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06. Juni 2009, 18:42 Uhr

Flugzeugabsturz im Atlantik

Brasilianische Armee findet erste Leichen aus Air-France-Jet

Die brasilianische Luftwaffe fand Wrackteile, einen Koffer und zwei männliche Tote - bei der Suche nach den Überresten von Air-France-Flug 447 haben die Einsatzkräfte jetzt erste Leichen im Atlantik entdeckt. Inzwischen hat die Fluggesellschaft eingeräumt, von fehlerhaften Messgeräten gewusst zu haben.

Recife - Der Sprecher der Luftwaffe datierte den Durchbruch ziemlich präzise: Um 8.14 Uhr Ortszeit seien die ersten beiden Leichen gesichtet worden, sagte er an diesem Samstag in Recife bei einer Pressekonferenz. Die Leichen und Wrackteile sollen jetzt zunächst zu der brasilianischen Insel Fernando de Noronha gebracht werden. Wie die Nachrichtenagentur AP unter Berufung auf die Streitkräfte berichtet, seien die Toten in der Nähe der vermuteten Absturzstelle gesichtet worden.

Die Fundstelle liegt seinen Angaben zufolge etwa 650 Kilometer nordöstlich von Fernando de Noronha. Eines der gefunden Opfer wurde möglicherweise durch den Aufprall samt Sitz aus der Kabine geschleudert. Nach Medienberichten trieb er noch angeschnallt auf dem offenem Meer. Die Suchmannschaften bargen außerdem persönliche Gegenstände der Passagiere, darunter einen Lederkoffer, einen Rucksack mit Laptop und Papieren. In den Gepäckstücken seien die Namen der Besitzer, hieß es. Auch ein Flugticket wurde gefunden. Die Marine barg außerdem einen Passagiersitz mit passender Seriennummer und Sauerstoffmasken.

Der Airbus, der auf dem Weg von Rio de Janeiro nach Paris war, verschwand in der Nacht zum Montag rund tausend Kilometer vor der brasilianischen Küste. Bei dem Absturz kamen 228 Menschen ums Leben, darunter 28 Deutsche.

Problematische Geschwindigkeitssensoren

Über die Unglücksursache herrschte weiter Unklarheit. An der abgestürzten Maschine wurden entgegen einer Empfehlung des Herstellers Airbus die Sensoren zur Ermittlung der Fluggeschwindigkeit nicht ausgetauscht. Mit diesen Instrumenten für den A330 - dem Modell des Unglücksflugzeugs - habe es Probleme gegeben, sagte Ermittlungsleiter Paul-Louis Arslanian am Samstag in Paris. Dies bedeute aber nicht, dass der Airbus deshalb nicht sicher gewesen sei.

Air France hat die Probleme mit den Geschwindigkeitssensoren beim Airbus A330 eingeräumt. Ein Air-France-Sprecher erklärte am Samstag, man habe am 27. April mit dem Austausch der Geräte in der Airbus-Flotte begonnen, habe aber noch nicht alle Maschinen erfasst. Den Angaben zufolge tendieren die besagten Sensoren dazu, in großer Höhe zu vereisen. Dadurch hätten den Piloten nur eingeschränkte Flugdaten zur Verfügung gestanden.

Air France hat bereits am Freitag angekündigt, die betreffenden Sensoren an seiner Airbus-Flotte zu ersetzen. Letzte Signale des abgestürzten Flugzeugs belegen nach jüngsten Erkenntnissen bisherige Informationen, wonach die Maschine ohne Autopilot flog. Laut Arslanian, der für die französische Ermittlungsbehörde BEA arbeitet, ist allerdings unklar, ob der Autopilot bewusst ausgeschaltet wurde oder ob sich das Gerät wegen widersprüchlicher Computer-Informationen über die Fluggeschwindigkeit selbst abschaltete.

Die Ermittler untersuchten 24 automatisch gesandte Signale aus den letzten Minuten des Fluges. Die Ermittlungen ergaben nach Angaben von Airbus, dass sich widersprechende Anzeigen verschiedener Instrumente vorlagen. Zu diesem Zeitpunkt flog die Maschine durch eine riesige tropische Gewitterfront.

Die These von der extremen Wetterlage als Unglücksursache scheint jedoch zunächst entkräftet zu sein. Das Unwetter auf der Flugstrecke sei für die Jahreszeit überhaupt nicht extrem gewesen, erklärte der Wetterdienst Météo France am Samstag.

Deutscher Satellit fand Trümmerteil

Unterdessen wurde bekannt, dass ein deutscher Satellit 36 und 55 Stunden nach dem Absturz eine große Meeresregion vor Brasilien abgesucht habe. Dabei sei ein Trümmerteil geortet worden, sagte der Krisenkoordinator von Deutsche Aerospace, Stefan Voigt, am Samstag der Nachrichtenagentur AP. Dieser Fund sei den französischen Behörden gemeldet worden.

Es sei aber immer noch unklar, woher dieses Trümmerteil stamme - allem Anschein nach doch nicht von dem gesuchten Flugzeug, erklärte Voigt. Er bot weitere deutsche Hilfe bei den Ermittlungen an. Auch die USA wollen Frankreich und Brasilien bei der Suche nach der Unglücksmaschine zur Seite stehen. US-Präsident Barack Obama sicherte am Samstag die Unterstützung seines Landes zu.

Bergungsmannschaften haben in den vergangenen Tagen ein riesiges, rund 6000 Quadratkilometer großes Gebiet nordöstlich der brasilianischen Küste durchkämmt, in dem das Flugzeug Experten zufolge abgestürzt sein dürfte. Frankreich hat ein Atom-U-Boot mit hochentwickelten Unterwasserschallgeräten in die Region entsandt, um bei der Suche nach der Black Box und versunkenen Wrackteilen zu helfen.

Angesichts der schwierigen Suche nach dem Flugschreiber fordern Luftfahrtexperten, dass das Bordsystem künftig alle Flugdaten, die in der Black Box festgehalten werden, über ein Satellitensystem direkt an die Leitzentralen der Fluggesellschaften melden soll. Laut SPIEGEL- Informationen existiert bereits heute ein einfaches Kommunikationssystem namens Acars, das dem Wartungspersonal am Boden Fehlermeldungen übermittelt.

itz/bor/AP/Reuters/dpa

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