Fluten in Indien Monsun-Katastrophe macht 1,2 Millionen Menschen obdachlos

Indien leidet unter den heftigsten Überschwemmungen der letzten 50 Jahre: Mehr als eine Million Menschen in der ostindischen Provinz Bihar ist obdachlos, Hunderttausende warten auf Rettung. Bisher starben 1700 Menschen in der diesjährigen Monsunsaison.


Neu Delhi/Saharsa - In den indischen Hochwassergebieten harren noch immer Hunderttausende Menschen aus. Die Behörden erklärten, die Bewohner hätten sich auf die Dächer ihrer überschwemmten Häuser gerettet. Die Regierung stellte den Rettungskräften 900 Boote zur Verfügung, die jedoch noch immer nicht alle Regionen im ostindischen Bundesstaat Bihar erreichten.

Insgesamt wurden durch den seit zwei Wochen anhaltenden Monsunregen und einen Deichbruch im benachbarten Nepal rund 1,2 Millionen Menschen obdachlos. Den Angaben zufolge warten noch 600.000 Menschen darauf, in den mehr als hundert Notunterkünften der Regierung oder Tempeln Unterschlupf zu finden. In den kommenden vier bis fünf Tagen müssten in einer groß angelegten Aktion weitere Menschen vor den Fluten gerettet werden, sagte ein Vertreter des Katastrophenschutzes am Samstag.

In Bihar stieg die Zahl der Toten der diesjährigen Monsunfluten auf mehr als 80. Allein im Distrikt Madhepura, 150 Kilometer nordöstlich der Provinzhauptstadt Patna, starben mindestens 20 Menschen, als am Samstag bei einer dramatischen Rettungsaktion ein Boot mit 50 Flüchtlingen und Soldaten an Bord kenterte. "Das Boot war völlig überfüllt, da die Leute voller Panik an Bord kletterten und gerettet werden wollten", sagte ein Polizeisprecher. Acht Insassen konnten sich schwimmend in Sicherheit bringen, 32 weitere wurden von Soldaten gerettet.

Der Monsun in Südasien beginnt in der Regel im Juni und dauert bis Ende September. Nach indischen Regierungsangaben kamen bei den Überschwemmungen landesweit bislang mehr als 1700 Menschen ums Leben. Im vergangenen Jahr starben in Indien etwa 3000 Menschen.

Dammbruch in Nepal überflutet Grenzgebiete

Auslöser der Flutkatastrophe in Bihar ist nach Angaben des Innenministeriums in Neu-Delhi ein Dammbruch im benachbarten Nepal, wo der Kosi entspringt. Dadurch habe der Strom seine Fließrichtung um etwa 120 Kilometer in Richtung Osten verändert und bewohnte Gebiete im Südosten Nepals und in Bihar überflutet. Auch in Nepal mussten zehntausende Menschen vor den Fluten fliehen. Die Behörden Nepals und Indiens sind sich uneinig, wer für den Hochwasserschutz in der Region verantwortlich ist.

Die Behörden erklärten, der Dammbruch sei mehr als einen Kilometer breit und werde jeden Tag größer. Die Reparaturarbeiten könnten erst Ende November nach dem Ende der Monsunsaison beginnen. Das Hochwasser werde wohl erst in einigen Monaten zurückgehen. Verstärkt werden die Überflutungen von heftigen Monsunregenfällen, die auch für die kommenden Tage erwartet werden. Insgesamt seien mehr als 1600 Dörfer betroffen.

Bis Samstag wurden rund 330.000 Menschen in Sicherheit gebracht, wie ein Sprecher der Katastrophenschutzbehörde in Bihar, Prataya Amrit, erklärte. Die meisten kamen in von der Regierung eingerichteten Notunterkünften unter. Das gesamte Ausmaß der Katastrophe war noch nicht absehbar. "Wir können das Ausmaß erst ermitteln, nachdem das Wasser zurückgegangen ist", sagte Amrit. "Aber es ist gewaltig."

Die indische Regierung erwartet in den kommenden Monaten keine Normalisierung der Lage. "Wir werden den Überlebenden bis Oktober Essen und Unterkünfte bieten müssen, da sie nicht in ihre Häuser zurückkehren werden können", sagte der für Notfälle zuständige Minister Nitish Mishra. Indiens Premierminister Manmohan Singh hatte die Überschwemmungen bei einem Besuch in der betroffenen Region als "nationale Katastrophe" bezeichnet.

Bangladesch macht indische Behörden mitverantwortlich

Auch im Norden von Bangladesch traten mehrere Flüsse über die Ufer. Mindestens 20.000 Menschen waren vom Rest des Landes abgeschnitten, wie Medien am Sonntag berichteten. Rund zehntausend Hektar Ackerland standen unter Wasser. Das offizielle Flutwarnzentrum bezeichnete die Situation als alarmierend, weil die Pegel der drei größten Flüsse Jamuna, Padma und Meghna gleichzeitig anstiegen.

Sechs Menschen starben bisher in den Wassermassen reißender Gebirgsflüsse. Nach Regierungsangaben wurden in der Region an der Grenze zu Indien zahlreiche Dörfer zerstört. Die Behörden haben indische Stellen für die Überschwemmungen mitverantwortlich gemacht: Diese hätten aus einem Stausee auf der indischen Seite der Grenze riesige Mengen Wasser abgelassen, hieß es in der Hauptstadt Dhaka.

abl/dpa/AP



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