Flugzeugabsturz in Madrid Mehr als 150 Menschen starben in den Flammen

"So stelle ich mir die Hölle vor" - Flug JK 5022 endete auf dem Madrider Flughafen Barajas in einem Flammeninferno. Bei dem Absturz der Spanair-Maschine unmittelbar nach dem Start starben mindestens 153 Menschen, nur wenige überlebten. Unter den Opfern sind möglicherweise auch Deutsche.


Madrid - "Es ist wie im Krieg", sagte ein Rettungsassistent, das Gesicht rußverschmiert. Ein Polizist berichtete erschüttert: "So stelle ich mir die Hölle vor. Die Leichen haben förmlich gekocht, sie waren so heiß, dass wir uns beim Bergen die Hände verbrannt haben." Augenzeugen, die gegenüber spanischen Medien versuchen, das Grauen in Worte zu fassen.

Sie berichten vom Trümmerfeld auf dem Madrider Flughafen Barajas. Am Mittwochnachmittag schoss hier ein Spanair-Passagierflugzeug offenbar beim Versuch einer Notlandung über die Rollbahn hinaus, zerschellte und ging in Flammen auf. 172 Menschen waren nach jüngsten Angaben der Fluggesellschaft Spanair an Bord der Maschine vom Typ MD-82. Ihr Ziel: Las Palmas auf der Urlauberinsel Gran Canaria.

Nun sind mindestens 153 der Insassen tot, 19 sollen die Katastrophe verletzt überlebt haben, teilte die spanische Entwicklungsministerin Magdalena Alvarez am späten Mittwochabend auf einer Pressekonferenz mit. Viele der Verletzten befanden sich in kritischem Zustand. Sie erlitten schwerste Verbrennungen und wurden in eine nahegelegene Klinik mit Spezialabteilung gebracht.

Unter den Opfern sind wahrscheinlich auch Deutsche: Der Flug mit der Nummer JK 5022 hatte im Rahmen des Code-Sharings mit der Lufthansa auch die deutsche Flugnummer LH 2554, an Bord befanden sich nach vorläufigen Lufthansa-Angaben mindestens vier deutsche Passagiere.

Die Passagierlisten seien noch nicht von den spanischen Behörden freigegeben, teilte die Lufthansa mit. Das Unternehmen ging davon aus, dass dies am Mittwochabend auch nicht mehr geschehen sollte. Die Lufthansa sandte nach eigenen Angaben ein Team psychologisch geschulter Fachleute nach Madrid, um Spanair bei der Betreuung der betroffenen Fluggäste und deren Angehörigen zu unterstützen. Die deutsche Botschaft in Madrid wurde ebenfalls eingeschaltet.

"Es ist der Horror"

Über die Unglücksursache ist zur Stunde noch nichts Definitives bekannt: Spanische Medien berichten unter Berufung auf Augenzeugen, dass eines der Triebwerk bereits beim Start Feuer fing. Kurz nach dem Abheben endete die folgende Notlandung um 14.45 Uhr dann in einer Flammenhölle.

"Ich sah, wie das Flugzeug in mehrere Teile zerrissen wurde", berichtete ein Autofahrer, der das Unglück von einer Autobahn aus beobachtet hatte. "Dann gab es eine heftige Explosion. Ich hatte zuerst gedacht, die Maschine wäre dabei zu landen. Aber dann neigte sie sich plötzlich zur Seite und bohrte sich mit der rechten Tragfläche in die Erde."

Über dem Rollfeld des Flughafens war eine dunkle Rauchwolke zu sehen, ein Angestellter der Flughafengesellschaft, berichtete, dass das Flugzeug völlig zerstört sei. Zwischen den Trümmern lägen zahlreiche Leichen. "Viele Rettungskräfte haben so etwas grausames noch nie in ihrem Leben gesehen", sagte ein Helfer der Tageszeitung "El País".

"Es gibt nichts mehr, was an ein Flugzeug erinnert", sagte ein Polizist der Zeitung "El Mundo". "Es ist der Horror, ich will das nicht erzählen." Ein Flughafenmitarbeiter berichtete, von der Maschine seien nur noch die Triebwerke zu erkennen, der Rest sei völlig verbrannt. Er beschrieb Szenerie im Angesicht der Tragödie als gespenstisch: "Man hört niemanden schreien, man hört niemanden weinen." Ein Mitglied der Bergungsmannschaften meinte, es sei ein Wunder, dass in dem Inferno überhaupt Menschen überlebt haben. Rund 60 Krankenwagen rasten zur Unglücksstelle.

Flugverkehr läuft wieder an

Die Toten wurden mit Leichenwagen in eine Halle auf dem Madrider Messegelände gebracht. Dies dürfte bei den Madrilenen Erinnerungen an die schrecklichen Terroranschläge vor gut vier Jahren auf mehrere Pendlerzüge in Erinnerung rufen, bei denen 191 Menschen umgekommen waren. Jetzt dient dieselbe Messehalle wie damals als Leichenhalle.

Auf den Flughäfen von Madrid und Gran Canaria, dem Ziel des Unglücksflugs, harrten Hunderte von Angehörigen stundenlang aus, um Informationen über das Schicksal ihrer Ehepartner, Eltern, Geschwister oder Kinder zu bekommen.

Der Flughafen in der spanischen Hauptstadt wurde sofort für den gesamten Verkehr gesperrt. Wenig später wurden die Starts und Landungen in eingeschränktem Umfang wieder aufgenommen. Auf Fotos von der Unglücksstelle ist zu sehen, wie Flugzeuge über das Trümmerfeld hinweg starten.

Der spanische Ministerpräsident Zapatero unterbrach seinen Urlaub und flog nach Madrid zurück. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach Zapatero ihr Beileid aus. Sie sei schockiert vom Ausmaß der Katastrophe und der Zahl der Toten und Verletzten und nehme Anteil am Leid der Familien, die ihre Angehörigen verloren hätten, sagte Merkel nach Angaben des stellvertretenden Regierungssprechers Thomas Steg.

Spanair mit Problemen

Die Fluggesellschaft Spanair, die in der Star Alliance unter anderem Partner der Lufthansa ist, befindet sich seit geraumer Zeit in schweren wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die skandinavische Muttergesellschaft SAS hatte vergeblich versucht, einen Käufer für das kränkelnde Unternehmen zu finden.

Zurzeit ist Spanair dabei, fast ein Drittel der Beschäftigten zu entlassen und das Streckennetz zu reduzieren. Das am Mittwoch verunglückte Flugzeug war nach Spanair-Angaben 15 Jahre alt. Das Flugzeug habe die jährlich vorgeschriebene Inspektion im Januar durchlaufen.

An dem Madrider Flughafen - dem größten des Landes - hatte es zuletzt vor knapp 25 Jahren zwei schwere Flugzeugkatastrophen gegeben. Am 27. November 1983 war ein Jumbojet der kolumbianischen Linie Avianca beim Landeanflug abgestürzt, 181 Menschen starben. Nicht einmal zwei Wochen später prallten auf der Startbahn des Airports eine Iberia- und eine Aviaco-Maschine im Nebel zusammen. 93 Menschen kamen ums Leben.

phw/AP/dpa/Reuters/AFP

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