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MH17-Abschuss Wohin bringen sie die Toten?

Auf einer Fläche von 36 Quadratkilometern sind die Trümmer von Flug MH17 verstreut. Um den Abschuss aufzuklären, wären dringend detaillierte Untersuchungen nötig. Doch momentan ist nicht einmal klar, wohin die Leichen gebracht werden.

Hrabowe/Donezk - Die Bergungsarbeiten an der Absturzstelle der Boeing 777 der Malaysia Airlines in der Ostukraine kommen weiterhin nur langsam voran: Noch immer werden laut Behörden in Kiew die Sucharbeiten von bewaffneten prorussischen Separatisten überwacht und erheblich behindert. Rettungskräften zufolge sind bisher erst 196 der 298 Opfer geborgen worden. Sie alle wurden von der Absturzstelle inzwischen fortgeschafft - doch es gibt keine Informationen darüber, wohin.

Nach den verbleibenden 102 Leichen wird derzeit noch gesucht: Wie ein Sprecher des Zivilschutzministeriums in Kiew mitteilte, seien etwa 380 Mitarbeiter des ukrainischen Bergungsdienstes beteiligt, darunter auch Taucher, die einen See absuchten. Der Bereich der Bergungsarbeiten ist demnach von 25 auf 34 Quadratkilometer ausgeweitet worden.

Wohin die bereits geborgenen Leichen abtransportiert wurden, ist derzeit völlig unklar, dazu gibt es widersprüchliche Meldungen: Am Samstag hatten russische Rebellen eingeräumt, "einige Dutzend Leichen" von der Absturzstelle entfernt und nach Donezk gebracht zu haben. Der ukrainische Vizeregierungschef Wladimir Groisman sprach laut der Nachrichtenagentur AP von bis zu 900 Aufständischen rund um die Absturzstelle nahe der Ortschaft Hrabowe. Die militanten Gruppen hätten mehrfach versichert, die Arbeiten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) nicht zu behindern.

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MH17-Abschuss: Die Ungewissheit über den Verbleib der Opfer

Foto: Vadim Ghirda/ AP/dpa

Transport in Kühlwaggons

Mit den Separatisten sei vereinbart worden, die sterblichen Überreste zunächst in speziellen Eisenbahnwagen zu lagern, sagte Groisman. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, hätten Gleisarbeiter fünf solcher Kühlwaggons am Bahnhof der ostukrainischen Industriestadt Tores, etwa 15 Kilometer von der Absturzstelle entfernt, gesichtet. Ein Bahnhofsmitarbeiter sagte Reuters: "Es sind Leichen. Sie brachten sie über Nacht."

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Absturz von Flug MH17: Das Trümmerfeld von Hrabowe

Foto: Dmitry Lovetsky/ AP/dpa

OSZE-Beobachter inspizierten demnach in Begleitung von prorussischen Separatisten die Wagen. Wie viele Leichen in den Kühlwaggons gelagert werden, ist jedoch unklar. Alexander Hug, stellvertretender Leiter des OSZE-Einsatzes sagte Reuters, man habe die Leichensäcke nicht zählen können.

Vizeregierungschef Groisman sagte, die Identifizierung der Leichen erfolge möglicherweise in der etwa 300 Kilometer entfernten Großstadt Charkiw. Dort sei eine Untersuchungskommission eingerichtet worden. In Charkiw seien zudem Hunderte Hotelzimmer für Angehörige und Hinterbliebene der Opfer reserviert.

Die Nachrichtenagentur AP medet, eine Sprecherin der ukrainischen Rettungsdienste habe gesagt, dass die Rebellen alle 196 Leichen von der Absturzstelle entfernt hätten. AP-Journalisten hatten demnach beobachtet, wie die Leichen in schwarzen Säcken auf Lastwagen verladen wurden. Nataliya Bystro, Sprecherin der ukrainischen Regierung, sagte laut AP am Sonntag, die Rettungskräfte seien gezwungen worden, die Leichen den bewaffneten Rebellen zu übergeben. Wohin die Toten gebracht wurden, wisse die Regierung nicht.

Identifizierung der Opfer könnte sehr lange dauern

Bereits zuvor hatten Berichte über die chaotischen Umstände am Absturzort und über verwesende Leichen international Empörung ausgelöst. Westliche Politiker haben deshalb den Druck auf Russland und die Separatisten erhöht: Russlands Präsident Wladimir Putin soll endlich seinen Einfluss auf die Separatisten in der Ukraine geltend machen, um die Aufklärung des Abschusses von MH17 voranzubringen.

Bei schweren Unglücken wie Flugzeugabstürzen oder Naturkatastrophen ist eine Identifizierung der Toten oft extrem schwierig. Zerfetzt oder bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, können sie oft nicht mehr von Angehörigen oder über Fingerabdrücke identifiziert werden. Die akribische Kleinarbeit der Spezialisten, darunter auch DNA-Analysen, nimmt dann viel Zeit in Anspruch. Oft werden Experten des Bundeskriminalamts (BKA) um Unterstützung gebeten. Das BKA verfügt seit einem Flugzeugabsturz auf Teneriffa 1972 über die Spezialeinheit "Identifizierungskommission".

Über erhebliche Behinderungen am Absturzort hatte am Samstag auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) geklagt. "Das Problem ist, dass es keine Absperrung des Ortes gibt, wie sonst üblich. Jeder kann da rein und womöglich mit Beweisstücken herumhantieren", hatte OSZE-Sprecher Michael Bociurkiw gesagt. Die Militärexperten der OSZE-Mission halten sich seit Monaten im Osten der Ukraine auf, um die erbitterten Gefechte zwischen Separatisten und ukrainischer Armee zu dokumentieren.

Am Sonntag wollten 132 malaysische Experten, darunter Ärzte und Militärs, zum Absturzort fahren. Sie waren am Samstag in Kiew gelandet. Auch 15 niederländische Experten kamen in der Hauptstadt an.

Vier deutsche Frauen unter den Opfern

Der Uno-Sicherheitsrat erwägt eine Resolution, um den Abschuss zu verurteilen. Mit dem Dokument sollen zugleich die prorussischen Separatisten aufgefordert werden, den Zugang zur Absturzstelle zu ermöglichen. An die Staaten der Region soll die Aufforderung ergehen, bei der internationalen Untersuchung des Falls zu kooperieren. In einem entsprechenden Entwurf wird gefordert, "dass jene, die für den Zwischenfall verantwortlich sind, zur Rechenschaft gezogen werden, und dass alle Staaten mit ganzer Kraft dabei zusammenarbeiten, diese Verantwortlichkeit festzustellen".

Unter den Opfern der MH17-Tragödie sind auch vier deutsche Frauen: Wilhelmine B., die auf Sitz 36 F reiste und mit ihren niederländischen Ehemann unterwegs war. Fatima D., eine 24-jährige Studentin, die auf 20D saß und ihre Eltern in Australien besuchen wollte. Gabriele L., auf 21E, die als Lehrerin an einer deutschen Schule in Sydney arbeitete. Und auf dem Sitz 41E die Studentin Olga I., 24, die zusammen mit ihrem kanadischen Freund auf dem Weg in den Urlaub war.

cib/dpa/AP/Reuters
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