Flüchtlingsheim am Grenzweg Murad möchte arbeiten

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Der Jeside Murad, aus dem Irak nach Hamburg geflohen, will endlich arbeiten. Er stellt sich bei einer Zeitarbeitsfirma vor, geht zu einer Jobmesse für Geflüchtete. Wer ihn begleitet, lernt viel über die schwierige Integration in den Arbeitsmarkt.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

Es ist 9.58 Uhr, als Murad ein unauffälliges Bürogebäude in Hamburg-Wandsbek betritt. Er geht die Treppe hoch in den ersten Stock, zieht die nächste Tür auf, dann steht er im Großraumbüro der Zeitarbeitsfirma Randstad. Grauer Teppichboden, verstreute Schreibtische und am Ende des Raums Büros mit Glaswänden.

Jeden Montag um 14 Uhr und jeden Dienstag um 10 Uhr gibt es hier Vorstellungsrunden für künftige Zeitarbeiter. Drei Männer sitzen schon auf bunten Hockern und warten. Murad setzt sich dazu, seinen Lebenslauf in der Hand.

Und dann kommt Christoph Glup, ein großer Mann mit Brille und blauem Hemd. Er bittet die Männer in einen Konferenzraum, in dem ein Flipchart aufgestellt ist. Auf dem Tisch liegen Bewerbungsformulare und Stifte bereit. Glup ist bei Randstad Disponent für die Bereiche Lager und Logistik. Wenn eine Drogeriemarktkette schnell Arbeitskräfte fürs Beladen der Lkw sucht, dann schickt Glup das passende Personal. Genauer gesagt: Er überlässt es.

Murad ist zu Randstad gefahren, weil er Geld verdienen will. Als anerkannter Flüchtling bezieht der irakische Jeside ALG II. Davon werden unter anderem Essensgeld und Wohngeld für die Erstaufnahme in Rahlstedt abgezogen, in der er lebt. Auch für die Monatsfahrkarte muss er zahlen. Es bleiben ihm gut 100 Euro übrig. Zu wenig, um seine Eltern zu unterstützen, die noch in einem Flüchtlingscamp in der Autonomen Region Kurdistan leben. Aber er hat noch einen Grund, weshalb er einen Job sucht: "Ich möchte mit Deutschen sprechen", sagt er, "ich möchte mein Deutsch verbessern."

Menschen vom Grenzweg
Murad
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Vor den mordenden Terrortruppen des IS floh der irakische Jeside im August 2014 mit seiner Familie Hals über Kopf ins Sindschar-Gebirge und später in die Autonome Region Kurdistan. Da er dort keine Perspektive für sich sah, kam er 2015 nach Hamburg. Seit November 2016 ist er als Flüchtling anerkannt und besucht einen Integrationskurs. Außerdem dreht er einen eigenen Film, in dem er seinen Blick auf Flüchtlinge in Deutschland dokumentieren will. Derzeit sucht er zudem einen Halbtagsjob.
Safouh Hussain
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Schon 2012 verließ er mit seiner Familie Damaskus und floh in den Libanon, denn seine Mutter ist Libanesin. Der Syrer machte in Beirut Abitur und entschloss sich danach, eine neue Perspektive in Deutschland zu suchen. Deutsch brachte er sich mit Internet-Kursen selbst bei, seit Dezember 2016 besucht er einen Integrationskurs. Er ist als Flüchtling anerkannt und möchte im Herbst 2017 ein Studium beginnen. Anfang April 2017 hat er die EA Rahlstedt verlassen und ist in eine eigene Wohnung in Hamburg umgezogen.
Olav Stolze
Arnold Morascher
Für die Malteser leitete Olav Stolze ab Herbst 2015 schon die Flüchtlings-Notunterkunft in der Turnhalle Rugenbarg und zog mit den verbliebenen Bewohnern im Oktober 2016 in die Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt um, die er seitdem leitet. Ihm unterstehen Unterkunftsmanagement, Sozialmanagement und Technischer Dienst in dem Flüchtlingsheim.
Susanne Behem-Loeffler
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Ihr Job als Ehrenamtskoordinatorin ist es, Freiwillige für die Arbeit in der EA Rahlstedt zu gewinnen: Menschen, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen, mit ihnen Sport, Musik oder Theater machen, die mit den Kindern basteln oder mit Frauen nähen. Sie kümmert sich auch um Ehrenamts-Aktivitäten außerhalb der Unterkunft und vermittelte zum Beispiel Murad eine Theaterhospitanz.
Mena Rytlewski
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Sie studierte in Hamburg Sozialökonomie und arbeitete lange mit Behinderten. Dann bewarb sie sich bei den Maltesern, und seit Januar 2017 leitet sie in der EA Rahlstedt das Sozialmanagement. Sie ist Ansprechpartnerin für die Bewohner, vermittelt Traumatisierte an Ärzte oder zuständige Behörden, sorgt für den sozialen Frieden in der Unterkunft.
Familie Rashid
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Ashna, Awat sowie ihre Kinder Dekan, Mohammed und Divan sind irakische Kurden. Sie flohen 2015 vor Morddrohungen im Zusammenhang mit einer Blutfehde, die schon Dekans Zwillingsschwester das Leben kostete. Im Februar 2017 zog die Familie aus der EA Rahlstedt in eine Hamburger Folgeunterkunft. Dekan besucht einen Berufsvorbereitungskurs, Mohammed geht in die Waldorfschule und Divan in eine Grundschule. Der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt, sie haben Widerspruch eingelegt und warten auf ihren Prozess.

Murad hat gerade einen A1-Deutschkurs abgeschlossen. Nun geht es weiter mit dem A2-Kurs. Eigentlich ist die bestandene A2-Prüfung Voraussetzung für einen Job. Christoph Glup sagt: "Ein bestimmtes Sprachniveau ist schon wegen der Arbeitssicherheit erforderlich. Wenn ein Regal umkippt und jemand ruft: ,Lauf weg!', dann muss man das sofort verstehen." Und Betriebsanleitungen müssten die Zeitarbeiter auch lesen können. Dann fügt er an: "Manche, die erst einen A1-Kurs gemacht haben, sprechen aber besser als andere, die schon die B1-Prüfung geschafft haben."

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Flüchtlingsheim am Grenzweg: Murad sucht einen Job

Im Konferenzraum stellt Glup sich neben das Flipchart und erläutert die Grundzüge der Zeitarbeit: Randstad bietet Vollzeitbeschäftigung an mit 151,67 Stunden im Monat und 24 Tagen Urlaub im ersten Jahr. Das Gehalt fließt auch dann, wenn es keinen Auftrag für den Zeitarbeiter gibt. Und gezahlt wird fast überall der Mindestlohn. 9,23 Euro. Das bedeutet bei Steuerklasse I: 1050 bis 1080 Euro netto pro Monat.

"Unsere Mitarbeiter gehen zu verschiedenen Kunden", erklärt Glup den Bewerbern, "über wechselnde Kundeneinsätze qualifizieren sie sich weiter. Manchmal arbeiten sie mit Handzetteln, manchmal mit Pick by voice." Pick by voice heißt, dass die Lagerarbeiter über Kopfhörer erfahren, was sie laden oder räumen sollen. Noch ein Grund fürs A2-Niveau.

Etwas später sitzt Murad mit Glup beim Beratungsgespräch. In dem Bewerbungsbogen hat er keine der aufgelisteten Qualifikationen angekreuzt, er kann weder kommissionieren noch fräsen, eine Ausbildung hat er nicht. Und auch keinen Schulabschluss. Kein Problem, die meisten Mitarbeiter, sagt Glup, seien ungelernt. Dann fragt er Murad, ob er für 9,23 Euro pro Stunde arbeiten wolle. Ja, das wolle er, antwortet Murad, das sei ein guter Lohn.

"Wir wollen Kulturen verbinden"

Doch dann erkundigt Glup sich nach den gewünschten Arbeitszeiten, und Murad sagt: 7 bis 13 Uhr. Denn von 14 bis 18.20 Uhr müsse er zum Sprachkurs. Der Sprachkurs sei wichtig und richtig, erwidert Glup daraufhin, dann aber könne er Murad keinen Job anbieten. Lagerarbeiter arbeiteten Vollzeit und außerdem in Schichten. Unvereinbar. Vielleicht gebe es in der Gastronomie etwas Passendes, sagt Glup, er werde seine Kollegin fragen. Am nächsten Tag erfährt Murad: Nein, auch in der Gastronomie müsste er bis 15 Uhr arbeiten. Es wird also nichts mit einem Job bei der Zeitarbeitsfirma.

Zwei Stunden danach fährt Murad mit dem Aufzug in die Geschäftsstelle der Krankenversicherung DAK in der City Süd. Die DAK veranstaltet an diesem Nachmittag erstmals die "Get to work"-Jobmesse für Geflüchtete. Verschiedene Unternehmen haben in einem leer geräumten Konferenzraum ihre Stände aufgestellt, vom Fotovoltaik-Hersteller bis zur Reinigungsfirma. Sie wollen hier Arbeits- und Ausbildungsplätze anbieten. Flüchtlinge stehen Schlange, um sich registrieren zu lassen.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

"Wir wollen Willkommenskultur leben und Sie willkommen heißen", spricht der DAK-Bezirksleiter Marvin Rudolf, der die Messe erfunden und organisiert hat, zur Begrüßung ins Mikrofon. "Wir wollen Menschen und Unternehmen zusammenbringen und Kulturen verbinden."

Murad sammelt Flyer ein, zum Beispiel von der "Refugee Canteen": Sie vermittelt "Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchteten eine Grundlagenausbildung für gastronomische Berufe innerhalb von sechs Monaten". Klingt gut, findet Murad, und dann liest er: Voraussetzung ist Sprachlevel B1. Die Gustav Seeland GmbH, bei der sich alles ums Schwergut dreht, sucht "SCC/CSCS certified employees", was auch nicht auf ihn zutrifft. Die Advisa-Unternehmensberatung ist auf Afghanistan spezialisiert und vermarktet Produkte aus dem Land in Deutschland. Auch nichts für den Iraker Murad.

Schließlich steht er am Stand von Rasant - einer Zeitarbeitsfirma, die Kunden in der Gastronomie hat. Der Mitarbeiter fragt Murad, ob er schon im Restaurant gearbeitet habe, aber es ist so laut, dass Murad ihn nicht versteht. Als Murad die Jobmesse verlässt, hat er eine Visitenkarte von Rasant in der Hand und einen Vorstellungstermin. Am nächsten Tag sagt Murad, dass es doch besser sei, wenn er erst mal seinen A2-Kurs mache und nur in den Schulferien arbeite, wenn seine Sprachschule geschlossen habe.

Immerhin für Marvin Rudolf war der Tag ein Erfolg. Mit 100 Besuchern hatte er gerechnet, mehr als 200 waren gekommen. Die Firmen hätten sich gefreut über den direkten Kontakt zu den Flüchtlingen. Wenn die Flüchtlinge in den Unterkünften lebten, sagt Rudolf, kämen die Unternehmen ja nicht an sie ran. Im Spätsommer möchte er die "Get to work"-Messe wiederholen, aber außerhalb der DAK-Zentrale, in einem größeren Raum, wegen der riesigen Nachfrage der Unternehmen.

Vielleicht ist dann ja ein Job für Murad dabei.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.

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