Flugzeugunglück von Madrid Angehörige fürchten Pannen bei Identifizierung der Opfer

Die Angehörigen der 153 Todesopfer der Madrider Flugkatastrophe schwanken zwischen Trauer und Wut: Sie kritisieren die Arbeit der Behörden und befürchten pietätlose Pannen bei der Identifizierung der Toten - denn dies wäre nicht das erste Mal.

Madrid - Unter weißen Tüchern liegen die 153 Leichen aus der verunglückten Maschine. Sie sind mit großzügigem Abstand voneinander, der Reihe nach in einer Messehalle aufgebahrt. Spezialisten des Instituts für Toxikologie und Forensische Wissenschaften (INTCF) versuchen die verkohlten Leichen zu identifizieren. Der Zustand der Toten erschwert die Arbeit der Forensiker enorm.

Leichen des Flugzeugunglücks (in Messehalle): Schwierige Identifizierung

Leichen des Flugzeugunglücks (in Messehalle): Schwierige Identifizierung

Foto: REUTERS

Noch immer klammern sich Angehörige an die allerletzte Hoffnung: Erst 62 Menschen sind nach Angaben von El Pais.com zweifelsfrei identifiziert. Doch die Ergebnisse der Untersuchungen geben den Familien traurige Gewissheit.

Nach Angaben der spanischen Vizeregierungschefin Maria Teresa Fernandez de la Vega konnten bisher 59 Todesopfer anhand digitaler Fingerabdrücke identifiziert werden - bei den anderen 94 sei eine DNA-Analyse nötig.

Betroffene haben sich auf dem Madrider Flughafen zusammengeschlossen. Ihre Trauer schwankt zwischen Verzweiflung und Wut - unter anderem darüber, dass besorgte Passagiere einer SMS zufolge nach dem abgebrochenen ersten Startversuch nicht von Bord gelassen wurden.

Die Hinterbliebenen kritisieren einerseits die mangelnden Informationen der Fluggesellschaft, wie und warum die Maschine verunglückte - gleichzeitig befürchten sie, dass bei der Identifizierung der teils verstümmelten Leichen Fehler gemacht werden wie vor Jahren beim Absturz der Jak-42. Bei dem Flugzeugunglück im Mai 2003 stürzte eine spanische Maschine auf dem Heimflug aus Afghanistan ab, 62 Soldaten kamen ums Leben. Vielen Hinterbliebenen wurden damals die falschen Leichen übergeben.

Die Empörung über die verwechselten Leichen hallt bis heute nach: Ein Vergleich des Erbguts in 39 Fällen ergab damals, dass 22 Familien die falsche Leiche oder gar Überreste verschiedener Opfer, darunter der ukrainischen Crew, erhalten hatten. Nur in 17 Fällen wurde die richtige Leiche übergeben.

Jetzt haben die Angehörigen Angst, dass sich Fehler von damals wiederholen. Sie dringen darauf, dass die Leichen bald freigegeben werden, damit sie ihre Angehörigen bestatten und von ihnen Abschied nehmen können.

Insgesamt wurden schon 30 Leichen freigegeben und den Familien übergeben. Einige davon wurden in einem Krematorium eingeäschert.

Die Familien der 153 Todesopfer sollen nach Angaben von "El Mundo" für jedes Opfer 127.000 Euro Entschädigung erhalten. Diese Summe ergebe sich aus EU-Vorschriften für Fluglinien im Falle eines Unfalls, die auch vorschreiben, dass den Angehörigen der Opfer innerhalb von 15 Tagen nach der Identifikation ein Vorschuss in Höhe von bis zu 20.300 Euro als Soforthilfe überwiesen werden soll.

In der Unglücksmaschine saßen 172 Passagiere. Zusammen mit den Opfern unter der Besatzung könnte die Summe, die die Versicherung allein für Personenschäden zahlen muss, insgesamt 22 Millionen Euro betragen. Alle Schäden zusammen könnten sich auf 50 Millionen Euro summieren.

Spanair versicherte unterdessen, die Soforthilfe so schnell wie möglich in die Wege zu leiten. Sobald die Opfer identifiziert sind, könnten die ersten Überweisungen erfolgen, heißt es.

Das Triebwerk soll doch nicht gebrannt haben

Spanische Zeitungen berichteten am Freitag unter Berufung auf Ermittler, dass das Triebwerk des Spanair-Flugzeugs nicht brannte. Das sei durch Videoaufnahmen der spanischen Flughafenbehörde Aena zu belegen, die die Ermittler gesichtet hätten. Das Flugzeug sei abgehoben, dann abgestürzt und habe erst am Boden Feuer gefangen, berichtete die Tageszeitung "El País". Augenzeugen hatten erklärt, das linke Triebwerk sei beim Start in Flammen aufgegangen.

Die Zeitung "El Mundo" berichtete unter Berufung auf Vertreter der Zivilluftfahrt, Teile des linken Triebwerks hätten sich gelöst und das Seitenruder der Heckflosse der MD-82 beschädigt. Dadurch sei die Maschine aus dem Gleichgewicht gekommen und abgestürzt.

Der Leiter der Zivilluftfahrtbehörde, Manuel Bautista, sagte "El País", es müsse mehr als eine Ursache für den Absturz gegeben haben. Ein defektes Triebwerk allein könne nicht der Grund sein.

Auch der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt ging von einer Kette von Ursachen aus. Im Bayerischen Rundfunk sagte er, beim Unfall eines Verkehrsflugzeugs kämen "im Schnitt sechs bis sieben Ursachen" zusammen. "Das ist eine Kette von Ereignissen, menschliche oder technische Fehler, wo bei jedem einzelnen es möglich gewesen wäre, diese Kette zu unterbrechen", sagte Großbongardt.

Spanair hat dem Experten zufolge einen soliden Ruf. Die Airline habe durch die hohen Treibstoffpreise wirtschaftliche Probleme, "aber nicht mehr, als viele andere Fluggesellschaften auch". Auch bei älteren Flugzeugen müssten sich Passagiere in Europa generell bei keiner Fluggesellschaft Sorgen machen, da diese gut gewartet würden.

Der Vorsitzende der spanischen Gewerkschaft der Luftfahrttechniker, José Maria Delegado, schloss aus, dass der von Spanair-Technikern kurz vor dem Start behobene technische Defekt die Ursache für den Absturz gewesen sein könnte. Spanair hatte am Donnerstag mitgeteilt, Techniker hätten ein defektes Luftventil repariert, bevor das Flugzeug zum Start freigegeben wurde. Die Fluggesellschaft wies Vorwürfe der Fahrlässigkeit von sich.

Noch ist unklar: Starben vier oder fünf Deutsche?

Bei dem schweren Flugzeugunglück gibt es vermutlich ein weiteres deutsches Todesopfer. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes korrigierten die spanischen Behörden die Zahl der deutschen Opfer von vier auf fünfNach Angaben der spanischen Regierung ist die Identität des fünften deutschen Todesopfers zweifelsfrei geklärt. Wie Sprecher Jorge Rubio am Donnerstag in Madrid sagte, handele es sich um eine Frau. Ihr Name fehle aus bisher nicht geklärten Gründen auf der Passagierliste der Fluggesellschaft. "Wir werden das nun überprüfen", kündigte Rubio an. Untersuchungen des spanischen Innen- und des Außenministeriums hätten die Identität der deutschen Frau zweifelsfrei geklärt, erklärte Rubio. Die deutsche Botschaft sei bereits über den Fall informiert worden.

Darüber hinaus befinde sich möglicherweise ein Frau mit deutsch-spanischer Doppelstaatsbürgerschaft unter den Opfern, bestätigte Rubio. Die spanische Tageszeitung "Las Noticias" hatte am Donnerstag in ihrer Onlineausgabe von einer 38-jährigen, in Spanien geborenen Frau deutscher Abstammung berichtet. Rubio bestätigte, dass ihr Vater Deutscher sei und dass die Frau bei der Guardia Civil im nordspanischen Burgos arbeitete.

"Wir gehen den Hinweisen mit Hochdruck nach", sagte der stellvertretende Sprecher des Ministeriums, Andreas Peschke, am Freitag in Berlin. Die Angaben stünden unter dem Vorbehalt der endgültigen Identifizierung der Opfer, die noch einige Tage in Anspruch nehmen könne.

Diese Identifizierung sei aufgrund der Umstände der "schrecklichen Katastrophe" sehr schwierig. Seit Donnerstag seien vier Experten des Bundeskriminalamtes (BKA) in Madrid, um die spanischen Behörden zu unterstützen.

Sobald es Gewissheit gebe, werde das Auswärtige Amt die Öffentlichkeit entsprechend unterrichten, sagte Peschke. Die Zusammenarbeit mit den spanischen Behörden bezeichnete der Sprecher als eng und gut. Bei dem Unglück kamen am Mittwoch auf dem Flughafen von Madrid 153 Menschen ums Leben, 19 überlebten schwer verletzt.

Die offizielle Trauerfeier für die Opfer des Flugzeugabsturzes soll am 1. September stattfinden. Wie der Madrider Bürgermeister Alberto Ruiz Gallardon am Freitag mitteilte, soll die Zeremonie um 20 Uhr in der Kathedrale La Almudena der spanischen Hauptstadt abgehalten werden.

jjc/ AFP/dpa

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