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31. August 2005, 14:44 Uhr

Flut-Experte

"Die kritische Phase beginnt, wenn das Wasser abfließt"

New Orleans versinkt in den Fluten. Verschmutztes Grundwasser und im Wasser treibende Leichen erhöhen die Seuchengefahr. Achim Schulte vom Berliner Institut für Geographische Wissenschaften sprach mit SPIEGEL ONLINE über die größten Gefahren im Hochwasser-Krisengebiet.

Hochwasserexperte Schulte: Trinkwasserqualität dramatisch verschlechtert
Institut für Geographische Wissenschaften

Hochwasserexperte Schulte: Trinkwasserqualität dramatisch verschlechtert

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Nach dem verheerenden Hurrikan ist New Orleans fast vollständig überflutet. Die Behörden teilten mit, dass alle Maßnahmen zur Eindämmung des Hochwassers gescheitert sind. Was kann man in einer so dramatischen Situation überhaupt noch tun?

Schulte: So traurig das klingt: Alle Menschen so schnell wie möglich evakuieren und für die nächste Katastrophe entsprechend vorsorgen. Wenn wie in New Orleans Dämme brechen, kann man nur sehr schwer den weiteren Zustrom des Wassers stoppen. Das Phänomen der sogenannten rückschreitenden Erosion führt dazu, dass sich die Durchbruchsstelle durch die reißenden Fluten eher noch vergrößert. Dadurch nähert sich der Wasserspiegel auf der landwärtigen Deichseite dem der seewärtigen Seite an. Diesen Prozess kann auch der Katastrophenschutz im Moment nicht aufhalten. Weil drei Viertel des Stadtgebietes von New Orleans unter dem Meeresspiegel liegen, kann zudem das Wasser nicht auf natürliche Weise abfließen und muss abgepumpt werden. Das fordert vor allem eine enorme logistische Leistung.

SPIEGEL ONLINE: Allein im Football-Stadion Superdome harren 30.000 Menschen ihrer Evakuierung. Bei 33 Grad Hitze und fehlenden Sanitäranlagen stapelt sich hier der Müll. Weil die Rettung der Überlebenden Vorrang habe, könne man sich zur Zeit nicht um die Leichen kümmern, erklärte Bürgermeister Ray Nagin. Wie hoch schätzen Sie die Seuchengefahr ein?

Schulte: Die eigentlich kritische Phase beginnt, wenn das Wasser abfließt. In dem Moment, wo Gebiete, die vorher überflutet waren, langsam trocknen, steigt auch die Seuchengefahr. Die Menschen müssen jetzt vorrangig darüber informiert werden, dass sich die Trinkwasserqualität dramatisch verschlechtert hat. Vom Hochwasser betroffen sind ja nicht nur Wohnhäuser, sondern auch Industrie- und Kläranlagen. Alles, was unter normalen Bedingungen hier zurückgehalten oder gefiltert wird, gelangt nun ungehemmt auch in die Siedlungsgebiete. Auch deshalb sollten bereits Evakuierte erst dann in das Katastrophengebiet zurückkehren, wenn die Gefahr von Seuchen gebannt ist.

SPIEGEL ONLINE: Gerade erst wurden Deutschland, Österreich und die Schweiz von einer Jahrhundertflut heimgesucht. Welche Konsequenzen ziehen Wissenschaftler aus den jüngsten Erfahrungen mit dem Hochwasser?

Schulte: Um solchen dramatischen Ereignissen besser vorzubeugen, sollten die Verantwortlichen vor allem bei der Deichkonstruktion andere Kriterien zu Grunde legen. Deiche sollten höher und sicherer gebaut werden. Weil schon 20 bis 30 Zentimeter Aufbau enorme Kosten verursachen, schrecken allerdings auch in Deutschland viele Gemeinden und Behörden vor einer solchen Investition zurück. Die Diskussion um die Flutkatastrophe im Alpenvorland hat gezeigt, dass es nicht reicht, nur das sogenannte hundertjährlichen Hochwasser - den höchsten in 100 Jahren gemessenen oder errechneten Wasserpegel - als Basiswert für die notwendige Deichhöhe zu nutzen. Heute muss auch ein Klimazuschlag Eingang in die Kalkulation finden. Nur so kann man mehr Sicherheit garantieren.

Das Interview führte Annette Langer

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