Flugzeugkatastrophe in Sibirien Rätseln über die Unglücksursache

Bei der Bruchlandung eines Airbus A310 in der sibirischen Stadt Irkutsk sind mehr als 120 Menschen ums Leben gekommen. Ermittler vermuten einen technischen Fehler als Unfallursache. Der russische Verkehrsminister sieht dagegen eher das schlechte Wetter als Grund.


Moskau - Bei der Bruchlandung eines russischen Passagierflugzeugs in Sibirien sind heute mehr als 120 Menschen getötet worden. Bei schlechtem Wetter schoss die Maschine vom Typ Airbus A310 mit etwa 200 Menschen an Bord über die nasse Landebahn der Stadt Irkutsk hinaus. Sie prallte in eine Reihe von Garagen und ging in Flammen auf. Retter vermuteten zunächst über 150 Tote auf Flug 778 Moskau-Irkutsk von Russlands zweitgrößter Fluglinie Sibir. Am Abend wurde noch von 122 bis 124 Toten gesprochen.

Airbus-Wrack in Irkutsk: Suche nach weiteren Opfern
AFP

Airbus-Wrack in Irkutsk: Suche nach weiteren Opfern

Unter den Insassen der verunglückten Maschine haben sich auch drei Deutsche befunden. Zwei von ihnen, darunter angeblich eine junge Frau aus Stuttgart, würden in Krankenhäusern in Irkutsk behandelt, meldeten russische Nachrichtenagenturen unter Berufung auf eine Erklärung der Fluggesellschaft Über das Schicksal des dritten Deutschen wurden keine Angaben gemacht.

Dem Auswärtigen Amt in Berlin lagen nach Angaben eines Sprechers keine bestätigten Informationen über die Zahl der Toten und Verletzten vor. Es gebe erste, unbestätigte Hinweise darauf, dass ein deutscher Staatsbürger unter den Verletzten sei. Die deutsche Botschaft in Moskau und das deutsche Generalkonsulat in Nowosibirsk stünden in engem Kontakt mit den russischen Behörden und bemühten sich um Aufklärung.

Katastrophenlandung nach problemlosem Flug

Der 5000 Kilometer lange Flug von Moskau nach Ostsibirien in die Nähe des Baikal-Sees war bis zur Landung problemlos verlaufen. "Wir waren schon normal gelandet. Doch beim Bremsen beschleunigte das Flugzeug auf einmal wieder wie zum Start", schilderte eine Überlebende dem örtlichen Sender Baikal-TV das Unglück. Dann habe die Tragfläche sich in einem Zaun verfangen. Ein Brand brach aus. Nach kurzer Ohnmacht sei sie aus dem Flugzeug gesprungen.

Zehn Passagiere und zwei Stewardessen hatten sich nach Angaben von Feuerwehrleuten selbst gerettet. Bilder zeigten, wie das Leitwerk mit dem weiß-blauen Schriftzug "Sibir" hoch über Autos und zerstörte Garagen hinausragte. Die Flammen konnten erst nach drei Stunden gelöscht werden. Die Flugschreiber wurden gefunden.

"Das Flugzeug kam von der Landebahn des Flughafens Irkutsk ab, die nach Regenfällen nass war", sagte Verkehrsminister Igor Lewitin. "Wir müssen das Fahrwerk und alle Systeme des Flugzeugs überprüfen." Wahrscheinlich sei aber das schlechte Wetter die Unfallursache. Die Staatsanwaltschaft schloss weder technisches Versagen noch einen Pilotenfehler aus. Ein Terroranschlag sei unwahrscheinlich, hieß es. Die Nachrichtenagentur Ria Nowosti meldete, Ermittler würden von einem Fehler in der Bremshydraulik ausgehen.

Widersprüchliche Angaben zur Passagierzahl

Noch Stunden nach dem Unglück gab es widersprüchliche Zahlen. Sibir teilte in Moskau mit, dass 200 Menschen auf dem Flug S7-778 nach Irkutsk gewesen seien - 192 Passagiere und acht Mann Besatzung.

Der Startflughafen Domodedowo sprach von 203 Menschen an Bord des Airbus. Nach Angaben des Herstellers war die Maschine mit 220 Sitzplätzen 1987 ausgeliefert worden und hatte auf über 10.000 Flügen mehr als 52.000 Flugstunden absolviert.

Während in Irkutsk und Moskau die Familien der Fluggäste bangten, veröffentlichte Sibir eine Passagierliste, die auch im Internet stand. Insgesamt seien zwölf Ausländer aus Deutschland, China, Polen, Aserbaidschan und Weißrussland an Bord gewesen. Zu den Fluggästen zählten auch 14 Kinder. Ursprünglich hatte es geheißen, dass "viele Kinder" an Bord waren, die ihre Ferien am Baikal-See verbringen wollten.

kaz/dpa/AFP/AP



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