Schrottsammler im Flutgebiet »Plötzlich hüpfen drei Leute aus dem Auto und werfen die Sachen in den Laderaum«

Flutopfer stellen ihr Hab und Gut zum Trocknen vor die Tür. Das nutzen Schrottsammler aus, die manche Sachen einfach mitnehmen. Polizist Marcel Dilling über Menschen, die sich an der Not anderer bereichern.
Ein Interview von Kristin Haug
Zerstörter Hausrat in Hagen

Zerstörter Hausrat in Hagen

Foto: David Inderlied / dpa

SPIEGEL: Herr Dilling, die Polizei des Märkischen Kreises hat in den vergangenen Tagen vermehrt mit Verdächtigen zu tun, die Gegenstände geklaut haben. Nutzen Plünderer die Notsituation der Flutopfer aus?

Dilling: Das sind keine Plünderer, sondern Schrottsammler. Die fahren mit Sprintern durch die Wohngebiete und suchen nach gebrauchten Gegenständen, zum Beispiel nach Waschmaschinen oder Heizkörpern. Die nehmen sie dann mit, um die Metalle zu Geld zu machen. Doch so etwas ist Diebstahl. Damit haben wir aber schon seit Jahren zu kämpfen.

SPIEGEL: Hat es seit den Überflutungen zugenommen?

Dilling: Ja, wir hatten in den vergangenen Tagen schon zwei Dutzend Einsätze deswegen und eine ganze Latte an Anzeigen. Die Schrottsammler kommen extra aus dem Ruhrgebiet hierher, meist sind es rumänische Bürgerinnen und Bürger mit Wohnsitz in Bochum, Essen, Dortmund oder Recklinghausen. Erst am Samstag haben wir wieder vier Anzeigen schreiben müssen. Mit alten Heizkörpern kann man durchaus noch Geld verdienen, das ist offenbar ein attraktiver Geschäftszweig.

Zur Person
Foto: Kreispolizeibehörde Märkischer Kreis

Marcel Dilling, 35, ist Polizeihauptkommissar und Pressesprecher der Kreispolizeibehörde Märkischer Kreis in Iserlohn.

SPIEGEL: Haben diese Leute denn überhaupt eine Genehmigung zum Schrottsammeln?

Dilling: Nur die allerwenigsten. Wenn die Polizei jemanden aufgreift, muss der natürlich die entsprechenden Dokumente nachweisen. Es gibt klare Richtlinien, wie Müll abzutransportieren ist. Alte Elektrogeräte kann man nicht einfach in einen Sprinter werfen.

SPIEGEL: Was droht den falschen Schrottsammlern, wenn sie von der Polizei angehalten werden?

Dilling: Wir reden von Diebstahl oder zumindest einer Ordnungswidrigkeit, wenn Müll falsch abtransportiert wird. Die Strafen, die für Verstöße gegen die Gewerbeordnung oder Kreislaufwirtschaftsgesetze verhängt werden, sind nicht von Pappe. Da ist man schnell im hohen vierstelligen Bereich.

SPIEGEL: Wie erkennt man, ob jemand ein echter oder falscher Müllsammler ist?

Dilling: Man erkennt das meist an einem großen A vorn und hinten auf den Fahrzeugen. Aber manch einer klebt sich das A auch einfach so ans Auto. Häufig sind die falschen Müllsammler mit Fahrzeugen unterwegs, die in einem absolut maroden Zustand sind. Die sind richtig gefährlich für den Verkehr und werden regelmäßig von uns stillgelegt.

SPIEGEL: Wie reagieren die Schrottsammler auf die Kontrollen?

Dilling: Die sagen, das sei doch ohnehin alles Müll. Aber oft ist das gar kein Müll. Manche Menschen haben keinen Garten und müssen ihre Sachen zum Trocknen vor die Tür stellen. Plötzlich hüpfen drei Leute aus dem Auto und werfen die Sachen in den Laderaum. Da können Kisten mit Familienfotos oder Dokumenten dabei sein. Niemand will, dass so etwas in die falschen Hände gerät. Die armen Leute, die eh schon die Kacke am Dampfen haben, müssen sich jetzt auch noch mit den Schrottsammlern herumärgern.

SPIEGEL: Wie können sich die Flutopfer schützen?

Dilling: Wir raten jedem, wachsam zu bleiben und verdächtige Fahrzeuge zu melden.

SPIEGEL: Fahren jetzt mehr Polizisten Streife?

Dilling: Wir waren von Anfang an präsent, aber seit vorvergangener Woche Freitag, seitdem das Schrottsammeln ins Rollen kam, haben wir unsere Präsenz erhöht. Außerdem sind Fachkräfte im Einsatz, die sich auf die Kontrolle von Schwerlast spezialisiert haben und auch die gewerblichen Aktivitäten verstehen. Die Bürgerinnen und Bürger bekommen auf jeden Fall mit, dass mehr Streifen unterwegs sind. Auch vergangenes Wochenende waren Dutzende Kolleginnen und Kollegen unterwegs. Das scheint sich bei den Schrottsammlern herumgesprochen zu haben, ab Samstagmittag haben wir kaum noch auffällige Autos gesehen.

SPIEGEL: Wie geht es den Einsatzkräften?

Dilling: Wir sind über die normalen Maße belastet gewesen. Wir arbeiten sehr eng mit der Feuerwehr zusammen, und als die Nachricht kam, dass zwei Einsatzkräfte bei der Arbeit gestorben sind, war das schon hart. Das macht uns sehr betroffen. Auch körperlich waren die vergangenen Tage sehr anstrengend. Wir hatten Kolleginnen und Kollegen dabei, die Doppelschichten gemacht haben, schlicht und ergreifend, weil sie wegen der Flut sowieso nicht nach Hause gekommen wären.

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