hier zu Hause fühlen?

Kenda al-Masri in der EA
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Kenda al-Masri in der EA

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Die 16-jährige Kenda al-Masri floh aus Syrien und wohnt mit ihrer Familie in einer Nürnberger Wohnung. Rahaf Kashef floh aus Syrien und wohnt noch im Flüchtlingsheim in Hamburg-Rahlstedt. Ein Treffen.

Es ist einer dieser unfreundlichen Hamburger Wintertage, grau, windig, dunkel, und an so einem Tag wirkt nichts einladend, schon gar nicht ein Containerdorf am Rande eines Gewerbegebiets. Als Kenda die Erstaufnahme (EA) Rahlstedt sieht, ist sie erschrocken. In diesen sandfarbenen Blöcken also sind derzeit 183 Flüchtlinge untergebracht, hier ist ihr Zuhause für die Monate zwischen Asylantrag, Bescheid und Umzug in eine Folgeunterkunft. Aber ist es ein Zuhause?

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Kenda al-Masri ist im Frühjahr 2015 mit ihrer Familie aus Syrien geflohen, Schleuser, Fußmärsche und gefährliche Bootsfahrten übers Mittelmeer blieben ihr erspart. Sie kam mit dem Flugzeug, denn ihre Tante und ihr Onkel leben seit rund zwei Jahrzehnten in Nürnberg, sie sind Ärzte. Monatelang hat sie mit ihren Eltern, zwei Apothekern, und ihren vier Geschwistern im Haus der Verwandten gelebt. Inzwischen wohnt die Familie in einer Vier-Zimmer-Wohnung.

Ihre ältere Schwester und ihre Mutter sind nach Syrien zurückgekehrt, für ein paar Monate. Die Schwester möchte dort das Abitur machen, in Deutschland könne sie das wegen ihrer Sprachprobleme nicht schaffen, sagt Kenda. Es ist gefährlich in ihrer syrischen Heimatstadt: Das neu gekaufte Haus, in das die Familie vor der Flucht umziehen wollte, ist zerstört, ebenso das Haus der Großmutter. Vom europäischen Recht ist für anerkannte Asylbewerber, wie Kendas Schwester und Mutter, bei einem wichtigen Grund die Reise ins Land, aus dem man geflüchtet ist, gestattet; doch der Rest der Familie, der in Deutschland ist, hat Angst um das Leben von Schwester und Mutter.

Kenda geht in die 10. Klasse eines Nürnberger Gymnasiums, sie spricht fast fehlerfrei Deutsch und schreibt sogar Gedichte auf Deutsch, sie wird in Bayern als "Talent im Land" gefördert und will später Chemie und Mathe studieren. Für SPIEGEL ONLINE hat sie Tagebuch geschrieben. Und sie hat diesen Blog gelesen und gefragt, ob sie mitkommen darf in die von den Maltesern geführte Erstaufnahme Rahlstedt.

Als Kenda das Gelände der Flüchtlingsunterkunft betritt, fallen ihr die vielen Sicherheitsleute auf, am Eingang, auf den Wegen, in der Cafeteria, bei den Sozialräumen. Das mache sie unsicher, sagt sie.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Am Infopoint trifft sie Mena Rytlewski, die vor kurzem vom Jacques Zeljko Blagojevic die Leitung des Sozialmanagements übernommen hat. Rytlewski führt Kenda herum, zeigt ihr die Wohnblöcke mit den Gemeinschaftsduschen, die immer noch nicht richtig funktionieren und in denen es keine Haken für Handtücher gibt. Draußen liegt ein riesiger Haufen eingeschweißter dunkelblauer Matratzen auf der Erde, Malteser-Mitarbeiter hieven sie in die leerstehende zweite Etage eines Container-Hauses. Immer noch gilt wegen der dysfunktionalen Duschen die Belegungsgrenze von 200 Bewohnern - für 960 Menschen war die Unterkunft konzipiert. Die Etagenbetten sei er losgeworden, erzählt der Mitarbeiter knurrend, aber die 250 Matratzen habe keiner haben wollen.

Matratzen, Matratzen, Matratzen
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Matratzen, Matratzen, Matratzen

Kenda sieht beim Rundgang die kleinen Zimmer mit den Stahlbetten, Kantine, Kitaräume, Schule, Poststelle, Sozialräume. Später notiert sie ihre Eindrücke: Dass die Unterkunft rund 20 Kilometer von der Stadtmitte entfernt ist, findet sie "nicht praktisch für die Bewohner". Aber: "Ich war total beeindruckt, wie schön und ordentlich das Camp geplant ist."

In der Kleiderkammer erfährt sie, dass immer weniger gespendet werde. "Die Keller sind leergeräumt", sagt Thomas Fuhrmann, der die Kleiderkammer verwaltet, nur Kinderkleidung komme reichlich - obwohl Kinder ja nur einen winzigen Anteil ausmachten an den Flüchtlingen, fügt er an, vor allem brauche er Sachen für junge Männer.

Dann stapelt Fuhrmann drei Reihen Windeln auf: So viel Kleidung könne er pro Bewohner in seinem 32-Quadratmeter-Raum unterbringen. Es ist etwa die Menge, die in eine kleine Sporttasche passt. Zu wenig für jemanden, der nichts mehr hat. Und dann erzählt Fuhrmann noch, dass manche der Bewohner die Klamotten auf dem Flohmarkt weiterverkauften, aber das nehme er in Kauf, um jenen zu helfen, die wirklich dringend Pullover und Winterjacke bräuchten.

"Das war so schrecklich!"

Rahaf Kashef
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Rahaf Kashef

In der Cafetéria trifft Kenda dann Rahaf Kashef. Sie ist 17 Jahre alt, kommt aus Latakia in Syrien und lebt seit November 2015 in Deutschland. Rahaf hat damals mit zwei verheirateten Brüdern, zwei verheirateten Schwestern und ihrer Mutter genau jene Route über Mittelmeer und Balkan genommen, über die Hunderttausende nach Deutschland kamen. In Hamburg lebte Rahaf anfangs in einer Turnhalle, einer sogenannten prekären Unterkunft. Rahaf sagt: "Das war so schrecklich! Wir haben unsere Betten mit Decken abgehängt - ja, weil wir Frauen sind!"

Anschließend zog Rahaf in die Hamburger Erstaufnahme Oktaviostraße. "Das Essen schmeckte nicht, und die Zimmer waren relativ klein." Als die EA Oktaviostraße geschlossen wurde, zog Rahaf nach Rahlstedt um; sie und ihre Familien hatten aber geglaubt, endlich in eine Folgeunterkunft zu kommen, in eine Wohnung mit eigener Küche. Rahaf erzählt Kenda, es sei ein "großes Trauma" gewesen, im nächsten Provisorium zu landen.

"Scheren Sie uns nicht alle über einen Kamm"

Kenda besucht ein ganz normales Gymnasium in Nürnberg. Rahaf aber geht seit März 2016 in einen Berufsvorbereitungskurs und lernt dort Deutsch - gemeinsam mit lauter anderen jugendlichen Flüchtlingen. Sie habe dort viele Menschen aus verschiedenen Ländern kennengelernt und neue Freunde gewonnen. Nur - im Gegensatz zu Kenda - eben leider keine, deren Muttersprache Deutsch ist. Auch deshalb ist Rahafs Deutsch bei Weitem nicht so gut wie das von Kenda.

Dass Rahaf sich nicht für Politik interessiert und noch nie von der AfD gehört hat, überrascht Kenda. Aber sie notiert sich Rahafs Botschaft an jene, die den Zuwanderern kritisch gegenüberstehen: "Scheren Sie uns nicht alle über einen Kamm, denn die Menschen sind alle unterschiedlich - und Sie sollen uns als Menschen sehen."

Am nächsten Tag wird Rahaf mit ihrer Großfamilie in eine Folgeunterkunft ziehen, wieder ein Containerdorf, aber dieses Mal mit eigener Küche. Das weiß sie, weil die Familie die Unterkunft vorsichtshalber vorab besichtigt hat. Von dort aus wird sie eine Stunde lang bis zur Schule fahren müssen. "Für die Zukunft wünsche ich mir nur, eine eigene Wohnung zu finden", sagt Rahaf zum Abschied.

Rahaf glaubt daran, dass der Krieg in Syrien irgendwann zu Ende sein wird, sie möchte aber trotzdem in Deutschland bleiben. Das Land habe sie vor dem Krieg gerettet und sei wie eine "zärtliche Mutter".

Kenda al-Masri will Schriftstellerin werden
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Kenda al-Masri will Schriftstellerin werden

An ein baldiges Ende des Syrienkriegs glaubt Kenda nicht. So oder so möchte auch sie in Deutschland bleiben, studieren und außerdem Schriftstellerin werden. Ein Gedicht von ihr hat es schon in die "Frankfurter Bibliothek" geschafft.

Der Besuch in der EA Rahlstedt hat sie nachdenklich gemacht. Ja, es war viel zu eng, als damals zwei Familien im Haus ihrer Tante wohnten. Aber es war trotzdem viel besser als ein kleines Zimmer mit Stahl-Stockbett und Metallspind. Es war ein Zuhause. "Dass man sich zu Hause fühlt, ist das Wichtigste auf der Erde", sagt sie. "Und diesen Eindruck habe ich bei den Menschen in der Erstaufnahme nicht bekommen."

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.

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