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Gestohlene Pässe Interpol übt scharfe Kritik an Malaysia Airlines

Unglück oder Terroranschlag - was geschah an Bord von Flug MH370? Vor der Küste von Vietnam wurden möglicherweise Teile der vermissten Maschine entdeckt. Die internationale Polizeiorganisation Interpol übt heftige Kritik am Sicherheitsmanagement der Fluggesellschaft.

Kuala Lumpur - Nach dem möglichen Absturz einer Boeing 777-200 der Malaysia Airlines mit 239 Menschen an Bord sind die Umstände des Vorfalls weiter rätselhaft. Immerhin könnten nun Teile der Maschine im Meer vor Vietnam gesichtet worden sein.

"Ein vietnamesisches Flugzeug hat mitgeteilt, zwei Trümmerteile entdeckt zu haben", sagte ein vietnamesischer Behördenvertreter am Sonntag der Nachrichtenagentur AFP. "Sie scheinen von einem Flugzeug zu stammen", fügte er hinzu. Der Fundort befindet sich demnach nahe der vietnamesischen Insel Tho Chu im Golf von Thailand. Es sei vor Ort jedoch noch zu dunkel, um genau zu erkennen, worum es sich handelt.

Das mögliche Unglücksgebiet ist etwa 10.000 Quadratkilometer groß, das entspricht der halben Größe von Hessen. Gefunden wurden sonst bislang lediglich zwei Ölfilme, deren Ursprung am Sonntag noch geprüft wurde.

Im Fall des verschwundenen Jets hat Interpol ungewöhnlich scharfe Kritik an der Fluggesellschaft geübt. In einer Stellungnahme auf ihrer Website bestätigte die internationale Polizeiorganisation , mindestens zwei der von Passagieren benutzten Pässe seien in der Interpol-Datenbank für verlorene oder gestohlene Reisedokumente erfasst gewesen.

Der Eintrag für den österreichischen Pass stammt demnach bereits aus dem Jahr 2012, jener für den italienischen aus dem Folgejahr. Dennoch habe es bis zum Start der jetzt verschollenen Maschine niemals eine entsprechende Anfrage zu den Papieren gegeben. Interpol könne daher keine Aussagen dazu machen, wie oft die Dokumente bereits benutzt worden seien, um Flugreisen anzutreten oder Landesgrenzen zu überqueren.

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Ermittlungen zu Flug MH370: "Wir schließen nichts aus"

Foto: Ahmad Yusni/ dpa

Es sei zwar zu früh, um über eine Verbindung zwischen den gestohlenen Pässen und dem Verschwinden der Maschine zu spekulieren, teilt Interpol-Generalsekretär Ronald Noble in der Stellungnahme mit. "Es ist aber höchst besorgniserregend, dass es überhaupt Passagiere gibt, die einen internationalen Flug mit als gestohlen registrierten Pässen antreten können."

Ermittlungen deuten auf Sicherheitspanne hin

Hätte Malaysia Airlines für eine Überprüfung der Passagierdaten gesorgt, "müssten wir jetzt nicht spekulieren, ob die Pässe von Terroristen genutzt wurden", sagte Noble weiter. Er hoffe, dass Regierungen und Fluggesellschaften in aller Welt "aus der Tragödie von Flug MH370 lernen mögen".

Unterdessen berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf örtliche Sicherheitsbehörden, Fahnder in Malaysia würden mit Unterstützung des FBI die Identität von insgesamt vier Passagieren aus der verschwundenen Maschine überprüfen. Darunter sind die beiden Männer mit den gestohlenen Pässen sowie zwei weitere mit europäischen Reisedokumenten, womöglich ukrainischen. Behördenvertreter in Malaysia sichteten zudem Überwachungsvideos und befragen Sicherheitspersonal am Flughafen von Kuala Lumpur. Erste Ermittlungen würden auf eine Sicherheitspanne hindeuten.

Der Kontakt zu der Boeing 777-200 der Malaysia Airlines war am frühen Samstagmorgen zwei Stunden nach dem Start in Kuala Lumpur abgebrochen. Zu diesem Zeitpunkt befand sie sich südlich von Vietnam. Die Maschine hatte offenbar kurz vor ihrem Verschwinden vom Radar gewendet, ohne dass die Piloten eine Meldung an die Bodenstationen gefunkt hätten. Das Wetter war gut, die Piloten erfahren. Flug MH370 war unterwegs von Kuala Lumpur nach Peking.

Fahnder wollen kein Szenario ausschließen

An Bord waren überwiegend chinesische Reisende. Deren Angehörige wollte die Fluggesellschaft zu Wochenbeginn nach Kuala Lumpur fliegen. Die Fahnder ermittelten momentan in alle Richtungen. "Wir schließen nichts aus", sagte der Chef der malaysischen Behörde für Zivilluftfahrt, Azharuddin Abdul Rahman, auf einer Pressekonferenz in Kuala Lumpur.

Mysteriös erscheinen an Flug MH370 noch weitere Details. So sagte Rahman, dass fünf Passagiere zwar eingecheckt waren, aber nicht auftauchten. Ihr Gepäck sei vor dem Abflug aus der Maschine entfernt worden. Ob unter ihnen die Fluggäste mit den gestohlenen Pässen waren, ist bislang unklar. Wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtete, gehört zudem eine Passnummer auf der Passagierliste einem Bewohner von Fujian, der die Provinz jedoch nicht verlassen habe. Der Mann versicherte, dass sein Pass weder gestohlen noch verloren sei.

Ein Expertenteam aus den USA reiste unterdessen in die malaysische Hauptstadt, um sich an der Untersuchung zu beteiligen. Zu der Gruppe zählen Mitarbeiter der US-Verkehrsüberwachungsbehörde NTSB, technische Berater des Flugzeugbauers Boeing und Vertreter der Flugaufsicht FAA. Die Suche nach dem Wrack des Flugzeugs blieb bislang erfolglos.

Sollte die Maschine abgestürzt sein und es keine Überlebenden geben, wäre es eines der schwersten Flugzeugunglücke der vergangenen Jahre. Malaysia Airlines macht den Angehörigen inzwischen keine Hoffnung mehr: "Wir befürchten das Schlimmste."

rls/jok/AFP/Reuters/dpa