Flugzeugunglück am Bodensee Schwere Vorwürfe gegen den Fluglotsen

Der Kapitän der Passagiermaschine, die in der Nacht über dem nördlichen Bodensee-Ufer mit einem Frachtflugzeug kollidierte, wurde vor dem Unglück von einem Fluglotsen aufgefordert, eine andere Flughöhe zu wählen. Zu spät? Im Visier der Ermittler steht jetzt die Schweizer Flugsicherung.

Überlingen/Zürich - Der Befehl des Lotsen der Flugsicherung Skyguide an die russische Tupolew zum Sinkflug kam laut einer ersten Untersuchung der deutschen Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) erst rund 50 Sekunden vor dem Zusammenstoß mit dem Boeing-Frachtflugzeug. Zudem gab Skyguide bekannt, dass zum Zeitpunkt des Crashs um 23.35 Uhr der zweite Fluglotse nicht anwesend gewesen sei, sondern eine Pause gemacht habe.

Erst beim zweiten Anruf des Fluglotsen reagierte der Kapitän. Da waren es nur noch 25 Sekunden bis zum Crash. Inzwischen hatte auch das elektronische Alarmgerät der Frachtmaschine registriert, dass sich auf gleicher Flughöhe eine Maschine näherte und gab automatisch den Befehl zum Sinken. Ein Befehl, dem der Pilot nach internationaler Regelung unverzüglich und ohne Rücksprache mit der Flugsicherung Folge zu leisten hat, erklärte Toni Maag, Leiter des Kontrollturms des Flughafens Zürich-Kloten.

Statt einander auszuweichen, rasten die Flugzeuge also weiterhin aufeinander zu. Zwischen 23.35 und 23.36 Uhr erfolgte die Kollision, die von vielen Anwohnern des Bodensees beobachtet wurde. In 11.300 Meter Höhe kam es zu mehreren Explosionen, brennende Flugzeugteile stürzten im Umkreis von rund 30 Kilometern ab.

Auch Skyguide korrigierte am Nachmittag frühere Angaben zum Ablauf der Ereignisse im Kontrollturm. Maag sagte, die erste Anweisung an die Russen sei erst "eine gute Minute" vor dem Zusammenstoß mit dem Boeing-Frachtflugzeug erfolgt. Am Vormittag hatte er noch gesagt, die Anweisung sei anderthalb bis zwei Minuten vor dem Crash erfolgt. Tagsüber seien Manöver-Fristen von rund einer Minute durchaus üblich.

Diese Situation sei zwar eng gewesen, aber durchaus nicht gefährlich, sagte Maag, und weiter: "Es war nicht unverantwortlich, aber ziemlich spitz." Maag bekräftigte zudem, dass der Pilot der Tupolew den Befehl des Fluglotsen erst bei der dritten Aufforderung quittiert und ausgeführt habe. Die deutsche BFU berichtete hingegen nur von zwei Funksprüchen an den russischen Piloten. Auf die Verantwortung des Fluglotsen für den Zusammenstoß angesprochen, verwies Skyguide auf die laufende Untersuchung.

Fluglinie beschuldigt Fluglotsen

Der Direktor der betroffenen russischen Fluglinie dagegen gibt die Verantwortung eindeutig den Schweizer Fluglotsen: "Nach meiner Einschätzung war es die Schuld der Fluglotsen, die in der Luft zwei Flugzeuge zusammenführten", sagte Nikolaj Odegow von Bashkirian Airlines am Dienstag nach Angaben der Agentur Interfax in Moskau. Die russischen Piloten seien sehr erfahren gewesen und hätten die Fliegersprache Englisch ohne Probleme beherrscht, sagte er.

Beide Piloten wussten von der Gefahr

George Blau von der Braunschweiger Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung sagte gegenüber SPIEGEL ONLINE, es sei unklar, warum beide Flugzeuge in den Sinkflug übergegangen sind. Das Anti-Kollisionssystem (TCAS), das sich bei der Frachtmaschine automatisch einschaltet, führe normalerweise dazu, dass Maschinen in den Sink- oder Steigflug ausweichen. Zurzeit ließe sich noch nicht sagen, ob die Tatsache, dass sich beide Flugzeuge in den Sinkflug begaben, auf einen Fehler des Systems zurückzuführen sei, oder ob es zur Eigenschaft des Gerätes gehöre, das Ausweichmanöver nach unten einzuleiten.

Offenbar waren sich die Piloten beider Unglücksmaschinen von der Gefahr bewusst, in der sie sich befanden. Da sich beide Flugzeuge im gleichen Luftraum befanden und somit die gleiche Funkfrequenz empfingen, sei davon auszugehen, dass beide Piloten von den Anweisungen des Schweizer Kontrollzentrums Skyguide wussten.

Flugschreiber gefunden

Die Bergungsmannschaften orteten derweil den Stimmrekorder und den Flugschreiber der Boeing-Frachtmaschine. Das erklärte Landesverkehrsminister Ulrich Müller am Abend. Beide Geräte seien an der Hauptabsturzstelle bei der Gemeinde Taisersdorf gefunden worden. Der Flugschreiber der Tupolew war bereits in der Nacht gefunden worden.