Flutkatastrophe in Ahrweiler Krisenexperte wirft Landrat zu spätes Handeln vor

Ein Voralarm hätte im Kreis Ahrweiler viele Hochwasseropfer verhindern können, sagt der Forscher Frank Roselieb. Doch der Krisenstab entschied sich dagegen, der Landrat rechtfertigt das Zögern mit wechselnden Prognosen.
Wurde der Katastrophenfall mit Warnstufe 5 zu spät ausgerufen?

Wurde der Katastrophenfall mit Warnstufe 5 zu spät ausgerufen?

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CHRISTOF STACHE / AFP

Nach der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal erhebt der Kieler Krisenforscher Frank Roselieb schwere Vorwürfe gegen Ahrweilers Landrat Jürgen Pföhler (CDU). Trotz präziser Warnungen seien die Bürgerinnen und Bürger zu spät über die Gefahren informiert  worden.

Das Katastrophenschutzmanagement gehöre zur Kernfunktion jedes Kreischefs und jedes Oberbürgermeisters, so der Wissenschaftler. »Keine Bundeskanzlerin, kein Ministerpräsident ist so gut darauf vorbereitet, eine solche Krise zu bewältigen«, sagte Roselieb der »Rhein-Zeitung« .

Der Landkreis Ahrweiler wurde laut SPIEGEL-Informationen vor der Flutkatastrophe in der Nacht auf den 15. Juli präzise gewarnt, ohne jedoch rechtzeitig zu reagieren . »Viele menschliche Opfer hätten verhindert werden können«, sagt Roselieb.

Dass der Voralarm im Kreis Ahrweiler ausblieb, hält der Forscher für unerklärlich. Ihm zufolge hätte die Auslösung eines Voralarms bereits am frühen Abend des 14. Juli erfolgen können, »um Notmaßnahmen einleiten zu können«. Dies sei etwa möglich, wenn »die Pegelstände steigen und steigen, ohne dass schon was Schlimmeres passiert ist«.

Bereits um 17.17 Uhr am 14. Juli hatte das Landesamt für Umwelt in Rheinland-Pfalz die höchste Warnklasse 5 verkündet: Warnungen, die einen Pegelstand der Ahr von 5 Metern vorhersagten – also deutlich mehr als den vorherigen Höchststand von 3,70 Metern.

Die Meldung kam auch im Landratsamt Ahrweiler an, die Kreisverwaltung richtete einen Krisenstab ein. Der jedoch löste nur die zweithöchste Alarmstufe 4 aus und evakuierte zunächst nicht.

Am frühen Abend war die Warnung nach neuen Daten des Deutschen Wetterdienstes zwischenzeitlich auf 4 Meter entschärft, um 21.30 Uhr dann aber auf fast 7 Meter nach oben korrigiert worden. Dennoch hat der Landkreis nach SPIEGEL-Informationen  erst um 23.15 Uhr in einem Lagebericht den Katastrophenfall ausgerufen und Evakuierungsmaßnahmen eingeleitet.

Landrat Jürgen Pföhler begründet seine abwartende Haltung mit diesem zwischenzeitlichen Knick in den Niederschlagsprognosen. Landesinnenminister Roger Lewentz (SPD) kündigte an , die Abläufe an dem Abend würden »exakt aufgearbeitet« werden.

Zu dieser Zeit erging demnach auch die Meldung, die Gebäude 50 Meter rechts und links der Ahr zu evakuieren. Als Pföhler an die Bevölkerung appelliert habe, sich in höher gelegene Stockwerke zu begeben, wurden bereits erste Häuser von den Wassermassen mitgerissen.

»Niemand kann sagen, dass es solche Flutwellen im Ahrtal noch nicht gegeben hat«, betont Forscher Roselieb. »Beim Hochwasser vor 200 Jahren waren die Dimensionen etwa noch gewaltiger.« Vor 100 Jahren sei es ähnlich gewesen. Zudem sei man frühzeitig gewarnt worden. Aus Sicht des Forschers gibt es deshalb keinen Grund, auf eine Flutwelle wie die jüngste nicht vorbereitet gewesen zu sein.

sem/AFP
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