Nach Boeing-Unglücken Was ein Coach gegen Flugangst empfiehlt

Die Abstürze zweier Boeing-Maschinen vom Typ 737 Max 8 verstärken bei vielen Menschen die Flugangst. Hier erzählt Pilot und Coach Mathias Gnida, wie er Betroffenen hilft.

Eine Boeing 737 Max 8 der Ethiopian Airlines: "Wir sprechen Abstürze nicht von uns aus an"
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Eine Boeing 737 Max 8 der Ethiopian Airlines: "Wir sprechen Abstürze nicht von uns aus an"

Ein Interview von


Zur Person
  • SkyCair
    Mathias Gnida, 48, ist Pilot und Geschäftsführer von SkyCair in Hamburg, einer Firma, die er zusammen mit einem Psychologen gegründet hat, "um Menschen die Flugangst zu nehmen". Ende April erscheint von ihm das Buch "Was passiert beim Fliegen? 100 Fragen - 100 Antworten für Passagiere".

SPIEGEL ONLINE: Herr Gnida, Sie bieten Seminare gegen Flugangst an. Haben Sie durch die Abstürze der zwei Boeing-Maschinen vom Typ 737 Max 8 - im Oktober 2018 in Indonesien und im März 2019 in Äthiopien - mehr Zulauf?

Mathias Gnida: Ja. Nach dem ersten Absturz der 737 Max war die Nachfrage groß. Das hielt aber nur zwei bis drei Wochen an. Jetzt, nach dem zweiten Absturz, haben wir höheren Zulauf: Ich schätze, dass wir 30 bis 40 Prozent mehr Anfragen kriegen. Und so lang liegt der Absturz noch nicht zurück.

SPIEGEL ONLINE: Sprechen Sie in Ihren Seminaren über die Abstürze?

Gnida: Ja, aber wir sprechen sie nicht von uns aus an.

SPIEGEL ONLINE: Wieso nicht?

Gnida: Wir wollen die Teilnehmer nicht noch mehr verängstigen. Stellen sie allerdings Fragen zu den Abstürzen, versuchen wir darauf einzugehen, so gut es geht.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fragen sind das?

Gnida: Das ist zunächst einmal ganz Grundlegendes: "Was ist da passiert?" Oder: "Warum ist das passiert?" Sofern es offizielle Abschlussberichte zu solchen Fällen gibt, klären wir gern darüber auf, was geschehen ist. Beim zweiten Absturz der 737 Max liegt allerdings derzeit nur ein Zwischenbericht vor, aber noch kein finaler. In so einem Fall halten wir uns mit Spekulationen zurück. Bezogen auf die aktuellen Vorfälle gesellen sich noch Gerüchte hinzu, in der Art: "Ich habe gehört, dass die Piloten so gut wie keine Flugstunden hatten." - "Es waren falsche Triebwerke angebaut." - "Bei der Zulassung wurde gemogelt, oder?"

SPIEGEL ONLINE: Woher kommen diese Gerüchte?

Gnida: Oft werden solche Gerüchte und Eindrücke durch Medien verbreitet oder verstärkt: Sendungen wie zum Beispiel "Mayday - Alarm im Cockpit" lassen sehr mächtige Bilder im Kopf entstehen. Und manche Medien missbrauchen sogenannte Zwischenfälle - nicht die jüngsten Abstürze, aber zum Beispiel Seitenwind-Landungen - als Schlagzeile. Dann steht da, die Passagiere an Bord wären knapp dem Tod entkommen: ein Glückstag. Das ist ganz oft Humbug und schürt nur Ängste. Mit den Seminaren bieten wir den Teilnehmern unter anderem neue Sichtweisen an, um gegen diese medialen Bilder anzukämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie machen Sie das?

Gnida: Indem wir daran appellieren, nicht alles zu glauben, was geschrieben steht, sondern stets kritisch zu hinterfragen. Dazu vermitteln wir psychologisches Wissen zu Fragen wie: Was ist Angst überhaupt? Was macht sie mit uns? Wir erarbeiten zudem mit jedem Teilnehmer einen persönlichen "Flugangstkreislauf" und geben Bewältigungsmodelle an die Hand. Und natürlich geben wir Hintergrundwissen, das Piloten vermitteln. Dazu gehen wir zum Beispiel einen Flugablauf durch oder besprechen Auswirkungen des Wetters auf das Flugzeug, speziell Turbulenzen.

SPIEGEL ONLINE: Viele werden vor allem etwas über konkrete Abstürze wissen wollen.

Gnida: Da ist die Wissensvermittlung besonders schwierig - gerade wenn, wie bei den Abstürzen der 737 Max, alle Insassen ums Leben kamen. Wir versuchen hier gegen Ängste anzugehen, indem wir das zum Beispiel mit dem Straßenverkehr vergleichen, wo die Opferzahlen durchschnittlich weitaus höher sind. Trotz der jüngsten Abstürze der zwei Maschinen gilt: Fliegen an sich ist dadurch nicht unsicherer geworden. Das Flugzeug ist und bleibt das sicherste Verkehrsmittel. Wenn Sie mit dem Auto zum Flughafen fahren, ist der Weg zum Flughafen gefährlicher als der Flug. Es gibt aber nun mal keine unendliche Sicherheit für unser Leben.

SPIEGEL ONLINE: Wie antworten Sie auf Fragen zu den Abstürzen der Boeing 737 Max 8?

Gnida: Solange es keinen finalen Bericht gibt, sagen wir von uns aus nichts dazu. Wir gehen jedoch auf Einzelheiten ein, die wir objektiv und neutral darstellen können. Wir erklären dann zum Beispiel alles Gesicherte zur Steuerungssoftware MCAS, das ist kurz für "Maneuvering Characteristics Augmentation System". Bei vielen Fragen müssen wir derzeit jedoch auf später verweisen. Es ist auch schon vorgekommen, dass wir mit Teilnehmern ein halbes Jahr später nochmal telefoniert haben: Als wir dann endlich den Abschlussbericht kannten, konnten wir ihnen viele Fragen nachträglich beantworten, bei denen wir zum Zeitpunkt des Seminars noch passen mussten.

SPIEGEL ONLINE: Wenn so ein finaler Bericht da ist, was machen Sie dann noch?

Gnida: Jeder Bericht beinhaltet Empfehlungen seitens der Unfallkommission: Was kann man besser machen? Was muss man besser machen? Auf solche Sachen gehen wir dann in den Seminaren ein. Da ist es wichtig zu sagen: "Dieser Fehler wurde jetzt behoben. Und damit ist dieser Absturz Geschichte und wird sich nicht mehr wiederholen." Das schafft Vertrauen.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie Menschen, die durch die Abstürze in jüngster Zeit größere Angst vorm Fliegen empfinden?

Gnida: Es kommt darauf an, wie stark diese Angst geworden ist. Haben Sie nur ein ungutes Gefühl? So geht es vielen Menschen. Dann würde ich erst mal an die Selbstdisziplin appellieren: Lassen Sie das nicht zu. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das Fliegen durch diese Unfälle unsicherer geworden wäre. Wenn die Angst hingegen so sehr zugenommen hat, dass sie Sie privat oder beruflich einschränkt, dann empfehle ich, ein Flugangstseminar zu besuchen. Mit Flugangst ist es wie mit jeder Angst: Wenn man nichts dagegen tut, kann sie größer werden. Dabei ist Flugangst meist keine schwere Krankheit, sondern kann mit einfachen Mitteln aus der Verhaltenstherapie, gepaart mit ganz viel Wissen, sehr gut behandelt werden.

insgesamt 35 Beiträge
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sven.kex 13.04.2019
1. Ich verlange vor dem Flug eine verbindliche Zusage, dass
keine 737Max zum Einsatz kommt. wenn nicht, suche ich einen anderen Carrier (klar, kostet extra). Der Frickelflieger 737Max kommt nur dann wieder in die Luft, solange die Passagiere einsteigen. Und dieses sanftweiche Interview ... Was ich davon mitnehme: Glaube nicht alles, was Du liest ;-)
Leonia Bavariensis 13.04.2019
2. Warum sollten die Menschen nicht auf ihre Flugangst hören . . .
. . . und weniger fliegen? Es käme der Umwelt zugute.
aloiv 13.04.2019
3.
Nach 3 Stunden Hypnose Therapie ist meine schlimme Flugangst Geschichte. Habe innerhalb von drei Wochen 5 Flüge mit ca 25000 Kilometern absolviert als wäre es Bus Fahren. Vorher war es so schlimm dass ich vor Angst sogar ohnmächtig wurde. Alles ist einfach weg.
Lagrange 13.04.2019
4.
Ich glaube auch, das es wichtig ist einfach aufzuklären. z.B. das Thema Turbulenzen finde ich sehr wichtig: sind sie gefährlich oder macht das einem Flugzeug gar nix. Wir sind beispielsweise auch mal so richtig in ein Luftloch gefallen, so dass den Passagieren die Cola an die Decke flog. Danach hatte ich schon die nächsten 2-3 Flüge ein mulmiges Gefühl, wenn es mal wieder angefangen hat etwas stärker zu wackeln. Hier hätte der Kapitän nach dem Flug sicherlich ein paar Worte zu dem Thema durchsagen können. Er meinete aber nur. Wilkommen in Frankfurt - heute sogar mit ein wenig extra Entertainment. :)
tempus fugit 13.04.2019
5. Ich bin viel geflogen,...
...auch mit 'Geräten' und selbst die statistisch weilt riskanter sind als ein Passagierflugzeug. Und trotzdem: Ich würde nicht in ein Passagierflugzeug steigen, das 'neu' ist oder neu modifiziert ist und innerhalb weniger Monaten und aus offensichtlich denselben Konstruktions-fehlern und mangelhafter Ausstattung abgestürzt ist. Klar, dass das sehr subjektiv und empfunden ist, aber so ist nun mal der Mensch. Es gab die ATR42, die Probleme mit Eisbildung an den Flügeln hatte, aus. Selbst 'beste' Flieger können abstürzen aber mich in einen nicht 'besten' zu setzen - gehört auch zum Kriterium Fluggesell- schaft - kommt bei mir nicht infrage...
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