Flugzeugabsturz in Kolumbien "Welche Höhe jetzt?"

Warum tankte Flug Lamia 933 nicht auf? Nach dem Flugzeugabsturz in Kolumbien gerät der Pilot in den Fokus. Der Airline ist inzwischen die Lizenz entzogen worden.

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Die letzten Sekunden des Funkverkehrs zwischen Flug Lamia 933 und der Lotsin am Airport der kolumbianischen Stadt Medellín sind schwer zu verkraften: "Sie sind noch 8,2 Meilen von der Piste entfernt", sagt die Frau kurz vor Ende der Aufzeichnung. Sie versucht die Nerven zu behalten. Dann die Frage: "Welche Höhe jetzt?" Pilot Miguel Quiroga antwortet nicht. "Welche Position, Lamia 933?" Keine Anwort.

Sekunden nach dem Abbruch des Funkverkehrs prallte die Maschine gegen "El Gordo", den Dicken, einen Berg in der Nähe von Medellín. Hätte der Pilot das Flugzeug noch über die Kuppe bekommen, wäre er vielleicht sogar zu einer Notlandung in der Lage gewesen.

Die Feuerwehr war schon alarmiert, alle anderen Flugzeuge in der Luft warteten, weil der Notfall Priorität hatte. Aber die notwendige Höhe von 3000 Metern konnte die Maschine nicht mehr halten, denn zu diesem Zeitpunkt war das Flugzeug bereits im Blindflug. Ohne Sprit, ohne Strom flog es ins Verderben.

Das Unglück hätte vermutlich leicht vermieden werden können, wenn die Crew wie eigentlich vorgeschrieben zum Auftanken zwischengelandet wäre. Warum sie das nicht tat, wird noch untersucht. Kapitän Quiroga, 36 Jahre alt und Ex-Offizier der bolivianischen Luftwaffe, zählt zu den 71 Todesopfern des Unglücks.

Fraglich ist auch, warum der Pilot in seiner ersten Meldung an den Tower nicht klarer auf den Notstand hingewiesen hat. So erkannte die Fluglotsin die Schwere der Situation zu spät und gab erst einem anderen Flugzeug eine Notlandegenehmigung. Denn auch dieser Flieger der Linie Viva Colombia hatte Treibstoffprobleme gemeldet.

Der Flieger hätte zwischenlanden müssen

Die abgestürzte Maschine vom Typ Avro RJ85, in der das brasilianische Fußballteam Chapecoense, Betreuer und Journalisten saßen, hat vier Motoren und einen Tank für rund 11.776 Liter Kerosin. Unter normalen Bedingungen reicht das für eine Strecke von knapp 3000 Kilometern - etwa so groß ist die Distanz zwischen dem Flughafen Viru Viru im bolivianischen Santa Cruz und Zielflughafen bei Medellín.

Der Flieger hätte in der nordbolivianischen Ortschaft Cobija, rund 1800 Kilometer vom Abflugort entfernt, auftanken müssen - oder spätestens in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Doch die Maschine flog einfach durch, obwohl ein Tankstopp nach Angaben der bolivianischen Chartergesellschaft Lamia vorgeschrieben gewesen wäre.

Die Fluggesellschaft selbst hat inzwischen die Lizenz aberkannt bekommen, zudem wurde die Spitze der nationalen Luftfahrtbehörde entlassen. "Wir haben die Entscheidung getroffen, dass wir eine lückenlose Untersuchung einleiten, auf die die Führungskräfte keinen Einfluss nehmen sollen", begründete der zuständige bolivianische Minister Milton Claros den Schritt.

"Selbst wenn alles glatt geht und die Bedingungen gut sind, wäre das Flugzeug gerade so mit seinem Sprit hingekommen", sagt Ex-Pilot John Cox von der US-Flugsicherheits-Firma Safety Operating Systems. "Ich verstehe nicht, wie sie diesen Flug machen konnte, ohne aufzutanken, wie es die Normen vorschreiben", so Cox. Das Flugzeug hätte nach den internationalen Reglements noch mindestens Sprit für eine halbe Stunde an Bord haben müssen, um einen Ausweich-Airport ansteuern zu können.

Bolivianische Medien berichteten unter Berufung auf einen Vertreter der Fluggesellschaft, das Flugzeug hätte spätestens in Bogotá zwischenlanden und tanken müssen. Der Pilot sei aber der Meinung gewesen, dass der Treibstoff reiche.

So deutet einiges darauf hin, dass der erfahrene Pilot verantwortlich sein könnte. Aber auch die Rolle der Fluglotsin muss untersucht werden, weil sie den Lamia-Flug nicht gleich als Priorität einschätzte und ihn zu einer Warteschleife zwang. Allerdings war Pilot Quiroga, das kann man den Mitschnitten des Funkverkehrs entnehmen, erst nicht eindeutig in der Aussage, wie schwerwiegend die Treibstoffprobleme sind.

Am Unglücksort geht derweil die Suche nach Hinweisen auf die Absturzursache weiter, Experten aus Bolivien und Großbritannien sind angereist, um die Arbeiten zu unterstützen. Noch am Donnerstag sollen die ersten Todesopfer nach Brasilien überführt werden.

Mit Material der Nachrichtenagenturen

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