Flutkatastrophe in Südbayern Dämme brechen, Retter im Dauereinsatz

Nach sintflutartigen Regenfällen hat sich die Lage in den südbayerischen Hochwassergebieten dramatisch zugespitzt. Mehrere Dämme sind gebrochen, Anwohner mussten mit Hubschraubern aus ihren Häusern gerettet werden. Garmisch-Partenkirchen ist von der Außenwelt abgeschnitten.


Rettungseinsatz in Garmisch-Partenkirchen: "Es ist unglaublich, was sich hier abspielt"
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Rettungseinsatz in Garmisch-Partenkirchen: "Es ist unglaublich, was sich hier abspielt"

Garmisch-Partenkirchen - In Eschenlohe und Kempten sind die Dämme gebrochen, die die Wassermassen von Loisach und Iller im Flussbett halten sollten. In Eschenlohe im Landkreis Garmisch-Partenkirchen wurden die Evakuierungen auf beide Loisachufer ausgedehnt. Anwohner wurden mit Bundeswehr-Hubschraubern aus ihren Häusern gerettet, sagte Landratsamtssprecher Albrecht Ott. Die reißende Loisach drohte die einzige Brücke in dem Ort zu zerstören.

"Es ist unglaublich, was sich hier abspielt", sagt Ott SPIEGEL ONLINE. Bereits gestern Abend hatten die Behörden wegen des steigenden Hochwassers für den Landkreis Katastrophenalarm ausgelöst. Bis auf eine schwer befahrbare Straße seien mittlerweile alle Zufahrten zu der Stadt unterbrochen, berichtet Ott. "Es ist zu erwarten, dass auch dieses Schlupfloch bald dicht sein wird." Für diesen Fall stünden jedoch Hubschrauber und Boote bereit, um die Stadt zu versorgen, sagt der Sprecher. Das Hochwasser droht auch das flussabwärts gelegene Farchant zu erreichen.

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Katastrophenalarm: Hochwasser in Bayern, Feuersbrunst in Portugal

Über 1000 Einsatzkräfte unter anderem von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Bundeswehr seien derzeit im Einsatz, sagte Ott. "Wir haben alles aufgeboten, was wir haben." Viele Helfer seien seit gestern Abend pausenlos im Einsatz gewesen. Weitere Hilfseinheiten aus Südbayern seien in die Hochwassergebiete beordert worden. Laut dem Nachrichtensender n-tv ziehen aber einige örtliche Feuerwehren wieder aus Garmisch-Partenkirchen ab, weil ihre eigenen Heimatdörfer vom Hochwasser bedroht werden.

Laut Ott ist noch kein Ende der Gefahr in Sicht: "Es regnet und die Pegel steigen weiter. Die Lage spitzt sich immer weiter zu." Bislang gebe es aber keine Meldungen über Verletzte oder Sachschäden. Als allgemeine Katastrophenschutzbehörde habe man wegen der angespannten Lage ein allgemeines Fahrverbot verhängt und ein Bürgertelefon eingerichtet. Laut n-tv rechnen Meteorologen in den kommenden Stunden mit 40 bis 60 Liter Niederschlägen pro Quadratmeter.

In Partenkirchen trat die Kanker über die Ufer und überflutete die Hauptstraße. Nach Angaben von Albrecht Ott haben die Einsatzkräfte die abzweigenden Nebenstraßen mit Erdwällen und Folien abgedichtet und nutzen die Hauptstraße mittlerweile als Entlastungskanal. Anwohner wurden aufgefordert, Keller und Tiefgaragen sowie die Wohnungen im Erdgeschoss zu sichern.

Neue Hochwasser-Höchstmarke

In Eschenlohe ist die Lage nach Angaben von Mitgliedern des Krisenstabs sehr kritisch und wird das Jahrhunderthochwasser von 1999 wahrscheinlich übertreffen. Auch ein Zeltplatz an der Loisach musste evakuiert werden, rund 90 Camper wurden in Turnhallen untergebracht.

In Kempten im Allgäu brach in einem südlichen Stadtteil der Damm der Iller und sorgte für Überflutungen, teilte das Bayerische Rote Kreuz mit. Die Rettungskräfte begannen mit einer vom Landratsamt angeordneten Zwangsevakuierung. Im Oberallgäu sind den Angaben zufolge hintere Tal-Lagen nicht mehr erreichbar. Murenabgänge drohen. Am Morgen rettete die Wasserwacht per Boot vier vom Wasser eingeschlossene Personen in einem kleinen Weiler.

Hochwassergebiete in Süddeutschland: Land unter in Bayern
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Hochwassergebiete in Süddeutschland: Land unter in Bayern

Nach Murenabgängen waren das Kleinwalsertal und der Riedbergpass gesperrt. Die Gemeinde Balderschwang war nur aus der Luft erreichbar. Bis zum Morgen waren große Teile der B 19 nicht befahrbar. Auch die entlang der B 19 laufende Bahnstrecke zwischen Kempten und Immenstadt wurde gesperrt. In Immenstadt, Bleichach und Dietmannsried liefen zudem zahlreiche Keller voll.

Örtlich starke Überschwemmungen wurden auch von der Donau und den südlichen Zuflüssen zur Donau gemeldet. Ferner rechnen Experten im gesamten Isar-Einzugsgebiet und an den bayerischen Inn-Pegeln mit steigenden Wasserständen.

Tote und Verletzte in der Schweiz und Österreich

In den vergangenen Tagen war es nach starken Unwettern auch in der Schweiz und Österreich zu Überschwemmungen gekommen. Durch die Regenfälle waren Schlammlawinen ausgelöst worden, die mindestens vier Menschen töteten.

In der Gemeinde Reuthe im Westen Österreichs wurden am Morgen mehrere Menschen verletzt, als sich in ihrem vom Hochwasser überfluteten Haus eine schwere Explosion ereignete. Die Bewohner konnten auf das Hausdach flüchten, von dem sie inzwischen von der Feuerwehr geborgen wurden.

Nach Angaben des österreichischen Katastrophenschutzes sind inzwischen weite Teile des Bundeslandes Vorarlberg durch das schwere Unwetter von der Außenwelt abgeschnitten. In einigen Regionen gab es weder Telefon, noch Strom oder fließendes Wasser. Auch der Zugverkehr musste gestoppt werden.

Auch Teile der Zentralschweiz stehen komplett unter Wasser. Während sich in der Hauptstadt Bern viele Menschen nur noch mit Booten fortbewegen konnten, wurden in Luzern historische Gebäude mit Mauern und Sandsäcken vor den Fluten des ständig steigenden Vierwaldstätter Sees geschützt.

In vielen Regionen hat das Hochwasser die Marken der so genannten Jahrhundertflut von 1999 bereits überschritten. Die Pegelstände an den großen Seen steigen weiter, obwohl der Regen nachgelassen hat. Bei Zürich wurde ein Mann tot aus einem Dorfbach geborgen. Im Kanton Graubünden wurde eine Spaziergängerin vermisst, die von einem Baumstamm erfasst wurde, der im Wasser trieb. Auch weite Teile von Interlaken wurden überflutet.

Verheerende Brände in Portugal

Während es in der Alpenregion fortwährend regnet, erschwert in Portugal die anhaltende Dürre die Bekämpfung der zahlreichen großen Waldbrände. Bei den verheerenden Feuern sind zwei weitere Menschen ums Leben gekommen.

Nahe Coimbra im Zentrum des Landes wurde ein Einwohner von einem Feuerwehrauto überfahren und tödlich verletzt, wie der Rundfunk heute berichtete. Der 40-Jährige hatte bei den Löscharbeiten geholfen. Nahe Santarém sei die verkohlte Leiche einer 88 Jahre alten Rentnerin entdeckt worden. Sie habe sich nicht rechtzeitig vor den Flammen in Sicherheit bringen können, hieß es. Damit haben die Feuersbrünste in Portugal bereits 16 Menschen das Leben gekostet, unter ihnen 11 Feuerwehrleute.

Mit Unterstützung von drei Hubschraubern aus Deutschland setzen die Löschmannschaften den Kampf gegen die Flammen fort. Auch Maschinen aus Spanien, Frankreich und Italien waren im Einsatz. Insgesamt waren in ganz Portugal noch elf Feuer außer Kontrolle.

Roman Heflik



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