Flutopfer Wem gehört Baby 81?
Kalmunai/Sri Lanka - Als die Todeswelle kommt, schnappt sich Jenita Jeyarajah ihren drei Monate alten Sohn und ihre jüngere Schwester und klettert auf eine Betonmauer. Doch die Gewalt der Flut reißt die Mauer um, und Jenita stürzt mit den Kindern ins Wasser.
Zuerst denkt sie, der Tsunami habe ihren Sohn in den Tod gerissen. Dann erzählt ein alter Nachbar, er habe das Kind gefunden und in ein Krankenhaus in Kalmunai gebracht. Als sie in die Klinik eilt, um ihr Kind zu holen, wird es ihr nicht gegeben: Es gibt schon acht andere Elternpaare, die das Kind für das eigene halten.
Der Säugling mit großen, dunklen Augen, heißt inzwischen Baby 81. Er war der 81. Zugang, der am 26. Dezember in der Klinik registriert wurde. Das Krankenhauspersonal versteckt ihn nachts im Operationssaal, aus Angst, verzweifelte Eltern könnten ihn sonst holen.
Der Kampf um das Kind macht das ganze Ausmaß des Elends deutlich, das die Flut über die Familien in Sri Lanka und den anderen betroffenen Ländern brachte. In Sri Lanka starben mindestens 12.000 Kinder, das sind 40 Prozent aller Opfer. "Es ist eine extrem traurige, herzergreifende Situation", sagt Maleec Calyanaratne, Sprecherin der Nichtregierungsorganisation "Save the Children". "Während die Tage vergehen, treibt die Suche nach den Kindern immer mehr Eltern zu Verzweiflungstaten wie nun in Kalmunai."
Das Schicksal von Baby 81, das zwischen drei und vier Monaten alt ist, liegt jetzt in der Hand der Behörden. Ein DNA-Test soll Klarheit schaffen, wer die echte Mutter ist. "Vielleicht lügen die Eltern nicht, aber der Gentest ist die einzige Möglichkeit", sagt Geburtshelfer K. Muhunthan.
Für die 25 Jahre alte Jenita ist der Kampf um das Kind ein weiterer Albtraum in einem aufgewühlten Leben. "Mit der Welle sind unser Haus und natürlich alle Dokumente über die Geburt unseres Sohnes verschwunden. Fotografien, Geburtsurkunde, alles weg." Ihre Mutter, S. Parameshwarie, erzählt in einem Flüchtlingslager über die Trauer der Familie. Die Herzen ihrer Tochter und ihres Mannes seien gebrochen. "Sie haben alles außer dem Kind verloren. Es ist ihres, es hat dasselbe Lächeln wie meine Tochter."
Das Ehepaar hat das Krankenhaus angezeigt, weil es das Kind nicht herausgibt. Die Klinik wiederum hat inzwischen die Polizei und die Behörden eingeschaltet, weil so viele Eltern das Kind haben wollen. Ein Vater drohte vor der Kinderstation, er werde sich und seine Frau erschießen, sollte ihnen das Kind nicht gegeben werden. Ein Mutter drohte, sie werde die Ärzte töten, sollte sie das Kind nicht bekommen. "Es ist vollkommen verständlich, dass die Menschen so reagieren", sagt der Arzt Muhunthan. "Der Verlust eines Kindes ist nicht erträglich. Und wenn dann ein Kind im selben Alter des eigenen auftaucht, sieht es plötzlich genau so aus."
Baby 81 bekommt zum Glück von dem Drama nicht viel mit. Das Kind spielte am Sonntag unter einem rosafarbenen Moskitonetz und schenkte dem Besucher ein breites Grinsen. Es wurde von einem alten Mann gebracht, der es halb im Schlamm begraben am Strand gefunden hatte. Neben dem Baby hätten mehrere Leichen gelegen. "Es war der schiere Wahnsinn an dem Tag", sagt die Krankenschwester Pushparani. "Wir hatten 550 Tote und nicht genug Marken, um sie zu kennzeichnen. Und zwischen den Leichen saß das Kind und schrie."
Von Tini Tran, ap