Fluglotsenmord Polizei schließt Racheakt für Überlingen nicht aus

Der Fluglotse, der in der Nacht der Flugzeugkatastrophe von Überlingen im Juli 2002 Dienst hatte, ist in Zürich von einem Unbekannten in seinem Haus erstochen worden. Die Polizei schließt nicht aus, dass die Tat der Racheakt eines Hinterbliebenen war. Die Fahndung nach dem Täter blieb bisher erfolglos.

Es war 17.45 Uhr am Dienstagabend, als ein bislang unbekannter Mann am Haus des Fluglotsen in Kloten nahe Zürich auftauchte. Der Hausherr öffnete, es kam zu einem kurzen Wortwechsel, dann stach der Besucher den Vater von drei Kindern mit einem Messer nieder - vor den Augen der Ehefrau. Das Opfer starb noch am Tatort, der Täter entkam unerkannt. Gefahndet wird nach einem 50 bis 55 Jahre alten Mann von kräftiger Statur, der gebrochen Deutsch sprach.

Nun ermittelt die Polizei, ob es zwischen dem Mord und dem Flugzeugunglück am Bodensee einen Zusammenhang gibt. Denn der 36-Jährige war jener Fluglotse, der in der Nacht am 1. Juli 2002 für die Flugsicherung verantwortlich, als über dem Bodensee eine Tupolew der russischen Bashkirian Airlines und eine Frachtmaschine der DHL zusammenstießen. 71 Menschen kamen dabei ums Leben, darunter 45 russische Kinder und Jugendliche. Der Mord als Racheakt eines Hinterbliebenen der Opfer?

"Natürlich ist es ein sehr zentrales Thema für uns, ob die Tötung mit dem Flugzeugunglück im Zusammenhang steht", sagte Untersuchungsrichter Pascal Gossner. Aber auch die persönlichen Umstände des 36-jährigen aus Dänemark stammenden Opfers würden unter die Lupe genommen.

Zu dem Wortwechsel zwischen dem Mörder und seinem Opfer machte Gossner am Mittwoch keine Angaben. Kantonspolizeisprecher Martin Sorg sagte tags zuvor, dass Unglück von Überlingen sei nicht Gegenstand des kurzen Gesprächs gewesen.

Die Flugsicherung Skyguide habe vor der Bluttat keine Drohungen erhalten, sagte Skyguide-Chef Alain Rossier am Mittwoch. Das Opfer war nach dem Absturz weiterhin bei Skyguide beschäftigt, wenn auch nicht mehr als Fluglotse. Nun stehen sowohl die Witwe als auch der zweite Fluglotse, der beim Unglück von Überlingen Dienst hatte, aus Sicherheitsgründen unter Polizeischutz.

Mitarbeiter stehen unter Schock

Skyguide waren wegen der Vorgänge in der Unglücksnacht viele Vorwürfe von Experten gemacht worden, aber auch seitens der Hinterbliebenene. Der endgültige Untersuchungsbericht wird Ende März erwartet. Die Angehörigen der Absturzopfer wollen ihrem Hamburger Anwalt Gerrit Wilmans zufolge mit der Tötung nicht in Verbindung gebracht werden. "Die Familien haben eine andere Vorstellung, wie das zu bewältigen ist", sagte Wilmans. Die 30 Familien der getöteten Kinder haben sich mit Skyguide noch nicht auf eine Entschädigung einigen können. Es sei wohl ein offenes Geheimnis, dass die bislang angebotene Summe zu niedrig sei, sagte Wilmans. Mit den Hinterbliebenen der Flugzeugbesatzungen war im November eine Einigung erzielt worden.

Die genaue Ursache der Flugzeugkollision ist noch nicht geklärt. Der Bericht der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen in Braunschweig soll in den nächsten Monaten vorgelegt werden. Die Tötung des Fluglotsen habe keinen Einfluss auf die Untersuchung, sagte der zuständige Leiter Jörg Schönberg. Der Mann sei kurz nach dem Flugzeug-Unglück von der Behörde eingehend befragt worden. Die Untersuchung werde die Rolle, die jeder einzelne Beteiligte bei dem Absturz gehabt habe, "minutiös aufzeigen".

Nach dem Mord an ihrem Mitarbeiter reduzierte Skyguide die Flüge nach Zürich am Mittwochmorgen um 40 Prozent. Bei den An- und Abflügen in Zürich-Kloten kam es zu erheblichen Verspätungen. Der Schritt diene der Sicherheit und solle die Schockbelastung der Mitarbeiter auffangen, erklärte Skyguide.

Alexander Bürgin

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